FEEL THE HOUSE – die etwas andere Architektur­ausstellung der Bergischen Universität

“Unglaublich viele Häuser sind wahnsinnig schön”

VON UWE BLASS

Wuppertal | Sogenannte „anonyme Architektur“ zeigen, an der man normalerweise vorbeiläuft: Dem widmet sich eine Fotoausstellung, die am 11. Oktober am Wuppertaler Hochschulstandort Haspel, Haspeler Str. 27 in einem speziell dazu umgebauten Mobil zu sehen ist, bevor sie auf große Deutschlandtour geht.

Wie beschreibt man ein Haus, dass einem gut gefällt? In der Regel beschreibe man es mit Adjektiven, die ein Gefühl auslösen, dass einfach aus dem Bauch komme, erklärt Georg Giebeler, Architekt und Leiter des Lehrstuhls Bauen mit Bestand und Baukonstruktion an der Bergischen Universität. Ein Haus könne demnach als elegant, kitschig, luxuriös, brutal oder trostlos empfunden werden, je nach Emotion des Betrachters. Am 11. Oktober können Wuppertaler_innen diese einmalige Ausstellung, die sich der anonymen Architektur widmet, in einem speziell dazu umgebauten Mobil am Hochschulstandort Haspel ansehen, bevor sie auf große Deutschlandtour geht. „Die ganz normale, feine Architektur, die irgendein engagierter Architekt – Architektinnen gab es damals nur wenige – in den 70er Jahren schön gedacht, geplant und gebaut hat, ist aus dem Blickwinkel verschwunden“, sagt Giebeler, „es gibt sehr viel dieser guten Architektur, die einfach so dasteht und um die sich keiner mehr kümmert. Viele von diesen Gebäuden sind tatsächlich nicht geschützt und es geht darum, auch dieses Erbe zu erhalten.“

Das Haus-Archiv entsteht

Bereits in den 90er Jahren hat Giebeler das sogenannte Haus-Archiv gegründet, als er noch wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Architekturfakultät an der RWTH Aachen war. „Da habe ich zum ersten Mal mit Studierenden angefangen, Häuser zu sammeln; und zwar Häuser der alltäglichen Architektur, die nicht berühmt ist“, erklärt er seine Idee. Daher finden sich auch keine Gebäude namhafter Architekten unter den gesamten Fotos, sowie Theater, Opernhäuser, Rathäuser oder Sonderbauten, zu denen auch unsere Historische Stadthalle zählt. „Es werden Häuser gesammelt, die uns ganz normal umgeben, an denen man normalerweise dran vorbeiläuft. Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man an ihnen Besonderheiten, typologische Besonderheiten. Irgendetwas erkennt man an diesen Häusern.“ 

Seit damals hat Giebeler immer wieder diese Fotosuchaktionen mit Studierenden durchgeführt, die den Blick für das ´Normalbesondere` schulen. Anfangs noch sehr offen und frei, entwickelte Giebeler diese Fotoseminare weiter, die er nach seiner Tätigkeit an der Hochschule RheinMain schließlich auch mit Wuppertaler Studierenden durchführt. „Da geht es in der Regel immer um drei verschiedene Objekte eines Hauses, die sich von der Typologie sehr ähnlich sind“, beschreibt er die Aufgabe des nur im Wintersemester stattfindenden Seminars, weil dann kein Laub den Blick auf die Objekte stört, und nennt ein Beispiel: „Man hat z.B. einen bergischen Bungalow, der an einem Hang steht. Der hat an der Straßenseite nur ein Stockwerk, mit einer Haustüre drin, einem kleinen Toilettenfensterfenster, einer Garage in der Wand und mit einem nach vorne ausgerichteten Küchenfenster. Nach hinten weiß man, da ist es dann zweigeschossig mit einer großen Verglasung. Das kennt jeder. Ein typisches 60er Jahre-Objekt. Das hat z.B. eine Studentin fotografiert und drei sehr ähnliche Häuser gefunden, die aber gar nicht in derselben Stadt stehen, sondern in der Region verteilt sind. Und wenn man die drei Fotos nebeneinander sieht, dann erkennt man, dass diese Häuser überall in einer ähnlichen Weise entworfen und gebaut wurden. Darum geht es.“ 

Giebeler schult damit den Blick zukünftiger Architekt_innen, die durch dieses Seminar eine Stadt ganz anders wahrnehmen. „Man erkennt Jugendstil an der Art der Ornamentik, man erkennt aber auch ein 50er Jahre Gebäude an der Art der Balkongeländer, oder ein 60er Jahre Gebäude an den Fenstern, die häufig so horizontale Bänderfassaden haben. Die Studierenden lernen außerhalb einer Architekturtheorie, die über die berühmten Architektinnen informiert, dass man das auch im Alltäglichen sieht.“ Das Haus-Archiv sammelt all diese Funde, von denen es mittlerweile über 500 Bilder gibt.

„Das müssen doch viel mehr Leute sehen…“

Unter dem Titel FEEL-THE-HOUSE ist nun eine einmalige Wanderausstellung entstanden, die vor ihrer Tour noch einmal am 11. Oktober am Standort Haspel zu sehen sein wird. „Ich habe immer gesagt, das müssen doch viel mehr Leute sehen, und ich wollte unbedingt eine Ausstellung machen“, erklärt Giebeler. „Dieser Name FEEL-THE-HOUSE ist genau wie die ganze Ausstellung eine Idee von Rebecca Schröder, die hier am Lehrstuhl Wissenschaftliche Mitarbeiterin, aber im wesentlichen Inhaberin der Agentur res d in Köln ist.“ Ihre Design und Architektur GmbH beschäftigt sich vornehmlich mit Ausstellungsgestaltung, die Besucher bundesweit schon u.a. im Neandertalmuseum, dem Bochumer Bergbaumuseum sowie der Humboldtbox in Berlin kennenlernen konnten. Schröder, die Giebelers Sammlung kannte, stellte ein Veranstaltungskonzept zusammen, dass sowohl akademisch, architektonisch als auch von fachfremden Bürger_innen verstanden werden kann. 

Bei der didaktischen Umsetzung kamen dann die Adjektive zum Zug. „Wenn man von Häusern spricht, sagt man nicht: ´Ach, das ist ja ein schönes Gebäude der 50er Jahre, ‚so redet der normale Mensch nicht, sondern man verbindet es mit Adjektiven, die ein Gefühl auslösen. FEEL-THE-HOUSE ist das Gefühl, dass die Betrachtung dieses Haus auslöst und zwar schlagartig, aus dem Bauch heraus“, erklärt Giebeler. Das Planungsteam suchte gezielt nach Worten, die dieses Bauchgefühl ausdrücken, sortierten die Bilder und stempelten sie rückseitig in Unigrün mit Begriffen wie trostlos, brutal, kitschig usw. In der Ausstellung kommen nun Stempelrondelle zum Einsatz, die man aus jedem Büro kennt. Die Besucher können diese mit den jeweiligen Adjektiven versehenen Siegel nutzen und ein bereits gestempeltes Foto ´umstempeln wenn sie der Meinung sind, dass ein Objekt eine andere Emotion auslöse. „Das kommt gut an“, weiß Giebeler, denn die Ausstellung war schon einmal für zwei Tage im Juni zu bestaunen. „Das ist nicht nur Interaktion, sondern die Leute kommen auch aus der Ausstellung raus und sagen: Ich habe ganz viel umgestempelt, und das regt eine Diskussion an.“

Foto: FEEL-THE-HOUSE-Mobil von Georg Giebeler

Das FEEL-THE-HOUSE-Mobil

Das ganz besondere dieser Wanderausstellung ist aber der mobile Ort, denn FEEL-THE-HOUSE ist in einem 3,5-Tonner untergebracht und zwar aus gutem Grund. „Das Problem bei Wanderausstellungen, wenn man sie konzipiert und auf Architekturfakultäten ausrichtet, denn das ist unsere Zielgruppe, ist, man bekommt nie eine Zusage“, weiß Giebeler, der auch schon als Dekan tätig war und die Strukturen der Hochschulverwaltungen kennt. Das liege daran, dass dann Platz und Zeit geschaffen und Personal zum Schutz der Exponate zur Verfügung gestellt werden müsse, so dass Anfragen oft beiseite gelegt würden. „Und dann habe ich gedacht, du musst mit einem Ding dahinfahren, die Türe öffnen und dann ist die Ausstellung da. Keiner hat was dagegen, weil keine Arbeit damit verbunden ist, und das bewahrheitet sich auch.“ 

Das FEEL-THE-HOUSE-Mobil fällt aber ganz besonders ins Auge, denn es wurde zu einem Haus umgebaut. „Wir haben einen ganz normalen Kastenwagen gekauft, das Flachdach abgerissen und ein Steildach, ein Spitzdach draufgebaut“, erzählt Giebeler. „Dann haben wir den noch schwarz spritzen lassen, weil das zum Look der Ausstellung gehört. Innen ist er ausgebaut in knalligem Unigrün, hat einen riesigen Spiegel vor Kopf und in der Mitte so etwas wie eine alte Theke, die man aus den früheren Plattengeschäften kennt. Und da sind die Bilder auch sortiert, wie bei Rock und Pop, Punk und Jazz und strukturiert von elegant bis trostlos.“

Der Wuppertaler Architekturlehrstuhl tourt durch Deutschland „Wir fahren jetzt Mitte Oktober zu Semesterbeginn zu zehn anderen Hochschulen, Architekturfakultäten, kreuz und quer durch Deutschland“, sagt Giebeler begeistert. So gastiert das Mobil im Herbst u.a. in Kaiserslautern, Weimar, Dresden, Berlin und Bremen und setzt im Frühjahr die Tour über München, Graz und Innsbruck fort. „Zum Abschluss werden wir dann noch einmal hier in Wuppertal sein.“

Prof. Georg Giebeler
leitet seit 2018 den Lehrstuhl Bauen mit Bestand und Baukonstruktion an der Bergischen Universität

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