Da kriegt man ja die Krise

Wie undurchschaute Sprache die Wirklichkeit auf den Kopf stellt

VON WOLFGANG HORN

An der Längswand des Patientenzimmers im hiesigen Krankenhaus dominiert das Fernsehgerät. Groß, schwarz, modern, LED-Technik. Fein. Aber: Kein Radio für die Kranken. Das schnellere Medium, das einfachere, das journalistisch vielleicht auch überlegene Kommunikationsmittel findet im Krankenhaus nicht statt. Leider. Nun denn. iPad, iPhone, Laptop – sie alle bieten ja Radiokanäle zu Hauf. WDR5, neben dem Deutschlandfunk Sender der Wahl, nimmt sich heute Morgen der gestrandeten Menschen in Griechenland an, auf Lesbos. Das meistbenutzte Wort: “Flüchtlingskrise”. Da kann man ja wirklich die Krise bekommen. Verzweifelte Menschen fliehen aus ihrer zerbombten Heimat, entziehen sich Krieg oder Verfolgung, leben in Kälte und Dreck, ohne ärztliche oder soziale Versorgung, ohne Bildung und Schule für Kinder, in dürftiger Kleidung ohne ein Dach über dem Kopf. Diese Menschen befinden sich wahrhaftig in einer Krise. Das aber ist mit dem achtlos dahergequasselten Wort “Flüchtlingskrise” nicht gemeint. Der Journalist möchte die Herausforderung für die Helfenden beschreiben und verhangelt sich komplett im Gestrüpp undurchschauter Sprache. Mit achtloser Sprache läßt sich kein beachtlicher Gedanke entwickeln. Unbedacht geplappert wird aus Menschen eine “Krise”, eine Naturkatastrophe, etwa die “Flut”, die “Flüchtlingsflut”, jedenfalls etwas Bedrohliches. Und die wirklichen Bedrohungen für die betroffenen Menschen in den Krisengebieten der Welt werden relativiert, eliminiert. Bedroht bleiben am Ende wir zurück, wir, denen es gut geht, die wir alle satt werden, warm bleiben auch in Winter und Regen, die wir sozial eingebettet sind, medizinisch gut versorgt, wir, deren Kinder in Schulen und Kindergärten gehen und friedlich spielen können. Sprache, die die Wirklichkeit auf den Kopf stellt. Die “Flüchtlingskrise” ist die Krise der Flüchtlinge. Die “Flüchtlingskrise” ist nicht die Krise unserer Gesellschaft. Allenfalls noch eine Krise in unseren Köpfen.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Ja wahrlich eine furchtbare Krise für diese Menschen auf ihrer Flucht zwischen gar nichts und überhaupt nichts. Dort geht es um MENSCHEN! Das muss man sich einmal vorstellen, dass viele in Europa es wagen sich von bestimmten politisch Verirrten in eine gedankliche Richtung drängen zu lassen, in der diese Menschen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden oder sogar als Bedrohung für etwas, was es unter diesen verirrten Leuten schon gar nicht mehr gibt.

    Heute hörte ich beim Joggen den aktuellen Podcast von “Lage der Nation” unter anderem auch mit dem Thema “Grenzöffnung Türkei” (Link folgt untendrunter). Dort wurde auch noch einmal über die fürchterliche Situation der Menschen vor der Grenzbarriere der EU in Griechenland gesprochen. Was unternommen wird und vor allem was nicht unternommen wird – nämlich sofortige Hilfe. Weil? Ja weil man dieses “Nichthelfen” als politisches Druckmittel einsetzen will. Dort wurde auch die Frage gestellt, was denn in letzter Konsequenz passiert, wenn die Grenzen geschlossen würden, wie die AfD und weite Teile der CDU/CSU das fordern. Ob und wie man Menschen an Migration hindern kann, oder ob man sie einfach am Stacheldraht totschießt. Unfassbar, wo deren Gedanken sich hin entwickeln.

    Die sind doch vollkommen irre!

    https://www.kuechenstud.io/lagedernation/2020/03/06/ldn179-thueringer-ministerpraesidentenwahl-grenzoeffnung-tuerkei-integrationsgipfel-klimaschutz-hanau-super-tuesday-corona-update/

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  2. Und was ich ganz vergessen habe, dass auch die SPD und die Grünen trotz der Krise für die Menschen auf eine “Kontingentpolitik” setzen.

    Wenn Menschen ihre Heimat und alles was ihnen lieb ist verlassen, dann bin ich mir sicher, wird diese Menschen niemand daran hindern ihren Weg zu gehen.

    Also wird die Lösung in einem Miteinander zu finden sein, ohne Ängste zu schüren und ohne Nationalismus, Rassismus und ähnliche menschenfeindliche Auswüchse.

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