Elterliche Verantwortung

VON WOLFGANG HORN

Mein Sohn ist vierzig. Weder er noch wir, meine Frau und ich, müssen uns also Gedanken machen über Schulbesuch, Kindertagesstätten und Lockdown in heftigen pandemischen Zeiten. Welch ein Glück. Denn den noch “aktiven” Eltern, deren Kinder zu Hause wohnen und in die Kita oder in die Schule gehen, haben mit den jüngsten Lockdownregelungen die verantwortlichen Politiker eine ordentliche Bürde auferlegt. 

Der Landesfamilienminister hat monatelang verkündet, daß in Nordrhein-Westfalen Schulen und Kindertagesstätten nicht mehr geschlossen würden, wie beim ersten Lockdown im Frühjahr. Die Erfahrungen hätten gezeigt, daß man den Kindern und Jugendlichen die sozialen Folgen, Isolation von Freunden, unzureichende Arbeitsbedingungen zu Hause, materielle Ausstattungs-Nachteile, nicht weiter zumuten könne. Ein Versprechen, vor dem Klügere sich gehütet hätten. Denn schon die allerersten Erfahrungen mit respektive Einschätzungen von der Pandemie hatten nur eine sehr begrenzte Geltungszeit. Nehmen wir den Mund-Nasen-Schutz. Hieß es zunächst, die in asiatischen Ländern beispielsweise vollkommen gebräuchlichen und einfachen Schutzvorkehrungen könnten gegen die Verbreitung des Virus nichts ausrichten, wurde diese These alsbald korrigiert und die Alltagsmaske hernach zum fast entscheidenden Mittel gegen Infektionen, im Verein mit Abstand und Hygiene, erkoren. 

Kurzum: Niemand ist im Stande vollkommenen Wissens, über das Virus, wie man ihm begegnet, mit welchen Folgen man im Einzelnen rechnen muß. Es muß viel versucht und auch viel korrigiert werden. In der Wissenschaft ist das üblich, in der Politik dagegen werden die ehernen Weisheiten bevorzugt und gelten Korrekturen als Fehler, mindestens aber als Schwäche.

Nun aber ist es so, daß der besagte Landesminister bei seinem Wort bleiben, Schulen und Kitas werden nicht geschlossen, die Landesregierung aber zugleich einen möglichst weitgehenden Lockdown durchsetzen will. Was machen also die klugen Menschen in Düsseldorf? Sie schließen Schulen und Kitas nicht, wälzen aber die Entscheidung, ob die Kinder zu Hause bleiben oder nicht, auf die Eltern ab. Toll. Wie heißt es in der Verordnung? “Es geht daher der dringende Appell an alle Eltern, dieses Angebot nur zu nutzen, wenn es absolut notwendig ist.” Was ist das, absolut notwendig? Wenn einem das die verantwortlichen Politiker schon nicht sagen (können) und die Lehrerinnen und Erzieher ebenfalls nicht, bleibt es also an den Eltern hängen.

Jene, die in diesen Lockdownzeiten arbeiten müssen, werden ihre Kinder in Kindergarten oder Schule schicken. Jene, die es sich leisten können, deren Kinder ausreichend Platz in geräumigen Wohnungen haben und mit digitalen Endgeräten versorgt sind, werden die vorübergehende Aufhebung der Schulpflicht als “Home-Office” nutzen können. In Wahrheit also baden die Eltern, vor allem finanziell eher schlechtergestellte Väter und Mütter die Prokrastination, die Entscheidungsblockade der Politik aus. Schade.

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