VON WOLFGANG HORN
Ehrlich gesagt: mittlerweile gehen mir die vielen selbstgewissen Runduminformierten ziemlich auf die Nerven. Die Pandemie hat neben vielem anderen auch hervorgebracht, daß es einen erklecklichen Haufen von selbstermächtigten Experten gibt, die alles wissen, alles besser wissen und jenseits jeden Zweifels leben.
Diese Statistik stimmt nicht, jenes Testverfahren verfälscht die Ergebnisse, dieser Virologe hat keine Ahnung, epidemiologisch kann man nur dem Prof. X und allenfalls Frau Dr. Z vertrauen, hierzulande wird alles mangelhafter durchgeführt als anderswo, etwa Schweden, die Regierenden haben keine Ahnung, Spahn ist ein Stümper, wahlweise auch möglich mit Merkel, Söder, Laschet oder Schwesig. Die Kontaktnachverfolgung kann so nicht funktionieren, Kontaktbeschränkungen muß man anders organisieren, kein Mundschutz ist ausreichend, Schulen müssen geschlossen, gastronomische Betriebe geöffnet werden, wahlweise auch umgekehrt. Museen und Kultureinrichtungen dürfen nicht geschlossen, Alters- und Pflegeheime müssen dagegen isoliert werden. Es gibt zuwenige aussagekräftige Tests, es wird zuviel getestet, es wird falsch getestet. Warum sind in den Schulen keine Lüftungen eingebaut, man darf die Bevölkerung nicht ohne Parlamentsbeschluss vor der Pandemie schützen. Und so weiter …
So und in vielen weiteren Varianten jeden Tag zu hören, zu lesen, zu sehen. In digitalen Medien vor allem, Facebook, Instagram, Twitter und wie die Kanäle sonst noch heißen mögen. Ich gestehe: Ich weiß das alles nicht wirklich oder nicht genau genug. Ich lese viel, aber das ersetzt kein medizinisches Studium, kein wissenschaftsstatistisches Basiswissen, keine epidemiologische Zusatzausbildung, keine rechtswissenschaftliche Qualifikation. Was da stattfindet in der digitalen Blase, ist der Overkill. Jeder, der sich berufen fühlt, hält mal eben rein. Möglichst noch knallig formuliert, als reißerische Attacke und ohne jede Achtung vor den Regeln von Orthografie und Interpunktion. Das weltweite Netz ist, jedenfalls hierzulande, um mal einen Begriff von Georg Schramm, dem Künstler der Sprache, auszuborgen, und bei diesem Thema, zur “Pissrinne” selbstvergessener Wissensweltmeister verkommen.
Ich weiß von alldem, womit ich Tag für Tag an Selbstgewissem konfrontiert werde, mindestens nichts genau genug. Ich bin aber ziemlich sicher, daß es den Experten und denen, die zu entscheiden haben in Parlamenten, Regierungen und Verwaltungen, nicht wirklich anders geht. Wir haben es mit einem Virus zu tun, von dem wir bei weitem noch nicht genug wissen, und einer pandemischen Entwicklung, zu deren Eindämmung und Bekämpfung auch viel ausprobiert, versucht werden muß, und gegen die nicht jede Maßnahme so erfolgreich sein kann, wie man sich das zuvor vorgestellt hat. Ich weiß es nicht, wir wissen es nicht, jedenfalls noch nicht so genau, das sollte eher ein Satz sein, der adelt. Anders als die lauthalsen Beschwörungen der eigenen Kompetenz aus den Weiten der digitalen Welt. Die jedenfalls können zufrieden sein, daß andere entscheiden müssen und dies offenkundig mit mehr Bedacht und mehr Skrupeln machen.