Kommunalpolitik nach Gutsherrenart

Der Landrat als Frühstücksdirektor

VON WOLFGANG HORN

Gutsherrenart. Während Gutsherrenart in der eher dürren Werbesprache als nach alten, hergebrachten Rezepten, nach Art vergangener Zeiten hergestellt suggerieren soll, bei Wurst und Fleisch etwa oder den Unox-Landsuppen, wer erinnert sich noch?, bedeutet „etwas nach Gutsherrenart tun“ im prallen Leben, in der Sprache menschlicher Erfahrung, nach eigenem Gutdünken zu handeln. Gutdünken. Nach eigenem Ermessen, willkürlich, ohne Skrupel, ohne Einrede, eigenmächtig. Eigenmächtig.

Da sind wir im Kern der Angelegenheit. Es geht um das Kreishaus, genauer um den Stuhl des Landrats. Seit acht Wochen unbesetzt, weil eine Coronainfektion den Landrat, Stefan Santelmann, an der Arbeit hinderte. Und: Weil es unüberhörbar geknirscht hatte im Gefüge der Kreisverwaltung. Vorher. Der Landrat hatte sich mit so ziemlich allen überworfen, dem Corona-Krisenstab zunächst, seinem Vertreter, dem Kreisdirektor, seinen Mitarbeitern, seiner Pressesprecherin, dem Personalrat, mit vielen. Jetzt aber, so berichtet Guido Wagner im Kölner Stadt-Anzeiger in der Wochenendausgabe, steht die Rückkehr ins Amt an. „Der kommt doch nicht wieder zurück!? Ins Kreishaus? Nein …“

Offenbar doch. Die Genesung sei soweit fortgeschritten, daß die Arbeit schrittweise wieder aufgenommen werden könne, zitiert die Zeitung den Landrat. Von ersten „Repräsentationsterminen“ ist die Rede. Denn über alle Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg sei man sich einig in Bergisch Gladbach, so Guido Wagner weiter, daß der zwischenzeitlich wieder funktionierende Krisenstab nicht wieder neu aufgebrochen werden dürfe. Man stehe hinter Kreisdirektor Werdel.

Der CDU-Kreisvorsitzende Uwe Pakendorf möchte eine völlig neue Struktur in der Kreisverwaltung durchsetzen, eine „komplette Umstrukturierung“. Der Landrat solle sich künftig vor allem auf die „Außenvertretung“ des Kreises konzentrieren, auf die Repräsentation. Wie bitte? Der gewählte Landrat, der Chef der Kreisverwaltung präsentiert? Nur noch oder vor allem. Gleichsam als Frühstücksdirektor? Der CDU-Fraktionsvorsitzende, Johannes Dünner, liefert die Begründung: „Es geht um einen Modus Vivendi, eine tragfähige Aufgabenverteilung.“ Aha. Der Kreisdirektor und die Seinen arbeiten, verwalten, regeln und entscheiden. Und der Landrat macht die Honneurs, begrüßt die Gäste und parliert nett als das freundliche Gesicht des Kreises.

Selbst mit den tief aufgerissenen Gräben in der Verwaltung, von denen der Stadt-Anzeiger schreibt, ließe sich eine derartige Konstruktion kaum rechtfertigen. Wenn der Personalrat „schockiert und fassungslos“ darüber ist, wie der Landrat „mit Mitarbeitenden umgegangen sei, wie durch ihn Interessen von Privatpersonen oder Institutionen in die Kreisverwaltung ‚gesteuert‘ worden seien“, wenn auch Mitarbeiter der Kölner Stadtverwaltung von ähnlichen Erfahrungen mit Santelmann als Amtsleiter in Köln bis zum Jahr 2017 berichten, so der Kölner Stadt-Anzeiger, kann doch die Lösung nicht darin bestehen, Santelmann nunmehr zum Frühstücksdirektor ohne weitere Befugnis zu machen, vor dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keine Angst mehr zu haben bräuchten, wie der CDU-Vorsitzende Pakendorf versichert.

Politik nach Gutsherrenart. Der Landrat hat versagt, offenbar selbst in den Augen der ihn tragenden Partei. Die CDU hat sich für Santelmann als Landrat entschieden. Jetzt muß sie eine andere, eine bessere Entscheidung treffen. Eine grundlegende Lösung aber wird verweigert. Stattdessen soll eine Präsentationspöstchen den Landrat und die Mitarbeiter der Kreisverwaltung einstweilen zufriedenstellen. Wie lange? Soll die Bundestagswahl ohne weitere Verwerfungen erreicht werden? Was passiert danach? Fragen über Fragen. Vielleicht beantwortet der neue Präsentationsdirektor des Kreises demnächst die Fragen von Bürgerinnen und Presse freundlich in einem Round-Table-Gespräch in einer möglichst repräsentativen Location im Kreis.

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