VON WOLFGANG HORN
Im Grunde ist es ganz einfach. Ein hochinfektiöses Virus bedroht seit knapp zwei Jahren weltweit die Menschen. Zunächst konnte die Ansteckungsgefahr nur durch die teils radikale Reduzierung von persönlichen Kontakten gebannt werden, durch die flächendeckende Verwendung von Mund- und Nasenschutzmasken, die konsequente Einhaltung der Hygieneregeln sowie die regelmäßige Lüftung der Innenräume, um den Virusaerosolen keine Chance zu geben, die menschlichen Schleimhäute zu besiedeln.
Aber seit vielen Monaten gibt es, gottlob, Impfstoffe, die die Wirksamkeit der noch ansteckenderen Deltavariante des Virus stark einschränken. Die Voraussetzung dafür wäre, daß sich die erwachsene Bevölkerung möglichst vollständig impfen läßt. Kinder können bislang noch nicht vollständig geschützt werden, ebensowenig wie Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Die Impfstoffe schützen den einzelnen weitgehend, aber nicht hundertprozentig. Jedenfalls verlaufen Infektionen und Krankheiten bei geimpften Personen erheblich moderater als bei jenen, die nicht geimpft sind. Auch können bereits vollständig Geimpfte das Virus weitergeben. Allerdings ist die Viruslast geringer als bei Nichtgeimpften, die Viren sind auch weniger wirksam und die Zeiträume, in denen das Virus weitergegeben werden kann, sind kürzer als bei ungeimpften Infizierten.
Es handelt sich um neuartige und in vergleichsweise kurzer Zeit entwickelte Impfstoffe, die jedoch durch die weltweite und milliardenfache Verwendung als ungewöhnlich gut erforscht gelten. Die Fachleute wissen um Nebenwirkungen und informieren öffentlich darüber, die wissenschaftliche Community tauscht sich weltweit und aktuell aus. Angesichts dieses konkreten Zustandes des Infektionsgeschehens und der weltweiten Anstrengungen zur Eindämmung der Pandemie kann es eigentlich nur um eins gehen: Alle weiteren Maßnahmen der Coronabekämpfung müssen sich darauf richten, die noch vorhandenen Schutzlücken zu schließen.
War anfänglich, weil die Impfstoffe neu waren und Therapien nicht erforscht, Konsens, daß es keine Impfpflicht geben solle, sollte man nunmehr entgegensteuern. Von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Altenpflege vor allem geht eine erhebliche Gefährdung im persönlichen Kontakt mit den hochgefährdeten älteren Bewohnern der Heime und Residenzen aus. Dieses Personal sollte zu einer Corona-Impfung verpflichtet werden, ebenso wie das medizinische und pflegerische Personal in Krankenhäusern, das aber im Unterschied zum Personal in den Heimen weitgehend bereits für persönlichen Impfschutz gesorgt hat. Zudem sollte man bei Pädagogen, Lehrern und anderen Mitarbeitern von Schulen und Bildungseinrichtungen ebenfalls eine verpflichtende Impfung in Betracht ziehe. Bei Kindern ist der Verlauf einer Erkrankung in der Regel zwar sehr moderat, mitunter gar symptomfrei; aber infolge der derzeit extrem hohen Inzidenzzahlen ist nicht auszuschließen, daß bei einer doch beträchtlichen Anzahl von Kindern und Jugendlichen ernsthafte Komplikationen auftreten können, etwa das vielbesprochene Long-Covid-Syndrom.
Und schließlich: Der Gesundheitsschutz muß sich ausschließlich am Ziel orientieren, die Pandemie einzudämmen und Bedingungen herzustellen, die der Gesellschaft insgesamt und der übergroßen Mehrheit ihrer Bürgerinnen und Bürger die optimalen Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten bietet. Politik und auch die mediale Kommunikation sollten einen rationalen Bezugsrahmen liefern, wissenschaftlich fundiert, von Experten begleitet und evaluiert, der eine vernunftgesteuerte gesellschaftliche Debatte um Vorzüge und Nachteile der jeweils einzelnen Maßnahmen der Virusbekämpfung und der zeitlichen Verläufe der verschiedenen Etappen dieser Kampagne möglich macht.
Eine Lehre aus der krisengetriebenen Politik unter Coronabedingungen muß sein, auf all jene zu setzen, die sich entschieden testen und impfen lassen, die übergroße Mehrheit der Menschen im Land. Diese große Mehrheit hält sich an die Regeln, läßt sich testen, wann immer es erforderlich ist, hat das Impfangebot angenommen und zeigt nun die Bereitschaft, durch eine sogenannte Boosterimpfung den Schutz des einzelnen zu erhöhen und sich wie ein Schild zum Schutz vor die vulnerablen Gruppen im Land zu stellen. Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung war und ist auch zum zeitlich befristeten Verzicht auf die Wahrnehmung bestimmter öffentlicher Angebote bereit, wie in den Lockdown-Phasen eindrucksvoll zu erkennen war. Die Mehrheit der Menschen im Land befürwortet auch 2G-Regelungen in Restaurants, Cafés, Hotels oder Kultureinrichtungen. Die übergroße Mehrheit der Menschen im Land ist am eigenen Schutz, dem der Familie und von Angehörigen sowie der Freunde und Kollegen interessiert und hat die Fähigkeit zur Empathie nicht verloren. Solidarität, Nächstenliebe, Verantwortung, Brüderlichkeit, Hilfe und Beistand werden in unserem Land gelebt, wie in vielen Krisensituationen immer und immer wieder erfahren werden kann.
Nur eine kleine Minderheit widersetzt sich in egomanischer Überschätzung und bar jeder Expertise diesem rationalen und verantwortungsgesteuerten Verhalten und fordert lautstark und unangemessen, mit Extremisten aller Couleur im Beiboot oder gar von ihnen gesteuert, ein sofortiges Ende aller Coronamaßnahmen und nimmt damit die gesundheitliche Schädigung in erheblichen Größenordnungen der hier lebenden Menschen in Kauf. Es handelt sich um eine asoziale und verantwortungslose kleine Minderheit, an der politisches und exekutives Handeln sich auf keinen Fall orientieren darf.
Politik darf sich nicht mehr treiben lassen von jenen, die im Kampf gegen das Virus jede klare Strategie anzweifeln. Journalisten und das Mediensysteme sollten jenen, die das Impfen falsch finden, die das Maskentragen für eine Überforderung halten und überhaupt alles ablehnen, was Bundes- und Landesregierungen bislang gegen die Pandemie versuchten, nicht permanent eine Bühne bieten, die in keinem Verhältnis zur zahlenmäßigen Größe dieser Gruppen oder ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und Bedeutung stehen. Diese Kräfte sind für einen klaren Kurs nicht zu gewinnen. All die anderen aber, die bis heute im Kampf gegen das Coronavirus mitmachen, sollten die Regierungen von Bund und Ländern nicht warten lassen und erst recht nicht vergraulen. Oder es werden auch die an der Politik verzweifeln, die trotz großer Fehler bis heute an sie glauben.
Oh man, vielleicht mal die Seite vom RKI richtig lesen:
Da steht mit Datum vom 2.11.2021 doch tatsächlich auf der Seite der obersten Bundesbehörde in Sachen Gesundheit das faktische Gegenteil dessen, was sozusagen der Kern der heutigen Corona-Politik ist: „In welchem Maß die Impfung die Übertragung des Virus reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden.“ Es heißt zwar: „In der Summe ist das Risiko, dass Menschen trotz Impfung PCR-positiv werden und das Virus übertragen, auch unter der Deltavariante deutlich vermindert.“ Deutlich ist aber nicht einmal eine Größenordnung. Diese Formulierung lässt alles im luftleeren Bereich.
https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/FAQ_Transmission.html
Man könnte zugespitzt auch von einer klammheimlichen Bankrotterklärung der Regierung im Kleingedruckten sprechen. Im Zweifelsfall wird man später sagen können: „Aber wir haben das doch schon im November 2021 korrigiert.“ Ja. Aber unter Ausschluss des Großteils der Öffentlichkeit.
https://web.archive.org/web/20211022143445/https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/FAQ_Transmission.html
Auch folgende Aussagen wurden von der Seite gestrichen:
Die Impfung hat eine hohe Schutzwirkung (mindestens 80%) gegen schweres COVID-19, unabhängig vom verwendeten Impfstoff (Comirnaty von BioNTech/Pfizer, Spikevax von Moderna, Vaxzevria von AstraZeneca).
Die derzeitige Datenlage zeigt darüber hinaus, dass die Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff wie auch mit mRNA-Impfstoffen zu einer deutlichen Reduktion der SARS-CoV-2-Infektionen (symptomatisch + asymptomatisch) führt (Schutzwirkung etwa 80-90% nach der 2. Impfstoffdosis).
Stattdessen steht dafür nun auf der Seite: „Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass Menschen nach Kontakt mit SARS-CoV-2 trotz Impfung PCR-positiv werden und dabei auch infektiöse Viren ausscheiden.“ Die Behörde versucht sich zwar auch in Schadensbegrenzung: „Die Virusausscheidung bei Personen, die trotz Impfung eine SARS-CoV-2-Infektion haben,“ heißt es da, sei „kürzer als bei ungeimpften Personen mit SARS-CoV-2-Infektion“. Aber um wie viel? Stunden? Tage? Wochen? Das RKI hüllt sich in Schweigen.
Der Text ist voller kleiner Bomben, die man zwischen den Zeilen lesen kann.
Da steht etwa: „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person trotz vollständiger Impfung PCR-positiv wird, ist signifikant vermindert.“ Woher bitte weiß man das, wenn man keine Aufschlüsselung vorweisen kann, wie viele Geimpfte getestet wurden, und die vielen Ungeimpften, die ja keine Testpflicht mehr haben, deshalb signifikant seltener zum Testen gehen dürften?
Sodann schreibt die Behörde: „Zudem lässt der Impfschutz über die Zeit nach und die Wahrscheinlichkeit, trotz Impfung PCR-positiv zu werden, nimmt zu.“
Bisher galt als Ketzer, wer daran zweifelte, dass ein positiver PCR-Test für eine Erkrankung stehe. Nun übernimmt das RKI die Sprache seiner Kritiker und unterscheidet plötzlich zwischen „PCR-Positiven“ und „Infizierten“ bzw. „Corona-Kranken“ – bei Geimpften.
Fazit: Die Streichungen des RKI hätte einen Aufschrei in den Medien auslösen müssen. 1G und 2G hätten sofort massiv in Frage gestellt werden müssen.
Das Gegenteil ist der Fall.