Nominierungen der Jugendjury
VON MARIE-LOUISE LICHTENBERG

Zwei Jugendliche werden unabhängig voneinander von den Taliban bedroht und müssen aus ihrem jeweiligen Zuhause in Afghanistan fliehen. Sie fliehen nicht aus eigenem Willen oder aus Hoffnung auf ein besseres Leben. Wenn sie überleben wollen, bleibt ihnen keine andere Wahl.
Ihre Väter legen das Schicksal von Soraya und Tarek in die Hände von Schleppern. Die Leserinnen und Leser verfolgen die Ereignisse auf zwei unterschiedlichen Fluchtrouten der völlig auf sich gestellten Jugendlichen. Ihre Wege durch die Berge und über das Meer mit den Zielen Deutschland (Tarek) und erst Türkei dann Deutschland (Soraya) sind voller Gefahren und Schikanen. Man kann sich das Grauen nur zu gut vorstellen. Trotz allem finden beide immer wieder Hoffnung in Begegnungen mit Menschen, die sie unterstützen, und in Freundschaften, die sich entwickeln. Außerdem wird schnell klar, dass das Leben in Deutschland nicht nur für Soraya und Tarek eine große Herausforderung darstellt. Denn obwohl die beiden fiktive Personen sind, so stehen sie doch stellvertretend für viele junge Flüchtlinge aus Afghanistan und wirken sehr authentisch.
Dirk Reinhardt hat sorgfältig recherchiert, mit zahlreichen jungen Flüchtlingen gesprochen und sich ihrer Schicksale angenommen. Entsprechend ergreifend und mitreißend ist sein Roman geworden. Ein schmerzhaftes und wirklich wichtiges Buch, das uns nicht nur hilft, Geflüchtete zu verstehen, sondern uns auch einen guten Einblick in die kulturellen Hintergründe afghanischer Flüchtlinge bietet. Ein sehr beeindruckendes Jugendbuch, das man nicht so schnell vergisst!
Dirk Reinhardt • Über die Berge und über das Meer • Gerstenberg • ISBN 978-3-8369-5676-5 • 14,95 € • Ab Dreizehn

„Ed war mein Bruder, aber auch so was wie mein Dad und mein bester Freund.“ (S. 96)
Was, wenn dein großer Bruder im Gefängnis sitzt, zum Tode verurteilt wegen einer Tat, von der nicht bewiesen ist, dass er sie begangen hat? Was kannst du tun, wenn das Rechtssystem ihn schon längst für schuldig befunden hat? Musst du dich für immer verabschieden?
Joe Moon, 17, hat seinen Bruder Ed seit zehn Jahren nicht mehr gesehen: Ed wird des Mordes an einem Polizisten beschuldigt und sitzt in der Todeszelle. Sein Hinrichtungstermin rückt näher. Um Ed in diesen letzten Wochen nahe zu sein, reist Joe nach Texas und besucht ihn dort täglich im Gefängnis. Zwischen dem Gefängnisalltag und Erinnerungen an die Kindheit stellen sich nicht nur Joe Fragen nach Schuld und Vergebung, nach dem Wert des Lebens und dem Sinn der Todesstrafe. Auch die Leserinnen und Leser müssen sich damit auseinandersetzen. Die Hinterfragung des Urteils wird sowohl aus Eds Perspektive als auch aus Sicht seiner Angehörigen beleuchtet.
Sarah Crossan gelingt es, dieses ungewöhnliche Thema durch einen außergewöhnlichen Schreibstil überzeugend darzustellen: Die lyrische Form reduziert den gewichtigen Inhalt auf das Wesentliche und bringt die tragischen Umstände atmosphärisch auf den Punkt. Eine Geschichte über die Bedeutung von Familie, über das Abschiednehmen sowie über gesetzliche Willkür, die Leben zerstört. Das Buch ist ergreifend und fesselt bis zur letzten Seite.
Sarah Crossan • Wer ist Edward Moon? • Aus dem Englischen von Cordula Setsman • Mixtvision • ISBN 978-3-95854-140-5 • 17,00 € • Ab Vierzehn
Die Texte stammen von den jeweiligen Jurys.