WENN TOMATEN PREDIGEN

Ein Wort zum Montag, dem 22. August 2022 

VON CORNELIA SENG

Dicke rote Tomaten liegen auf dem Stuhl neben der Eingangstüre zur Kirche. “Zu verschenken” hat jemand auf den Zettel daneben geschrieben. Heute Morgen ist Jazzgottesdienst in der Klosterkirche zu Jerichow. Die Kirche ist gut gefüllt. Die meisten BesucherInnen werden wohl wegen der angekündigten Musik gekommen sein. Ob da jemand Tomaten mitnehmen wird?

Ich bin als Gastpfarrerin hier und lebe in einer Dienstwohnung, bescheiden zwar, aber Tomaten haben wir. Als ich mich der kleinen Gruppe aus der Kirchengemeinde vorstelle, treffe ich gleich auf die Spenderin der Tomaten. Ob ich sie nicht gebrauchen könne? Sie habe gerade zu viele im Garten und wolle nicht, dass sie umkommen. Entschlossen zieht sie mich zum Eingang. Im Nu landen die reifen Tomaten in meiner Handtasche.

Ich denke an die Geschichte von der Speisung der Fünftausend in der Bibel. “Gebt ihr ihnen zu essen!”, hat Jesus den Jüngern damals gesagt (Lk 9,10–17). Und sie haben weitergegeben, was sie hatten: fünf Brote und zwei Fische. Dabei würde das gerade mal für sie selber reichen! Aber für tausende von Menschen? Auf das Wort Jesu hin teilen sie aus, was sie haben. Und auf wundersame Weise reicht es für alle! Für die unzählbar große Menge hungriger Menschen!

Ich weiß, das ist eine Wundergeschichte. Jesus traue ich das zu, alle satt zu machen. Ist es auch eine Lehr- und Lerngeschichte für die Jünger? Warum sonst sagt Jesus zu ihnen: “Gebt ihr ihnen zu essen!” Und das gilt auch für uns heute. Wenn wir im Vertrauen teilen würden, was Gott uns gibt, bliebe immer noch etwas übrig. Erstaunlich viel bliebe übrig! Und jeder und jede hätte genug zum Leben.

Aber die Geschichte ist auch eine Vertrauensgeschichte. Von dem, was euch gegeben ist, könnt ihr ruhig weitergeben, und ihr werdet nicht zu kurz kommen im Leben! Habt Vertrauen, dass Gott euch versorgt! Teilt, was ihr habt. Es wird reichen. Gott sorgt für euch.

An diesem Sonntag haben mir die Tomaten die Predigt gehalten.

Die Spenderin der Tomaten habe ich ein paar Tage später besucht. In ihrem Garten ist dieses Foto entstanden.

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