Bring’se mir noch’n Corona?

VON WALTER SCHUBERT

Der Mann vor mir an der Supermarktkasse hat ungefähr 100 bis 120 Rollen Toilettenpapier in seinem Einkaufswagen. „Sonderangebot oder Magen und Darm?“ frage ich ihn und er lacht. „Nee, meine Frau“, sagt er. „Die geht wegen Corona nicht mehr vor die Tür und ich sollte diesen Vorrat einkaufen“. Ich staune, da mir nicht bekannt ist, dass der Verzehr von Toilettenpapier das Coronavirus bekämpft. „Nein, das ist für den Fall, dass wir eingesperrt werden, in Quarantäne kommen und das Haus nicht mehr verlassen dürfen“, erklärt er mir. Es gibt zwar gar keinen Anlass dafür, aber man weiß ja nie …

Kann es sein, dass uns gerade alles mal wieder um die Ohren fliegt? Das Normale scheint irgendwo verloren gegangen zu sein. Der internationale Bierkonzern AB Inbev (u.a. Beck’s und Budweiser) vermeldet einen dramatischen Umsatzeinbruch beim mexikanischen Corona-Bier. Bier und Virus haben, bis auf den Namen, nichts miteinander zu tun. Gut, beides kann einen dicken Kopf machen, aber sonst steht das Bier nicht im Verdacht, schuld am Virus zu sein. Und doch verbinden viele Menschen beides miteinander. 

Wer heute in einer Szene-Kneipe laut ruft: „Bring’se mir noch’n Corona!“ hat wahrscheinlich ganz schlechte Karten, wird angefeindet, vielleicht sogar körperlich angegangen. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wenn das Virus einen ganz normalen Namen tragen würde. Wie Klaus, Hildegard oder Kevin. Die Menschen würden bestimmt persönlich haftbar gemacht und in den asozialen Netzwerken aufs übelste beschimpft werden.

Die allgemeinen Verhaltenstipps sind sicher gut und richtig. Häufiges Händewaschen, Abstand halten, auf Hände schütteln und Umarmungen verzichten und größere Menschenansammlungen meiden. Viele Messen wurden bereits abgesagt, Schulen und Kindergärten bei Verdachtsfällen geschlossen. Und ein paar Kilometer weiter finden Fußballspiele in Stadien mit über 50.000 Zuschauern statt. Sorry, die Leute haben doch einen Knall. 

Die Coronageschichte bringt aber auch ganz erstaunliche Erkenntnisse zu Tage. Wer hatte auf dem Schirm, dass die Mehrzahl unserer Medikamente aus China und Indien stammt? „…das Wohl des deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden…“ Der Amtseid jeder Regierung wird als Lüge entlarvt. Die Kosten der Produktion in diesen Ländern sind einfach zu verlockend. Es geht immer noch etwas billiger, um sich nicht nur doll, sondern auch noch dusselig zu verdienen. Da muss man Lieferengpässe in Kauf nehmen und die Sicherheit der eigenen Bevölkerung wird hintenan gestellt. 

Alles hängt mit allem zusammen. Auch das macht die aktuelle Situation deutlich. Wir haben uns in unserer Gier nach mehr und billig so abhängig von der „größten Werkbank der Welt“ (=China) gemacht, dass uns die ganze Scheiße gerade richtig vor die Füße fällt. Aber keine Sorge – alles wird gut. Wir sitzen es aus, Corona ist irgendwann vorbei und wir machen genauso weiter wie bisher. Es ist eben alternativlos.

Ich geh’ jetzt mal bei Trinkgut vorbei. Die haben bestimmt noch Restbestände vom Coronabier.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.