VON KALTEN FÜSSEN UND WARMEM LICHT

Ein Wort zum Montag, dem 20. November 2023

VON CORNELIA SENG

Selbst Wollschal und Mütze nützen nichts: Die Kälte steigt von unten hoch. Seit dem Tag des grausamen Überfalls der Hamas-Kämpfer (es waren doch Menschen!) auf Israel stehen wir freitags vor der Synagoge in Kassel. Innen ist Gottesdienst. Der Shabbat beginnt. 

Ganz langsam finde ich meine Worte wieder – die Brutalität des Massakers an fröhlich feiernden Menschen, Kindern und Frauen, hatte mich sprachlos gemacht. Mundtot. Und ich wundere mich, wie schnell manche mit ihren Urteilen waren. Auf der einen Seite Jubel, auf der anderen Israelfahnen. Ich hatte keine Worte und habe sie bis heute nur eingeschränkt. 

Ich stehe mit einer Kerze, – wenn ich sie nicht vergessen habe – vor der Synagoge. Oft muss sie neu angezündet werden, immer wieder bläst der Wind die wärmende Flamme aus. 

Mit einer beeindruckenden Feier im Rathaus haben wir vor wenigen Tagen der Pogromnacht gedacht. Vor 85 Jahren. Gut 6 Millionen Menschen wurden in den Jahren danach von Deutschen umgebracht. Auch die Aufseher in Auschwitz waren Menschen! 

Wann fängt es an, anders zu werden unter uns? Wie finde ich meine Worte wieder?

Die Journalistin Carolin Ehmcke fragt in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung:

„Wie umgehen mit dem Leid, der Gewalt und der tiefen Unsicherheit dieser Tage? Die Antwort kann nicht sein, im Namen der einen den anderen die Menschlichkeit zu verweigern. Sie muss in maximaler Zugewandtheit liegen.“

„Maximale Zugewandtheit“, das wäre es.

Jesus hat gesagt: 

„Wenn ihr nur zu euren Brüdern (und Schwestern) freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ ( Mt 5,45ff)

Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde. Aber ich will es versuchen mit „maximaler Zugewandtheit“.

Carolin Ehmcke schreibt weiter: „Wer Ressentiment mit Ressentiment beantwortet, verliert sich selbst. Das ist, was die Gewalttäter sich wünschen: dass wir uns von allen humanistischen Normen verabschieden. Das ist die Einladung des Hasses, sich ihm anzuverwandeln, die wir ausschlagen müssen. Wir müssen einander zuhören, wir müssen achten auf das, was wirklich gesagt wird und was nur unterstellt wird, was vorgeblich gemeint war, wir müssen differenzieren und präzise Grenzen setzen, was nicht geduldet und ertragen werden kann. Nur das rettet unsere Humanität.“ 

Unsere Humanität zu retten, darum geht es.  

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