Was ziehe ich heute an?

VON WALTER SCHUBERT

Kleidung und Schule – das war immer schon ein Thema. Gerade jetzt, bei der „Jogging-Hosen-Diskussion“, habe ich mich noch mal an meine Schulzeit erinnert. Das ist jetzt weit über 60 Jahre her aber ich sehe es noch vor mir.

Gerade die Berufsgruppe der Lehrer (und hier meine ich auch die Lehrer also nicht die -innen) waren alles andere als modisch oder stilsicher. Stoffhose, Sakko in gedeckten Farben und ein weißes Hemd plus Krawatte sollten wohl für Seriosität und Kompetenz stehen. Ganz schlimm waren die damals aktuellen Nyltesthemden, einem Plastikgewebe, dass unter den Armen beim Schwitzen schöne gelbe Flecken bildete und auch einen sehr unangenehmen Geruch verbreitete. Komisch, diese fleischgewordene Langeweile passte immer zu den Fächern Mathe, Chemie, Physik und Religion.

Dann gab es welche, die besonders „cool“ (das Wort gab es damals noch nicht) wirken wollten. Und manchmal passte es sogar. Ich erinnere mich an einen Sport- und Englischlehrer, der immer in Turnschuhen, einer verwaschenen Jeans und einer Jeans-Jacke erschien. Immer mit Dreitage-Bart. Ein richiger Typ, nichts aufgesetztes, bei ihm passte das und wir haben ihn sehr gemocht. Überliefert ist aber, dass sein Outfit für Unverständnis und Kopfschütteln im Kollegium gesorgt hat.

Dann gab es den „Schlabberlook“. Das waren die, an denen Geschmack und Stil völlig vorbei gegangen war. Das waren die, die das Vorurteil „Lehrer haben einen Halbtagsjob und Lehrer haben immer Urlaub“ täglich bestätigten. Denen war wirklich alles egal. Vielleicht kamen sie gerade aus dem Garten oder sie hatten in dieser Kleidung geschlafen. Es passte nichts – weder die Größe noch die Kombination. Ob sie sich in Altkleidersammlungen eindeckten, ist nicht bekannt.

An einer Fachoberschule unterrichtete ein Mathematik-Lehrer immer in einem weißen Kittel. Offenbar wollte er damit den Unterricht höchst wissenschaftlich gestalten. Genutzt hat es nichts – er wurde nicht ernst genommen.

Und dann die Schüler (auch -innen): Wir orientierten uns an der damals angesagten Musikszene. Rock’n Roll, Beatmusik, Hippie und Flower Power. Schlaghosen, Beat-Stiefel, grell bunte Hemden oder Batik-T-Shirts waren Pflicht. Knallenge Cordhosen waren aktuell und die Jeans erhielten durch eine intensive manuelle Bearbeitung den „used-look“. Etwas später mussten es die M65-US-Army-Jacken sein, gekauft im sogenannten Nato-Shop. Am besten die echten, die gebrauchten, nicht eine C&A-Kopie. Dazu gab es noch passende US-Army-Umhängetaschen als neue Schultasche. Und weil das alles so schön passte ging es in diesem Outfit zur Anti-Vietnam-Kriegs-Demo. Rückblickend ganz schön bescheuert.

Auch damals stellten sich die Fragen: Was ziehe ich an, wie wirkt das auf andere, was sagen die anderen, werde ich akzeptiert, lachen die mich aus?

Ein Marken-Image hatte noch nicht den heutigen Stellenwert. Ok, die Lewis-Jeans musste es schon sein und auch die o.g. US-Jacke war Pflicht. Aber sonst durfte es individuell sein. Eine schöne Kombination war Jeans, Shirt plus dunkelblaues Sakko (übriggeblieben von der Konfirmation = weitergetragen und somit nachhaltig). Alles weit vor dem Internet, alles weit vor den sogenannten sozialen Netzwerken und ganz weit weg von der neuen sinnfreien Berufsgruppe der Influencer (natürlich auch -innen).

Und so landen wir denn doch mal bei den Jogginghosen. Die wenigsten nutzen sie für die ursprüngliche Bestimmung – zum joggen, sondern tragen sie meist formlos, weil sie einfach „saubequem“ sind. Oder vielleicht doch nicht? Möchte man mit diesen Hosen ein Statement abgeben? Möchte man den Rappern nacheifern, die sich gewalttätig und frauenfeindlich in den Videos präsentieren? Möchte man wirklich so sein wie diese drogensüchtigen oder zumindest mit Drogen handelnden Dumpfbacken? Das wäre bedenklich und auch armselig.

Heute stellen sich die jungen Leute sicher immer noch die Frage: „Wie sehe ich in diesem Outfit aus, steht mir das, kommt es in meiner Gruppe gut an, hat es eine Aussage?“. Und ich könnte mir vorstellen, dass der Druck durch die digitalen Netzwerke heute wesentlich größer ist. Wer morgens vor dem Spiegel feststellt: „Geil ich seh’ ja aus wie der Motherfucker im Video“, sollte noch mal darüber nachdenken oder sich zumindest nicht wundern, wenn er draußen, im richtigen Leben, nicht so nett rüber kommt.

Und den Modegedanken mal ganz böse weitergedacht: Da ja heute nichts, absolut nichts ausgeschlossen werden kann, könnte es doch sein, dass ein ganz abgefahrener, ganz cooler Typ (auch gerne Typin) auf die Idee kommt, die gestreifte Häftlingskleidung aus einem KZ als den ultimativen Modekracher publik zu machen. Die Influencer (ja, auch die -innen) steigen voll drauf ein und plötzlich ist es hip und in, so rum zu laufen. Gäbe es da eine Grenze? Gäbe es da einen Aufschrei „Stopp, halt, mit mir nicht!“ ? Ich bin mir nicht sicher und hoffe an dieser Stelle, dass ich niemanden auf eine Idee gebracht habe.

In dem Buch „HYGGE“ von Meik Wiking habe ich eine Beschreibung gefunden, die gut zu den Yogginghosen passt. Hygge bedeutet ja, es sich nett, angenehm und gemütlich zu machen. Dazu gehört nach der Empfehlung die sogenannte „Hyggebukser“ (hüggebukser). Das ist die Lieblingshose, die man „nie in der Öffentlichkeit tragen würde“, die aber so unglaublich bequem ist.

In diesem Sinne: Tragt was ihr wollt, tragt’s mit Fassung und denkt vorher mal darüber nach.

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