Mount Rushmore – Bildhauerei auf einer grenzenlosen Freiheitsbühne

Der Bildhauer Christian Forsen über das Mount Rushmore Monument und die Aufgaben der Bildhauerei

VON UWE BLASS

Am 3. März 1925 wurde das Mount Rushmore National Memorial in South Dakota gegründet. Um was handelt es sich dabei?

Forsen: Zunächst einmal musste ich recherchieren, weil Mount Rushmore keine wahnsinnige Betrachtungsgrundlage für einen bildhauerischen Künstler ist. Das ist ein Spezialgebiet. Es wird gerne als nationales Monument bezeichnet, sprich eine Stätte, die für das Staatsgebilde USA eine tragende Funktion erfüllt. Man hat bis heute vier Köpfe von vier Präsidenten in einer Übergröße in einen Granitfelsen gehauen. Modern gesprochen könnten man es als ´Land Art` (Land Art ist eine Ende der 1960er Jahre in den USA entstandene Kunstströmung der bildenden Kunst, Anm. d. Red.) bezeichnen, weil es die Landschaft verändert hat. Es ist monumental, übergroß, die Köpfe sind 18 Meter hoch, eine ganz verrückte Sache.

Ursprünglich waren aber gar keine Präsidentenköpfe vorgesehen, oder?

Forsen: Die Idee ist ja von einem Historiker ausgelöst worden, Doane Robinson. Es ging immer noch damals um die Stimmung, den Westen zu erschließen. In dieser Fragestellung hat Robinson sich vorgestellt, ortsbezogene Landschaft mit Besonderheit zu belegen. Heute würde man sagen, um touristische Attraktion aufzubauen. Er schlug vor, Personen dort abzubilden, also prominente Personen, die im Gefühl der Bevölkerung waren. Dazu gehörten zwei Leute, Louis und Clark, zwei Expeditionsleiter, die die Landeserschließung nach Westen mitgemacht haben, die mir, wie den meisten wohl heute, nicht mehr bekannt sind, aber dann auch Buffalo Bill, eine schillernde Person, die sowohl als Jäger, als auch als Showman bekannt war. Was mich gewundert hat, ist, dass auch eine Person der Native People, Red Cloud hätte genommen werden können, also vorgeschlagen war, der damals in seiner letzten Lebensphase als Friedensaktivist galt. Interessant, da es die Grundlage für Diskussionen schon in den Anfang legte.

Dakota delegation. Identified, l to r, Little Wound, Red Cloud, American Horse, and Red Shirt. NARA – 523664

Aber man nahm dann doch davon Abstand, wahrscheinlich vor allen Dingen, weil Robinson sich jemanden suchen musste, der sein Vorhaben handwerklich und in der Umsetzung unterstützen konnte. Spätestens da wurde dann an den Personen herumdiskutiert. Der Bildhauer John Gutzon de la Mothe Borglum wiederum war an heroischen Darstellungen, wie den Präsidentenkandidaten, mehr interessiert. Das waren für ihn Kernpunkte der amerikanischen Geschichte.

Jeder Kopf ist bis zu 18 Meter hoch. Sind das Aufträge, die einen Bildhauer besonders interessieren?

Forsen: Das habe ich mich dann auch gefragt. Ich will es aus einer modernen Sichtweise mal so sagen: Man findet es immer wieder, dass Künstler durchaus danach trachten, eine Fragestellung der maximalen Auseinandersetzung, Intensität oder Ergriffenheit zu benutzen. Vielleicht ist es in der Bildhauerei auch so, dass man über Proportionen/Dimensionen nachdenken kann. Und Borglum ist so ein Kandidat dafür. Er hat sich damals für die Bildhauerei in den USA stark gemacht, hatte dann schon Aufträge. Er hat die normale Karrierelaufbahn gemacht, war in Paris und hat sich dann dort mit den aktuellen Themen der bildhauerischen Kunst auseinandergesetzt, denn auch in Frankreich gab es damals das Thema Monumentalität.

Mount Rushmore : Die vier Präsidenten (von links nach rechts): George WashingtonThomas JeffersonTheodore Roosevelt und Abraham Lincoln, CC BY-SA 3.0

Wir kennen es zwar weniger deutlich im Werk von Rodin, den er auch getroffen hat, allerdings gibt es zum Beispiel einen Rodinschüler, Antoine Bourdelle: Wenn man heute noch in sein Atelier in Paris hineinschaut, dann sieht man dort u.a. bis zu sechs Meter hohe Reiterstandbilder als Gipsmodelle. Da merkt man schon die damalige Neigung… Man muss auch sagen: die Fragestellung des Denkmals im 19. Jahrhundert – auch in Deutschland- hat natürlich die Frage: wie vergegenwärtige ich das? stark beeinflusst. Die Monarchie war überwiegend noch sehr ausgeprägt und auch in den USA schien man Personengruppen zu brauchen, zu denen man aufschauen kann.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Bildhauer und einem Steinmetz?

Forsen: Wahrscheinlich könnte man da auch verschiedene Antworten suchen. Tatsächlich könnte ich eine anformulieren: Steinmetz und Steinbildhauer sind eigentlich Ausbildungsberufe, die als Handwerksausbildung in Deutschland gelten, und da unterschiedet sich die Ausbildung im letzten Lehrjahr sinngemäß mit der Prüfung, also das ist natürlich aus Traditionsgründen gedacht, da man versteht, dass der Steinmetz sich überwiegend um die Verwendung des Steins im Sinne der architektonisch-technischen Aufgaben kümmern muss, also Säulen, Wände, vieles bei Grabmälern. Und der Bildhauer, wenn wir ihn speziell als Steinbildhauer nehmen wollen, muss sich dann doch ab einem gewissen Punkt mehr dafür interessieren und auseinandersetzen, das Bildhafte von einer räumlichen Situation wiederzugeben: traditionell oft figürlich gemeint, in der heutigen Kunst dann umfassender und vielfältiger. Man benutzt den Begriff also mehr oder weniger als schönes Gefäß, wo man heute unglaublich viel (Auffassung) reinpacken kann. Man hat allerdings, genau wie der Maler, die Aufgabe, uns allen, quasi als wahrnehmende Zeitgenossen, ein Bild mitzugeben, was sich nicht anders ausdrücken lässt. Das wird damals für Borglum genauso gegolten haben, aber es zeigt, wenn man sich seine anderen Denkmäler anschaut, natürlich auch, dass es eine sehr persönlich gefärbte Sache war, die in den USA sehr beliebt war.

Mount Rushmore vor den Arbeiten, um 1905© National Park Service

Forsen: Das denke ich auf jeden Fall auch. Wenn man sich die Bilder ansieht, wie da regelrecht ´gebergsteigert` wurde, aus heutiger Sicht entspricht das keiner Sicherheitsauflage. Interessanterweise ist aber damals niemand zu Tode gekommen. Borglum hat die Arbeiten selber auch unterschätzt, denn man hat mehrfach die Technik gewandelt, weil man merkte, mit dem normalen Bearbeiten von Stein, so wie es die Bildhauer machen, also Hammer und Meißel, kommt man gar nicht weit. So hat man dann sehr gut durchgeplante Sprengungen durchgeführt. Über den Tag wurden diese Sprengungen geplant und vorbereitet, und am Abend, wenn die Arbeiter die Baustelle verließen, wurde gesprengt, und zwar von unten nach oben, damit das Gestein frei nach unten abfallen konnte.

Stein oder Fels sind aber nicht das beliebteste Material eines Bildhauers, oder?

Forsen: Wirklich nicht. Ich kenne zwar die Diskussion auch, aber wir haben hier im Studiengang ein Keramikatelier, da muss man sagen, der Umgang mit Naturton, als plastisches Material, unterstützt die Fragestellung bestens: Wie kann eine dreidimensionale Form ausgestaltet werden? Wie formuliert man das? Da kommt man um den Ton nicht herum. Viele Menschen können nicht unbedingt dreidimensional denken oder die Vorstellungskraft ist dort nicht stark, so dass das in Klarheit aufgeht und dann muss man sich das vergegenwärtigen, also in Realität bringen. Da bietet Ton viel weniger Widerstand, man kommt schneller zu Ergebnissen. Der Stein ist vielleicht fast aus dem Studium bei Kunsthochschulen herausgenommen worden. Wir haben eine schnelllebige Zeit und das Langsame, was der Stein macht, – das müsste jeder selber am Ende mit Attitüde belegen – es wird heute aber weniger benutzt. Und die anderen Materialien: das hat Borglum auch in seiner Weise gemacht und dann z.B. bei Bronzegüssen andere Fachleute wie Metallgiesser und Formenbauer hinzugezogen. Aber auch dass geht immer über den Beginn mit Ton.

Welche Präsidenten sind denn dargestellt?

Forsen: Von links nach rechts finden Sie die Gesichter von George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln in die Granitwand des Berges gearbeitet.

Eigentlich sollten die Figuren noch bis zur Taille erweitert werden. Warum hat man das nicht gemacht?

Forsen: Es gibt noch ein schönes vielleicht drei Meter hohes Modell, von ihm selbst angefertigt, wo man sieht, wie Borglum das bis unten her aufgebaut hat, damit er mehr räumliche Staffelung und Körpergeste gestalten konnte. Der Hauptgrund, warum man das dann nicht umgesetzt hat, war vermutlich, die permanent schwierige Finanzierung. Er musste immer wieder bei den Politikern sammeln und das Projekt stand oft vor dem Abbruch. Auch war das Material des Berges nicht immer überall perfekt, was man bei einem Stein auch nicht immer von außen sehen kann. Der Kopf von Jefferson wurde einmal komplett getauscht, denn er sollte auf der linken Seite von Washington sein. Das hat man mit Sprengungen angefangen und dann festgestellt, dass da Quarzadern drin laufen und dann hat Borglum das Modell geändert und der Kopf wurde auf die andere Seite gesetzt. Das kennt man auch von anderen berühmten Bildhauern, da man beim Stein immer nur die Oberfläche betrachten kann, ihn aber in der Tiefe bearbeitet. Dann kann sich Naturmaterial in der Bearbeitung verändern. Ein berühmtes Beispiel von Michelangelo ist die Pietà Rondanini. Da hat die Jesusfigur eigentlich drei Arme. Michelangelo hat die erste Körperstellung angelegt und wahrscheinlich irgendwann gemerkt, an dieser Stelle wird das aufgrund des Materials kein schöner Arm mehr werden. So hat er irgendwann den ganzen Arm und die Schulter weiter nach hinten gedreht und eine neue Stellung der Figur angelegt. Und er hat das Projekt eben auch nicht beendet, hat die alten Angelegenheiten nicht weggenommen, und wenn man da genau hinschaut, kann man plötzlich sehen, dass der Jesus drei Arme hat.

Ursprünglich war der Bildhauer ein Handwerker. Das hat sich aber verändert. Wie würden Sie einen Bildhauer heute beschreiben?

Forsen: Da gab es schon früher so schöne Beschreibungen: Die Maler durften direkt am Königshof malen, die Bildhauer mussten vor den Stadttoren arbeiten, weil sie oft zu dreckig waren und zu viel Lärm gemacht haben. Der heutige Bildhauer muss sich nicht zwingend mehr bei Widerständen des Materials durchsetzen, er arbeitet mehr denn je auf einer grenzenlosen Freiheitsbühne. Auch im Studium wird heute der Blickpunkt daraufhin ausgelegt, dass das eigentliche Kerngebiet: die Ausformulierung von Dingen, die im Raum durch Formungen sich vergegenwärtigen, das Wichtigste sind. Ob mit Materialien die man selber formt oder mit Gegenständen, die man findet, man hat heute alle Möglichkeiten. Denn die Befragung der Welt im Sinne dessen, dass sie uns gegenübersteht, das wird sich am Menschsein nicht ändern. Die Subjekt-Objekt-Beziehung manifestiert sich durch Material und Material hat Form. Und diese Form kann gestaltet werden.

Der Berg gilt bei den Sioux-Indianern als heilig und sie haben die damals von der Regierung angebotenen 105 Millionen Dollar Schadensersatz nie angenommen. Stattdessen wird seit 1948 einige Kilometer entfernt das noch monumentalere Crazy Horse Memorial geschaffen.

Forsen: Diese Monumentalbauten haben sicherlich einen gewissen Reiz, das kann ich schon verstehen, die Vergegenwärtigung in Landschaft, aber ob das heute in so einer verstehbaren Figürlichkeit enden muss? Auch das Crazy Horse Memorial, was man heute so sieht, ist ja auch wieder aus Geldgründen ins Stocken geraten. Es gibt das Gesicht und man kann mit gutem Willen erahnen, was geplant ist. Diese Vorstellung allerdings ist fast interessanter als sich darauf zu freuen, wenn es fertig ist. Unfertigkeit ist ja sowieso eine Beweggrundfrage der heutigen Kunstrezeption: Was soll ausgelöst werden in der Wahrnehmung? Ist es nicht vielleicht eben doch diese Reflexion in den Köpfen des Wahrnehmenden selbst? Es gehört eben Vorstellungskraft dazu. Und das könnte menschlich viel interessanter sein als Realisierungskraft.

Crazy Horse Memorial © Jonathunder

Mit welchem Material arbeiten Sie persönlich denn am liebsten?

Forsen: Ich komme ja bildhauerisch gesehen aus einem an manchen Stellen klassischen Studium. Ich habe bei Toni Cragg in Düsseldorf studiert und der sagte immer: ´Uns stehen die Materialien offen`. Es gibt noch so viele Materialien, die man noch nicht für die Bildhauerei kennt, die es aber gibt, also Kunststoffe usw. Ich habe davon viel ausprobiert, teilweise auch in Konterkarierung mit traditionellen Techniken: Hartschäume wie Styropor zu formen und mit einer klassischen alten Technik des Papierkaschierens zu belegen, so dass sich dann das Material in seiner Erscheinung wandelt, und reizvoll ist natürlich, dass es so leicht ist. Ansonsten liebe ich Holz aufgrund seiner Vielfältigkeit, da komme ich auch im Sinne einer Tradition der Holzbildhauereilehre an der Werkkunstschule Flensburg her. Man merkt, dass der Holzwerkstoff für unsere zivilisatorische Entwicklung wahnsinnig wichtig war.


Christian Forsen lernte Holzbildhauerei an der Werkkunstschule Flensburg, studierte Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tony Cragg und Georg Herold. An der Bergischen Universität lehrt er Kunstpraxis für Keramik und Bildhauerei.

Beitragsfoto: Christian Forsen ©: UniServce Third Mission

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