Wie ein nasser Sack

Ein Wort zum Montag, dem 24. Januar 2022

VON CORNELIA SENG

In diesem Jahr habe ich mir eine Jahreskarte für die Kasseler Museen gekauft. Die „Galerie Alter Meister“ im Schloss Wilhelmshöhe ist immer ein schnell erreichbares Ziel. So kann ich auch nur die Bilder einer Etage anschauen oder auch nur wegen eines Bildes kommen. So auch in dieser Woche. Ich will ein Bild aufsuchen, das mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf geht.

Die „Befreiung Petri aus dem Gefängnis“ heißt das Bild von Benjamin G. Cuyp, um 1640 in Dordrecht entstanden, erklärt mir die kleine Tafel daneben. Das Bild beschreibt eine Szene aus der Apostelgeschichte (Kapitel 12). Der König Herodes verfolgte die Gemeinde der Anhänger Jesu. Einer der Apostel, Jakobus, war schon zu Tode gekommen. Nun war auch Petrus gefangen. Stark bewacht muss er die Nacht im Gefängnis verbringen. Er ist in Todesgefahr. Doch ein Engel des Herrn befreit ihn. Die Ketten fallen ab, die Tore springen auf. Ein helles Licht dringt in den Kerker.

Das Bild mag ich sehr. Der Maler muss Humor gehabt haben. Die Wächter haben rote Nasen, sie werden zuviel getrunken haben. Und Petrus hockt auf seinem Schemel wie ein nasser Sack. Der Engel des Herrn muss ihn beim Kragen packen und ins Licht schleifen. Es ist klar, wer hier am Werk ist: Es ist Gottes Kraft.

Ganz anders das Bild daneben. Es zeigt genau dieselbe Szene und stammt von einem anderen Maler: „Aert J. van Marienhof“ signiert 1649. Ein Zeitgenosse „meines Malers“ also. Aber hier bleiben die schlafenden Wachen dezent im Hintergrund. Petrus sitzt über ein dickes Buch gebeugt – die Heilige Schrift? – mit gefalteten Händen. Er scheint den Engel zu erwarten. Ein kraftvoller Petrus, fromm und gefasst, auch im Gefängnis gibt er sich keine Blöße. Zweimal Petrus, zweimal dieselbe Situation. Und doch ganz anders. War er stark und gefasst? Oder geknickt und müde? Langweilig kommt mir das zweite Bild vor. Tatsächlich habe ich es eine ganze Weile übersehen.

Heute habe ich Mühe mit dem Nachfolger auf dem „Stuhl Petri“. Warum kann der alte Papst nicht zu seiner Verantwortung stehen? Die Taten waren furchtbar und das Vertuschen auch. Es ist mir peinlich, wie er sich herausredet. Ich würde ihn gerne in die „Galerie Alter Meister“ einladen und vor die beiden Bilder stellen. Wie sympathisch das Bild ist, auf dem Petrus wie ein nasser Sack an der Hand des Engels hängt! Er braucht nichts zu beschönigen. Ob der alte Papst das auch so sehen würde wie ich?

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