Ein Wort zum Montag, dem 16. November 2020
VON CORNELIA SENG
Fast wäre ich mitten auf der Straße stehen geblieben und hätte ihnen nachgeschaut, den Zugvögeln. In Kassel waren es die Wildgänse, ihr Geschnatter ließ mich aufhorchen.
Es ist ein Naturschauspiel, dem ich mich kaum entziehen kann. Wie gelingt den Vögeln diese weite Reise? Wie finden sie ihr Ziel? Sie wurden als Zugvögel geboren. Ihr Schöpfer hat sie dazu gemacht, im Sommer in Europa und im Winter in Afrika zu Hause zu sein. Sie fliegen rund um den Globus, über viele Ländergrenzen hinweg.
Wildgänse fliegen meist in einer V-Formation. Die schwächeren Vögel fliegen hinten in der langen Reihe, sie werden im Windkanal der vorderen quasi mitgezogen, in der „Wirbelschleppe“. Das spart Energie. Die Leitgänse an der Spitze wechseln sich ab. Mal übernimmt die eine, mal die andere. Je nach Kraft. Die Richtung muss gehalten werden.
„Seht die Vögel unter dem Himmel an“, sagt Jesus, „sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch“ (Mt. 6,26). Habt Vertrauen, das Leben trägt. Gott trägt Euch!
Ich möchte hinzufügen: Nehmt Euch ein Beispiel an den Zugvögeln! Miteinander bewältigen sie die enorme Herausforderung. Gemeinsam, nicht einsam! Die Schwächeren werden mitgezogen. Die Spitze wechselt sich solidarisch ab.
Vorige Woche stand ein Wort von Leo Tolstoi in den „Losungen“, der Anleitung zum täglichen Bibellesen: „Wer die Lehre Christi begreift, hat dasselbe Gefühl wie ein Vogel, der bis dahin nicht wusste, dass er Flügel besitzt, und nun begreift, dass er fliegen, frei sein kann und nichts mehr zu fürchten braucht.“
Es ist die Freiheit der Zugvögel, in V-Formation zu fliegen. Die Schwächeren werden mitgenommen. Heutzutage ist diese einfache Erkenntnis schon ein politisches Statement. „Die Zahl der Menschen auf der Flucht weltweit ist auf einem Rekordhoch, ihre Lage verzweifelt. Deutschland hingegen gewährt immer weniger Zuflucht und Schutz. Im ersten Halbjahr 2020 gab es so wenige Asylneuzugänge wie seit 2012 nicht mehr“, schreibt Pro-Asyl im Rundbrief am 2. Oktober dieses Jahres. Wie war das mit den Zugvögeln und der V-Formation?
Hallo Frau Seng. Vor einiger Zeit stellten Sie die Frage in den Raum, ob Ihre Beiträge überhaupt gelesen werden. Ich hatte keine Zeit zum Antworten und möchte das hiermit gerne nachholen.
Zugegeben, ich glaube nicht an Götter und mit der Kirche habe ich auch keine Berührungspunkte. Wohl aber glaube ich an die christlichen Grundsätze unserer Gemeinschaft als Basis des täglichen Miteinanders.
Und deshalb lese ich Ihre Beiträge immer wirklich sehr gerne. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielen anderen ähnlich geht. Auch wenn nicht immer ein Feedback kommt.
In diesem Sinne, ein schönes Wochenende, viele Grüße und immer schön weiterschreiben.
Vielen Dank für die Ermutigung! Das freut mich zu lesen!
Herzliche Grüße aus Nordhessen,
Cornelia Seng