1943 kam die große Welle der Verhaftungen: Luise Paul

Aus der Broschüre: „Zeitzeuginnen des 20. Jahrhunderts“ (Remscheid 2007)

Den nachfolgenden Beitrag über die Wermelskirchenerin Luise Paul entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung dem Waterbölles, dem kommunalpolitischen Forum für Remscheid. Der Waterbölles veröffentlicht derzeit in loser Folge einzelne Kapitel aus der 2007 von der Stadt Remscheid herausgegeben Broschüre „Zeitzeuginnen des 20. Jahrhunderts“. Diese Broschüre widmet sich Remscheider Frauen, ihren Kämpfen und Leiden, ihrem Mut und ihrer Standhaftigkeit im Widerstand gegen den Faschismus:

Luise Paul geb. Klesper wurde am 3.4.1912 in Wermelskirchen geboren. Sie kommt aus einer alten sozialistischen Familie. Schon ihr Großonkel hat als Korrektor an der Neuen Rheinischen Zeitung von Karl Marx gearbeitet. Der Großvater Klesper und alle seine fünf Söhne waren engagierte und organisierte Feilenhauer. Sie arbeiteten zusammen in der Haukammer, wo nicht nur gearbeitet, sondern auch eifrig debattiert wurde. In die Haukammer kamen oft die Nachbarn, um sich von den Klespers Rat zu holen.

Mit 13 Jahren wird Luise Klesper Mitglied des Jungspartakusbundes und mit 14 Jahren tritt sie dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands bei. Dort lernt sie mit 16 Jahren ihren späteren Lebensgefährten Hugo Paul kennen. Noch vor der Machtübernahme wird sie Mitglied der KPD. Sie hat Realschule und Handelsschule besucht und arbeitet in den letzten Jahren der Weimarer Republik als Stenotypistin bei der KPD in Remscheid und Solingen, sowie bei dem Einheitsverband der Metallarbeiter in Solingen.

In den ersten Monaten nach der Machtübernahme der Nazis tippt sie in der Wohnung von Emmi Kubatz Matrizen für illegale Flugblätter der KPD, wird aber nach einigen Monaten zum Schreiben bei der Bezirksleitung der KPD in Wuppertal geholt, die später nach Solingen wechselt.

In dem Prozess gegen die Gruppe „Andreas Pflüger“, der Ende 1934 in Wuppertal stattfindet, wird sie für ihre illegale Tätigkeit in Remscheid zu 17 Monaten Gefängnis verurteilt. Ihre Tätigkeit in Wuppertal und Solingen im Jahre 1933 ist zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. Als sie am Ende ihrer Haftzeit erneut wegen ihrer Tätigkeit in Wuppertal und Solingen in Untersuchungshaft kommt, versteht sie es, die vernehmenden Beamten zu irritieren, so dass sie entlassen wird.

In den ersten Monaten danach findet sie keine Arbeit. Erst ab 1936 arbeitet sie in den verschiedensten Betrieben als Stenotypistin und Kontoristin. Ihr Freund Hugo Paul war zu einer Zuchthausstrafe von 2 1⁄2 Jahren verurteilt worden. Nach dieser Zeit kommt er in sogenannte Schutzhaft in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen.Luise Klesper schafft es, zweimal bis zum Gestapo-Hauptquartier bzw. dem Inspektor aller Konzentrationslager und Führer der SS-Totenkopfverbände, Theodor Eicke, vorzudringen und eine Besuchserlaubnis bei Hugo Paul durchzusetzen und seine Entlassung zu bewirken. Nach Hugo Pauls Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen können beide endlich heiraten und bekommen eine Wohnung in Wermelskirchen, Schwanen Nr. 28. Hugo Paul erhält Arbeit bei der Firma Schulte in Wermelskirchen als Werkzeugmacher, ist aber gleichzeitig politisch tätig und nimmt zahlreiche Kontakte im Rheinland und im Bergischen auf. Im Raum Solingen-Remscheid sammelt sich eine Gruppe von Kommunisten, die bei gemeinsamen Wanderungen politische Informationen austau­schen und beraten, wie jeder diese Informationen in seinem Bereich weitergeben kann.

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre. Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden. (Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

Es bestehen Verbindungen nach Wuppertal bis hin nach Velbert. Bereits zwei Zusammenkünfte haben zwischen Hugo Paul und Alois Kaps, einem führenden Mann der Widerstandsgruppe in Wuppertal, stattgefunden. Dabei geht es um die Herangehensweise bei der politischen Arbeit. Hugo Paul hält die mündliche Propaganda für angemessen und richtig. Die zentrale Leitung der KPD gibt aber auch schriftliches Material heraus. Um die Standpunkte zu besprechen, ist ein Treffen zwischen Hugo Paul und Wilhelm Knöchel, dem Mitglied des Zentralkomitees der KPD, vorgesehen. Zu diesem Treffen kommt es nicht mehr.

Anfang 1943 erfolgt die große Verhaftungswelle. Hugo Paul wird am 24.1.1943 durch die Gestapo geholt. Luise Paul berichtet dazu in ihren Erinnerungen: „Luftschutz“ brüllte man vor unseren Schlafzimmerfenstern, die zu ebener Erde an der B 51 lagen und trommelte auf die Schlagläden. Öffnen! Sie standen schon vor unserer Wohnungstüre und hielten zwei Pistolen gegen Hugo. Ich ging zurück ins Schlafzimmer, versteckte die Bücher, in denen Hugo jeden Abend las, unter mein Laken und legte mich darauf. Sie zogen das Laken unter mir fort. ‘Den Friedenskämpfer’, die illegale Zeitung der KPD, die ich unter der Schrankschublade versteckt hatte, haben sie glücklicherweise nicht gefunden. Hugo musste sich anziehen.“

Luise Paul verständigt am nächsten Tag die Genossen in Solingen und Remscheid. Als sie ihren Mann im Wuppertaler Polizeipräsidium besucht, wird sie selbst festgehalten. Erschüttert berichtet sie, wie sie im Februar 1943 die Einlieferung ihres Vaters Fritz Klesper miterlebt: „Er sprach sehr laut, um uns kundzutun, dass er nun auch geholt worden sei. ‘Noch eine Treppe tiefer?’ Ich flehte die Gestapo an: „Lassen Sie doch um Gottes Willen meinen alten Vater los! Schicken Sie ihn nach Hause und halten Sie mich dafür hier!“ Sie hat auch die Einlieferung anderer Mitglieder der Knöchelorganisation erlebt. „Es war eine furchtbare Atmosphäre. Viele waren Todeskandidaten.“

Im Mai 1943 wird sie entlassen. Kurz vor ihrer Entlassung kommt ein Gestapo-Beamter und sagt: „Kommen Sie, Sie können sich verabschieden!“ Er führt sie an die Zellentür Ihres Vaters. Der sieht furchtbar aus. Dann führt sie der Gestapo-Mann an die Zellentür ihres Mannes. Der sieht genauso schlimm aus, alle beide ganz schmal. Soll sie denken, sie sieht beide zum letzten Mal? Mit diesen verzweifelten Gedanken schickt man sie in die Zelle zurück. Später erfährt sie, dass der Vater ins KZ Sachsenhausen und Hugo Paul in das Zuchthaus Lüttringhausen gekommen sind.

Luise Paul informiert ihre Genossen in Solingen und Remscheid über die Verhaftungen und den Verbleib von Hugo. Dass die Remscheider und Solinger Gruppen auch nach der Verhaftung von Luise und Hugo Paul weiterarbeiten, geht aus der Tatsache hervor, dass diese die Miete für die Aufrechterhaltung der Wohnung in Wermelskirchen weiterzahlen.

Hugo Paul wird in dem Prozess am 16. 8. 1944 in Bielefeld vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofs zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Er entgeht knapp der Todesstrafe und wird im Zuchthaus Butzbach bei Gießen inhaftiert. Ein Fluchtplan, den Luise Paul mit ihm und anderen Genossen ausgearbeitet hat, schlägt fehl. Er muss bleiben bis zur Befreiung durch die Amerikaner im Mai 1945.

(Quellen: Tonbandprotokolle mit Luise Paul im Besitz der VVN Remscheid; Ilse Faeskorn: „Es ging um Kopf und Kragen – Leben und Widerstand von Hugo und Luise Paul“; Beatrix Herlemann: „Auf verlorenem Posten – Kommunistischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg – Die Knöchelorganisation“; Kopien von Akten des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf, die sich im Besitz von Luise Paul befinden)

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