Wegen der großen Nachfrage wird ein zusätzlicher JelGi-Kurs angeboten am Freitag, den 6. Dezember, von 13-18 Uhr in der Stadtbücherei Wermelskirchen

Mitten im Kulturknotenpunkt

Mike Altwicker war wieder in Wermelskirchen. Gestern Abend. Am Welttag des Buches. Im schönen Vortragssaal der Stadtbücherei. Karin Ludwig, Leiterin derselben, und Gabi van Wahden, die Buchhändlerin vom Markt, hatten ihn eingeladen, den umtriebigen Buchhändler aus dem Bergischen, genauer gesagt: aus Wiehl.

Und es war wieder ganz so, wie ich es bereits im November beschrieben hatte. Ich klaue also mal ein paar Sätze bei mir selbst: „Warum eigentlich sollte man noch selber lesen, wenn man sich doch auf derart amüsante, kurzweilige, spannende und erhellende Weise über Bücher und Neuerscheinungen, über Literatur und Verlage, über Buchmessen und literarische Entdeckungen informieren lassen kann wie gestern Abend in der Stadtbücherei?“

Und auch gestern war der Veranstaltungsraum der Stadtbibliothek rappelvoll. Die Altwickersche Fangemeinde gedeiht offenbar. Über Neuerscheinungen wollte Altwicker referieren. Und es wurde, mal wieder, ein vergnüglicher Parforceritt durch den Literaturbetrieb. Angefangen bei den selbstverschuldeten Nöten der schwedischen Akademie, die alljährlich als Jury die Literaturnobelpreisträger auslobt. Die Beschreibung der Akademie-Affaire um Belästigung, Korruption und Geheimnisverrat endete in der eher bangen Spekulation, ob wir in diesem Jahr denn überhaupt einen Literaturnobelpreisträger zu Gesicht bekommen werden. Immerhin sei es in der Geschichte der Akademie nur ein einziges Mal vorgekommen, nämlich 1796, daß eins der 18 auf Lebenszeit gewählten Akademiemitglieder vor seinem natürlichen Ende aus dem erlauchten, aber nicht erleuchteten Gremium ausgeschieden sei. Seinerzeit wegen eines Todesurteils samt sofortiger Vollstreckung wegen Hochverrats. Das hat sicher kaum jemand in der großen Runde gestern Abend bereits gewußt. Ich jedenfalls nicht.

Ein rotes Sofa, wie es den Anschein hat und oft auch schon so beschrieben worden ist, ist es nicht, auf dem Mike Altwicker Platz genommen hatte. Es handelt sich eher um einen sehr breiten Sessel, in dem man sich aber ebenso lümmeln kann wie auf einem Sofa. Pippi Langstrumpf, so ging es weiter in der frei assoziierten Altwickerschen Perlenkette von Geschichten und Rand-Geschichten aus dem Literaturbetrieb, Pippi Langstrumpf also habe die Deutschen literarisch mehr sozialisiert als etwa Hermann Hesse oder Thomas Mann. Ein Satz mit Wucht.

Heute sei der 23. April. Also komme morgen (das ist heute, am 24. April) der neue Schätzing heraus: Die Tyrannei des Schmetterlings. Autor: Frank Schätzung aus Köln. Nichts weiter. Einfach nur ein Hinweis. Autorennamen schwirren durch den hohen Raum, Buchtitel, Verlagsbezeichnungen. Mike Altwicker ist voller Literatur. Für seine Literaturhinweise hat er den Veranstaltern 20 aktuell erschienene Bücher genannt, die er besprechen könne. Aus dieser Liste könne man acht bis zehn Bücher auswählen, über die er sich dann auslasse. Mir scheint, er hat fast alle Neuerscheinungen des Frühjahrs gelesen und nur ganz wenige ausgelassen.

Zur Literatur-Comedy wird die Buchvorstellung vollends, wenn Altwicker aus seiner Buchhändlerpraxis plaudert. Beispielsweise betritt eine komplette junge Familie den Laden, der Vater hat das bestenfalls vier Wochen alte Baby vor den Bauch geschnallt, und die Mutter fragt forsch: “Wir hätten gerne was zu frühkindlicher Förderung.“ Wie der Buchhändler an seine Grenzen gefragt wird, ist seinem Gesicht anzusehen. Oder, anderer Kunde: „Ich hätte gerne ein Buch, in dem keine Liebe und kein Tod vorkommt.“ Es gebe aber keine Literatur ohne Liebe oder Tod, kann der Literaturexperte dem nur entgegenhalten.

Acht Bücher waren es, die Altwicker im einzelnen vorstellte:

Ein Krimi, der kein Krimi ist: „Nachts, wenn mein Mörder kommt“ von Deborah Bee, Atrium Verlag, Thriller, 250 Seiten, ISBN 9783855350230.  Ein Buch mit schlechtem Cover, so Altwicker, nicht gut genug vermarktet, aber ungeheuer spannend. Altwicker versteht die Kunst, die Zuhörer auf den Pfad zum Buch zu bringen, ihn mitzunehmen, viel zu erzählen, aber nichts zu verraten, Spannung aufzubauen, den Leser aber nicht ins Ziel zu führen.

 

 

 
„All die Jahre“, Roman von J. Courtney Sullivan, Deuticke Im Zsolnay Verlag, 460 Seiten, ISBN-13 9783552063662.

Eine berührende irische Familiensaga zweier ungleicher Schwestern, psychologisch feinfühlig und genau erzählt.

 

“Der Zopf”,  Roman von Laetitia Colombani, S.Fischer Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-10-397351-8. 

Eine Roman nach französischer Erzählweise, “raffiniert gemacht”, mit “großartigem Cover”. So der bergische Literaturpabst.

 

 

“Seht, was ich gemacht habe”, Roman von Sarah Schmidt, Pendo Verlag, 384 Seiten, ISBN 9783866124356.

Das packende und verstörende Romandebut der australischen Autorin, nach einem wahren Kriminalfall, der sich am 4. August 1892 im Haus von Lizzie Borden zugetragen hatte. “Nicht wirklich etwas für schwache Nerven.”

 

“64”, Kriminalroman von Hideo Yokoyama, Atrium Verlag, 768 Seiten, ISBN 978-3-85535-017-9.

64 verweist in diesem Fall auf das 64. Jahr der Regentschaft des Kaisers Hirohito, also den Zeitraum zwischen dem siebten Januar 1988 und dem siebten Januar 1989. “Mein Gott, sind die Kirschblüten kitschig.” Diese Kritik bezieht sich indes lediglich auf die Covergestaltung. Nicht nur die Gestaltung des Kriminalfalls sei meisterlich gelungen, sondern auch die bisweilen befremdlich anmutende Schilderung gesellschaftlicher Strukturen Japans,  der unumstößlichen Regeln und Grenzen, der Kotaus, der Angepasstheit, der “Ehre”.

“Nachsommer”, Roman von Johan Bargum, Mareverlag, 144 Seiten, ISBN 978-3-86648-260-9 .

Eine “wunderbar komponierte” Novelle um ein Brüderpaar, einen Bruderzwist, einen Brüderkampf. Eine kurze Geschichte um Zurücksetzung und Bevorzugung, um ungleich verteilte Mutterliebe.

 

 

“Die Vergessenen”, Roman von Ellen Sandberg, Penguin Verlag, 512 Seiten, ISBN 978-3-328-10089-8.

Die erschütternde Geschichte einer wahren Begebenheiten im 2.Weltkrieg, kombiniert mit einem fiktiven Kriminalfall. Ellen Sandberg ist das Pseudonym einer erfolgreichen Münchner Autorin, deren Kriminalromane regelmäßig auf der Bestsellerliste stehen.

“Die Frau, die liebte”, Roman von Janet Lewis, dtv Literatur, 136 Seiten, ISBN 978-3-423-28155-3. 

Der Verlag habe die Qualitäten eines “literarischen Trüffelschweins”. So Mike Altwicker in seiner Laudatio. Es geht um einen historischen Gerichtsfall aus dem 16. Jahrhundert. Eindringlich werde, “literarisch vollendet”, über das Wesen der Sehnsucht räsoniert.

 

 

 

Zwischendurch ging es noch um die Kinder von Bullerbü, um die immer wieder schönen Ausstellungen in der Stadtbücherei, um die Unterschiede von Krimis und Thrillern, um Anna Karenina, um die Vorzüge französischer oder russischer Erzählweisen – um allerhand, das ich jetzt leider nicht mehr vollständig aufzuzählen vermag.

Ach ja, die Überschrift: Kulturknotenpunkt. Man solle, so die dringliche Aufforderung von Mike Altwicker ans versammelte Auditorium, man solle mindestens einmal wöchentlich in die Buchhandlung gehen und in die Stadtbücherei. Bei diesen Einrichtungen handele es sich um die Kulturknotenpunkte einer Kommune. Wenn man die vernachlässige, dann verschwänden sie irgendwann, würden sie eingespart. Die Tradition einer Bücherei müsse auf jeden Fall erhalten bleiben. Eines Hauses, das Literatur vorhalte für jene, die sich keine Bücher leisten könnten. 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.