Zeitzeichen: „Meine Herren und Damen“

Marie Juchacz’ historische Rede im Reichstag

VON WOLFGANG HORN

Heute vor 103 Jahren, am 19. Februar 1919 sprach Marie Juchacz als erste Frau in einem deutschen Parlament. In Weimar erhielt die SPD-Abgeordneten Marie Juchacz das Wort am elften Sitzungstag. Selbstbewusst kehrt sie die traditionelle bürgerliche Höflichkeitsformel um: „Meine Herren und Damen“. Die Damen im Plenum sollten, so ihre Absicht, gleichberechtigt agieren und ihren männlichen Kollegen dieselbe Höflichkeit erweisen wie umgekehrt. „Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, (…) dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa (…) Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

Erst seit 1908 durften Frauen überhaupt politische Versammlungen besuchen und Mitglied einer Partei werden. Aber erst am 12. November 1918, zehn Jahre später, erließ der „Rat der Volksbeauftragten“ unter Führung von SPD-Chef Friedrich Ebert ein neues Wahlgesetz, in dem das aktive und passive Wahlrecht „für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen“ eingeführt wurde. Von den 17,7 Millionen wahlberechtigten Frauen gingen 82 Prozent zur Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar 1919. 300 Frauen kandidierten, 37 wurden gewählt – unter ihnen eben auch Marie Juchacz.

Marie Juchacz war geschieden und alleinerziehend. Nach Volksschule und Arbeit als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin, später als Krankenpflegerin, begann sie eine Schneiderlehre und heiratete 1903 ihren Lehrmeister, Bernhard Juchacz. 1906 ließ sich Marie Juchacz scheiden und zog mit ihren beiden Kindern nach Berlin. Dort begann ihr Engagement für die SPD. 1908 wurde sie Mitglied und eine bekannte Rednerin. Später war sie hauptamtliche Frauensekretärin im SPD-Bezirk Obere Rheinprovinz in Köln.

Am 13. Dezember 1919 gründete Juchacz die Arbeiterwohlfahrt (AWO), deren Vorsitzende sie bis 1933 blieb. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte sie über Frankreich in die USA. 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde Ehrenvorsitzende der AWO. Marie Juchacz starb am 28. Januar 1956.

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