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„Wolfgang Schäuble – Macht und Ohnmacht“. Von Stephan Lamby (tagesschau 24, So., 17.09.2017, 21.00-22.15)

Von Fritz Wolf

Das Porträt von Wolfgang Schäuble in der ARD. Der deutsche Finanzminiser gab im Griechenlandkonflikt das Bild des knallhart agierenden Deutschen ab, das jetzt von den Flüchtlingshelfern gerade übermalt wird. Stephan Lambys Porträt ist etwas für Leute, die für Politik mehr als nur Stammtischparolen zur Verfügung haben. tagesschau 24, So 17.09.2017, 21.00-22.15

15 Sekunden lang war der Ausschnitt aus Stephan Lambys Schäuble-Porträt, der dann seine Runde durch die Nachrichten machte. Es ging um die Antwort auf die Frage nach den Spendern, die Helmut Kohl anonym halten wollte: „Es gab keine Spender“. Sekunden später, typisch Schäuble, der Nachsatz, vielleicht habe es doch auch Spender gegeben. Aber es habe sich halt noch um schwarze Kassen aus der Flick-Affäre gehandelt.

Nun müsse die bundesdeutsche Geschichte mal wieder umgeschrieben werden, war eine der Reaktionen auf diese Aussage, was sie natürlich nicht muss. Aber sie Szene zeigt doch auch, neben den immer wieder erstaunlich kurzatmigen Reaktionen der Nachrichtenmedien, dass Stephan Lamby zu den wenigen Autoren gehört, die nicht nur Politik und Politiker ernst nehmen (und ernst genommen werden), sondern auch über lange Erfahrung im Geschäft verfügen und deshalb auch Fragen stellen können, auf die andere gar nicht kommen. Über Schäubles Antwort war freilich auch Lamby überrascht.

Lamby spannt sein Porträt von Finanzminister Wolfgang Schäuble auf den Rahmen der Griechenland-Krise der letzten halben Jahre, in der dieser einer der tragenden Protagonisten war. Ein halbes Jahr hat er den Minister begleitet, zu den Sitzungen in Brüssel, den Treffen mit dem griechischen Kollegen Yannis Varoufakis, zu internen Besprechungen mit seinen Beratern und auch zu einer Sitzung mit Investmentbankern der Wallstreet, die sich wegen der Griechenland-Krise Sorgen um die weltwirtschaftliche Stabilität machen. Mit eigenen Kommentaren hält der Autor sich weitgehend zurück, steuert freilich auch manchmal eine orientierende Beobachtung bei, etwa dass Schäuble bei bestimmten Fragen ausweiche.

Wobei: begleiten ist ein Euphemismus. Natürlich bleibt auch hier die Kamera meist vor der Tür stehen. Mit den Bankern gibt es ein Familienfoto, ein paar Gesprächsfetzen aus den Treffen mit seinen Beratern sind zu hören, sie verraten ein klein wenig von seinem toughen Arbeitsstil. Und von den Gesprächen mit Varoufakis gibt es auch nur die offiziellen Termine, die freilich auch Aufschluss über die Verhältnisse geben: „Wir stimmen noch nicht einmal darin überein, dass wir nicht übereinstimmen“ – säuerliches Lächeln von Schäuble. Es braucht schon Journalismus, Recherche. Lamby interviewt auch Varoufakis, konfrontiert Schäuble damit damit und macht so das Wechselspiel der beiden Politiker sichtbar. Der griechische Finanzminister bekommt Platz für die Sicht seiner Dinge, Lamby beteiligt sich nicht am allgemein üblichen Varoufakis-Bashing, auch nicht visuell (Motorrad, Lederjacke, offener Hemdkragen) . Varoufakis Statement, die „Eurozone“ sei eine Erfindung von Schäuble, ein politischer Raum, in dem er seine Macht ausübe, ein politisches Konstrukt ohne Satzung und ohne Mandat, das bleibt im Film durchaus unwidersprochen so stehen.

Freilich spielt auch der Film das Duell-Format aus, Mann gegen Mann, der Schöne gegen den Grimmigen, das die Medien in diesen Wochen so sehr strapaziert hatten und man darf schon fragen, ob das der politischen Lage und der Dramatik der Situation angemessen ist. Schäuble spielt etwas kokett damit: „Ich bin ein alter, etwas müder und manchmal mürrisch aussehender Mensch, da kann ich nicht mit solch einem Popstar konkurrieren.“
Eingebettet in die Griechenland-Verhandlungen sind die wesentlichen Stationen von Schäubles Karriere. Aufstieg an der Seite Kohls, der Mann fürs Grobe, Fraktionschef. Flick-Spendenaffäre, Einigungsvertrag, das Attentat, das ihm ein Leben im Rollstuhl bescherte. Der Machtkampf mit Kohl, der wohl zu den dramatischsten politischen Phasen gehörte, über die Schäuble sich immer noch erbittert äußert, von kriminellen Machenschaften spricht. Und auch wenn ihm zwei mögliche Spitzenpositionen in der politischen Elite, die Kanzlerschaft und das Bundespräsidentenamt verwehrt blieben, hat Schäuble die meisten seiner Parteifreunde politisch überlebt. Kohl auf jeden Fall.

Aber von welcher Politik reden wir? Der Autor scheint entsprechende Kenntnisse bei den Zuschauern vorauszusetzen. Die Grundprinzipien Schäubles, seine eigenen Leitlinien, sein konservatives Weltbild, seine Wirtschaftsfixierung, sein Gesellschaftsbild, also seine politischen Inhalte, das alles wird kaum in Konturen sichtbar. Ob Schäuble nicht vielleicht auch deshalb in der Griechenlandkrise so hart agierte, weil er eine erfolgreiche linke Regierung nicht akzeptieren wollte oder konnte, das wird nicht einmal angedacht, geschweige denn gefragt. Lamby bleibt auf der Ebene nicht der Inhalte, sondern der Mechanik von Machtgewinn und Machterhalt. Er wählt einen anderen Gesichtspunkt: Schäubles immer wieder erkennbare Loyalität zum jeweiligen politischen Führungspersonal Kohl und Merkel. Ein „Staatsdiener“ im Wortsinn sei Schäuble, so der Kommentar des Autors, ein Mann, der für seine Überzeugungen auch bis an die Grenzen seiner körperlichen Kraft gehe. Ein Mann, der sich für andere auch mal die Hände schmutzig mache.

Ein Heldenporträt im Sinne des bismarckgleichen gusseisernen Finanzministers ist das jedenfalls nicht. Auch einige private Momente tauchen auf. Schäubles Frau und seine Tochter geben vor der Kamera Auskunft, aber kaum Einblicke ins private Leben, wofür Lamby sich auch nicht interessiert. Es geht um Haltungen. Etwa dass Schäuble es schaffte, seine schwere Behinderung frühzeitig als gegeben anzunehmen und sich der Realität zu stellen. Er habe sich nie, wie Stefan Willecke in seinem schönen ZEIT-Porträt im Juni schrieb, als einen Behinderten verstanden, der Politik macht, sondern als einen Politiker, der im Rollstuhl sitzt.

Die Qualitäten des Porträtfilms von Stephan Lamby bestehen also weniger darin, dass er die politischen Grundkonstanten des Politikers Schäuble herausarbeitet, sondern ihn bei der Arbeit des Politikmachens beobachtet. Etwa Schäubles großartiges Verhältnis zur Ironie, mit der er seine Gesprächspartner konfrontiert. Mit seiner ständigen Lust, sein Gegenüber auch mit verrätselten Bemerkungen und halb geöffneten und halb wieder verschlossenen Antworten herauszufordern. Wie in der eingans erwähnten Szene zu den Spenden. Oder als er erwähnt, Angela Merkel habe ihm keine Zusagen zum Bundespräsidentenamt gegeben, „das ist soweit in Ordnung“, um dann gleich wieder nachzusetzen „oder auch nicht.“ Man kann sich schon gut vorstellen, was für ein schwer zu fassender Verhandlungspartner Schäuble in der Politik sein kann.

Und so liegt doch auch grade in diesen kleineren Szenen auch eine politische Qualität dieses Films. Es ist nicht nur aufschlussreich zu erfahren, wie Schäuble am Ende der Griechenlandkrise mit seinen Beratern den Plan ausgearbeitet hat, mit der Forderung nach einem Grexit auf Zeit der griechischen Regierung den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Aufschlussreich sind auch Details. Schäuble, nach seiner Einschätzung des Referendums in Griechenland gefragt, gesteht ein, er habe keine Ahnung von der Stimmung in Griechenland. Und im Gespräch über die Auseinandersetzung mit Varoufakis dringt hier und da der machtbewusste Oberlehrer in der Sprache durch: „Das war ihm oft genug gesagt worden“. Und er hat nicht hören wollen. Na sowas.

www.wolfsiehtfern.de

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