VON WOLFGANG HORN
Die föderal organisierte Schule hat keineswegs durchgehend mit guten Ergebnissen geglänzt. Der Schulerfolg der Kinder und Jugendlichen ist in einem der reichsten Länder der Welt immer noch vor allem von der sozialen Stellung der Eltern abhängig. Digitalisierung hat das Schulsystem in keinem einzigen der deutschen Bundesländer ausreichend erfahren, auch nicht in Bayern. Es mangelt an Lehrern, die Schulgebäude sind teils marode. Sieben Millionen deutschsprachige Analphabeten, sogenannte funktionale Analphabeten, haben das deutsche Schulsystem “ordentlich” durchlaufen. Es mangelt an Schulsozialarbeitern, an pädagogischer Förderung von Kindern aus sozial benachteiligten Schichten, auch von Migrantenkindern. Das gegliederte Schulwesen ist nach wie vor nicht unumstritten. Schulische Inklusion wird allenfalls rudimentär umgesetzt. Das alles sind, neben anderem, Kennzeichen des bundesdeutschen Schulsystems, unabhängig davon, ob die Schulen im Osten, Norden, Westen oder Süden der Republik besucht werden. Das alles sind fundamentale Schwächen. Bildung und Schule sind Opfer einer jahrzehntelang gemeinschaftlich betriebenen Allparteienverantwortungslosigkeit. Viele europäische Länder, in Skandinavien, in Osteuropa, in den Niederlanden, sonstwo sind den Deutschen voraus. Aber jetzt, im Lockdown, überbieten sich auf einmal die Befürworter einer alsbaldigen Wiedereröffnung der Schulen. Zuvörderst jene, die Schule sagen, aber Wirtschaft, Handel, Gastronomie, Gewerbe und Hotellerie meinen, überschlagen sich in Warnungen vor dem “verlorenen” Schuljahr, der Überlastung der Eltern, vor allem der Mütter, dem Bedauern über die Wohnsituation, die vielfach Distanzlernen nicht möglich mache, der Klage über die unzureichende technische Ausstattung vieler Familien. Krokodilstränen. Die Pandemie leuchtet die Schwächen des bundesdeutschen Schulwesens gründlich aus. Überall in Deutschland. In allen Bundesländern. Der Gesundheitsschutz der Bevölkerung aber ist nicht verantwortlich zu machen für eine Bildung, die einen Teil der Jugend des Landes nicht ausreichend auf eine hochkomplexe Lebens- und Arbeitswelt vorzubereiten vermag.