Solidarität

Den nachfolgenden Beitrag entnehmen wir dem Blog von Palle Horn, geboren und aufgewachsen in Wermelskirchen, mittlerweile aber in Moers lebend. Wir setzen mit diesem Artikel unsere kleine Reihe zum Ostermarsch in Wermelskirchen fort. Palle Horn war als Jugendlicher an den “Wochen gegen Rechts” beteiligt, ansonsten aber politisch nicht sehr aktiv. Demonstrationserfahrungen hatte er deutlich mehr als Kind machen können, auf Friedensdemonstrationen, mit einer kleinen blau-weißen Fahne in der Hand:

VON PALLE HORN

Ich war heute auf einer Friedensdemo. Die letzte Friedensdemo, an der ich teilgenommen habe, muss irgendwann Anfang der 80er Jahre gewesen sein. Genau kann ich das nicht sagen, ich erinnere mich nur vage daran, wie ich als kleines Kind auf den Schultern meines Vaters gesessen und meine Friedensfahne geschwenkt habe. Ich wusste nicht, worum es ging und hatte Angst vor den Polizisten am Wegesrand.

Ich habe in den letzten Tagen häufig darüber nachgedacht, dass ich die Friedensfahne von damals, wenn ich sie noch hätte, heute wieder raus holen könnte. So vieles erinnert gerade an die 80er Jahre. Es gibt in meinem Bekanntenkreis etwa wieder die Angst vor einem Atomkrieg. Ich war in den 80ern zu jung, um mir damals um solche Dinge Gedanken zu machen. Eines der unheimlichsten Ereignisse aus den 80er Jahren, an das ich mich erinnere, ist Tschernobyl. Seitdem hatte ich immer mehr Angst vor einem Reaktorunfall als vor einer, in meiner Wahrnehmung, doch sehr theoretischen Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes.

Politisch sozialisiert wurde ich in den 90er Jahren. Rückblickend war das eine eher unpolitische Zeit. Die ersten 18 Jahre meines Lebens kannte ich nur einen Kanzler, Helmut Kohl. (Auch hier gibt es wieder eine Parallele zu heute. Junge Leute erleben zum erstem Mal einen Kanzler, keine Kanzlerin.) Ich war nie ein Fan von Helmut Kohl gewesen und war froh, als es endlich einen Regierungswechsel gab. Heute denke ich jedoch auch an die vielen „Sonntagsreden“ von damals, in der er es immer auch irgendwie um Frieden in Europa ging. Heute erscheinen mir diese in einem ganz anderen Licht. Zu selbstverständlich nahm man damals die Tatsache, dass es Frieden in Europa gab. Auch, wenn einem die Bedeutung vor dem Hintergrund unserer Geschichte natürlich bewusst war.

Ich war also heute nach fast 40 Jahren wieder auf einer Friedensdemo. Mir war von Anfang an bewusst, dass eine solche Demo eigentlich nichts bringt. Putin wird egal sein, wie viele Menschen gegen ihn protestieren. Mir war dennoch wichtig hinzugehen, um ein Zeichen zu setzen. Um ehrlich zu sein, macht man sowas ja auch, um das Gefühl zu haben, etwas zu tun. Ich hatte jedenfalls die Erwartung, dass sich dieses Gefühl einstellt. Ich wurde bitter enttäuscht.

Es war eine gute Veranstaltung mit viel Musik und nur wenigen Reden. Aber es war auch eine traurige, beklemmende Stimmung, die sich schnell einstellte. Ähnlich, wie auf einer Beerdigung. Ganz anders als die kämpferischen, Aufbruchstimmung erzeugenden Demonstrationen, auf denen ich zuletzt war.

Als ich also so da saß und über den Sinn einer solchen Friedensdemo nachdachte, fiel mein Blick auf eine Familie, deren Kinder eine große Europa Flagge hielten und ich dachte daran, dass es das vereinte Europa bei meinen ersten Friedensdemos noch nicht gab. Und da wurde mir bewusst, worum es eigentlich geht. Es geht nicht nur darum, für Frieden zu demonstrieren, sondern darum, Solidarität zu zeigen. Denn das ist einer der wenigen, Hoffnung machenden Entwicklungen. Es gibt eine unheimliche Welle der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine und eine kaum mehr für möglich gehaltene Einigkeit in Europa. Und es ist wichtig, beides so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Es ist eine Schande, dass es diese Reaktion nicht schon 2014 gab und es ist eine Schande, dass wir andere Konflikte auf der Welt mit Gleichgültigkeit begegnen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, jetzt häufiger für den Frieden zu demonstrieren.

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