„Ein unglaubliches Gefühl der Zukunftslosigkeit“

Diesen Beitrag entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Ausgabe 31 der Stiftungszeitung der AMADEU ANTONIO STIFTUNG

Was macht der Hamas-Krieg gegen Israel mit jungen Jüdinnen:Juden in Deutschland? Nicholas Potter von belltower.news sprach mit Hanna Veiler, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands.

Hanna Veiler, 25 Jahre alt, ist Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands und Vizepräsidentin der European Union of Jewish Students. Geboren wurde sie in Belarus, als sie sieben Jahre alt war, wanderte ihre Familie nach Baden-Baden in Deutschland aus. Sie studiert an der University for Peace der UN.

Hanna Veiler: Jüdinnen:Juden weltweit sind vollkommen paralysiert, wir stehen unter Schock. Gewalt gegen uns sind wir leider gewohnt, das war schon vorher unser Alltag. Aber das Ausmaß, das das Massaker und die Invasion der Hamas erreicht hat, ist etwas, womit niemand gerechnet hätte. Noch nie wurden an einem Tag so viele Jüdinnen:Juden ermordet seit der Shoah. Und das wird sehr vieles mit uns, mit unserem Selbstverständnis in der Community machen. In Deutschland wird diese Gewalt teilweise sogar gefeiert. Das kennen wir schon: Immer, wenn es in Israel und Palästina eskaliert, werden Jüdinnen:Juden in der Diaspora zur Zielscheibe. Aber das, was wir gerade erleben, ist etwas völlig Neues.

Das war schon immer ein bestimmtes Risiko, aber eines, das ich bisher immer auf mich genommen habe. Ich hatte keine Angst. Aber das Gefühl, das ich jetzt habe, habe ich noch nie erlebt. Natürlich habe ich Angst und Sorge, sowohl um mich als auch um meine Familie, meine Freund:innen, meine Community. Und gleichzeitig müssen wir weitermachen. Und bitte: Sicherheit kommt an erster Stelle. Aber wir werden trotzdem einen Weg finden. Denn wir können es nicht zulassen, dass jüdisches Leben verschwindet.

Jüdische Studierende sind ohnehin schon mit einer Realität konfrontiert, mit der niemand in diesem Alter konfrontiert sein sollte. Wir sollten uns eigentlich mit ganz anderen Fragen beschäftigen, an die Zukunft denken, Spaß haben. Stattdessen fragen sich manche, ob sie das überhaupt noch können. Ob sie nicht woanders studieren müssen, wenn das Leben hier unmöglich wird. Ob sie überhaupt einen Job hier annehmen oder nicht doch lieber auswandern. Ob sie überhaupt an Familienplanung, an die nächste Generation denken können, in einer Welt, die so furchtbar unsicher für Jüdinnen:Juden ist.

Die Menschen, mit denen wir im Hörsaal sitzen, auch viele unserer Freund:innen, verstehen überhaupt nicht, was für eine Realität wir gerade durchmachen. Am Campus ist die antiisraelische Ideologie von Gruppen wie Hamas, Samidoun und Konsorten extrem breit vertreten – teilweise auch unter Professorinnen. Das bedeutet auch, dass nach antisemitischen Vorfällen die Verantwortungstragenden immer wieder unfähig sind zu handeln. Deshalb ist ein großer Fokus von uns, mehr für Antisemitismus zu sensibilisieren und Richtlinien im Umgang damit vorzugeben.

Definitiv. Und das ruft in uns auch ein unglaubliches Gefühl der Zukunftslosigkeit hervor. Denn ich kann nur als Jüdin in der Öffentlichkeit in Deutschland stehen, weil ich weiß, dass es diesen Schutzraum Israel gibt. Weil ich immer weiß, wenn es zu schlimm wird: Es gibt einen Ort, an den ich fliehen kann. Wir lernen eh schon Hebräisch nebenbei für den Fall der Fälle. Aber dieser Schutzraum scheint nicht mehr gegeben zu sein, so wie er davor da war. Gleichzeitig jährte sich zwei Tage nach dem Angriff der Hamas der rechtsterroristische Anschlag auf die Synagoge in Halle. Die AfD ist im Aufwind, hat auch in west- deutschen Bundesländern einen Höhenflug. Das zieht einem jeglichen Boden unter den Füßen weg.

Das Problem des Antisemitismus gibt es in jedem Land. Das ist eine Herausforderung, vor allem, wenn wir über israelbezogenen Antisemitismus sprechen. Aber eine der größten Herausforde- rungen aktuell sind die Europawahlen im Juni 2024. Wir erleben einen krassen Rechtsruck europaweit. Vor dieser Herausforderung stehen wir alle.

Beitragsfoto © Irina Fuchs – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,

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