Ein Wort zum Montag, dem 13. Juni 2022
VON CORNELIA SENG
Da liegt sie vor mir auf dem Schreibtisch, die kleine Perle. Tropfenförmig, fein schimmernd.
Ich durfte sie mitnehmen. Sie stammt aus einem Kunst-Projekt von Birthe Blauth. Für dieses Projekt wurde die katholische Kirche St. Elisabeth in der Stadtmitte von Kassel zur Verfügung gestellt, denn bald eröffnet die Dokumenta. „My Precious Pearl From Paradise“ heißt es. In dieser Woche finde ich Zeit zur Besichtigung. In großen Buchstaben prangt der Titel an der Fassade der Kirche. „Meine kostbare Perle aus dem Paradies“, übersetze ich mir. Was erwartet mich hier? Die Schuhe soll man ausziehen beim Betreten des Projektes, habe ich in der Zeitung gelesen.
Im Vorraum ist es dunkel. Ich stelle die Schuhe ins Regal. Barfuß betrete ich die Kirche. Für dieses Kunst-Projekt wurde die Kirche komplett ausgeräumt und mit weichem, hellgrünem Kunstrasen ausgelegt. In der Mitte des Raumes steht eine große Schale, gefüllt mit Perlen. Von ihr geht eine fast magische Anziehungskraft aus. Sie scheint von innen zu leuchten. Jeder und jede darf sich „ihre“ Perle mitnehmen. So ist es von der Künstlerin gedacht.
Mit Bedacht wähle ich „meine Perle“ aus. Meine Perle „from paradise“. Was sehe ich in ihr? Wofür steht mir die Perle? Was ist mir wirklich wichtig und wertvoll?
Mir fällt das Gleichnis von Jesus ein: Ein Mensch fand eine kostbare Perle. Er verkaufte alles, was er hatte, und kaufte diese eine Perle. So ist es mit dem Reich Gottes. So teuer und kostbar kann es einem sein, was Jesus gelebt und gepredigt hat.
Mit diesen Geschichten von Jesus bin ich aufgewachsen. Sie haben mein Leben geprägt. Bis heute. An ihnen halte ich mich fest. An der Geschichte vom „Scherflein der armen Witwe“ zum Beispiel: Von dem wenigen, was sie hatte, gab sie alles, auch wenn es nur ein Groschen war. Reiche Groß-Spender gaben weit mehr. Aber vom Reich Gottes aus gesehen, waren es nur Peanuts. Die Geschichte ist einfach. Jeder kann das verstehen. Es geht um Umwertung der Werte. Es geht darum, was wirklich zählt im Leben: Hingabe, Vertrauen und Liebe.
Warum hat die Künstlerin einen Kirchraum gewählt für ihr Projekt? Was will sie damit sagen?
Das Kruzifix hängt groß an der Wand.
Übersehen kann man es eigentlich nicht.
Der Eintritt ist frei.
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