Von Fritz Wolf
Peter Nemela und Heinz Löffelbein tanzen mit alleinstehenden älteren Damen. Ihr Arbeitsplatz ist das Traumschiff. Ihr Beruf nennt sich „Gentleman-Host“ und ihr Arbeitgeber ist die Reederei. Filmregisseur Stephan Bergmann nennt sie „Die letzten Gigolos.“ (3Sat, Mo 05.03.2018, 22.25-23.50)
Früher nannte man sie Eintänzer, die Männer, deren Job darin bestand, mit alleinstehenden Frauen zu tanzen. Das Berufsbild war kriegsbedingt entstanden, es gab Frauenüberschuss. Den Frauenüberschuss findet man heute noch auf Schiffsreisen. Hier fahren viele alleinstehende ältere Damen, Witwen meist, die noch lebenshungrig sind und sich die Luxusreisen leisten können. Ihnen sollen die „Gentleman-Hosts“ das Gefühl geben, begehrt zu sein. Sie sollen mit ihnen tanzen, charmant plaudern, flirten. Mehr nicht, angeblich.
Regisseur Stephan Bergmann nennt diese Männer „Die letzten Gigolos“ und beobachtet in seinem Film ihren Arbeitsalltag. Abends Beobachtungsposten im Ballsaal beziehen, die Lage einschätzen, alleinsitzende Damen zum Tanz bitten, ihnen den Arm reichen, sie nach dem Tanz zum Platz zurückführen. Mehr als drei Tänze gewährt Peter Memela keine Dame, dann muss er wechseln. Zwischen den Tänzen trinkt er Wasser, erst am Ende vielleicht das eine oder andere Bierchen in der Bar. Körperpflege und Kleiderpflege gehören zur Basisaktivität. Das alles beobachtet die Kamera.
Zugleich erzählt der Film eine Geschichte von zwei Männern und zwei Frauen, von denen man am Ende ahnen kann, dass sie sich gefunden haben, wenigstens einen Moment lang. Eine Geschichte um Liebe und Sehnsucht, die auch im Alter nicht aufhören. Die Erzählung soll dokumentarisch sein, aber die Begegnungen von Gigolo und Tänzerin wirken immer sehr bestellt und keine anderen Gäste stören die bewegliche, die tanzenden Paare umkreisenden Kamera.
Nun kann man sich leicht denken, dass bei einem solchen Thema gründlichere Vorbereitung nötig ist und dass ein Regisseur beim Aufwand einer solchen Reise sich nicht einfach auf den Zufall verlassen will. Natürlich waren die Protagonistin sorgfältig gecastet, die Situationen vorher besprochen, die Bedingungen gesichert. Aber darüber hinaus ist zu vieles an diesem Film wie vorberechnet. Alles ausrechenbar. Der Zufall, einer der klassischen Gehilfen des Dokumentarfilms, spielt keine Rolle. Dieser Film will nichts entdecken, er will darstellen. Er will sein Thema umsetzen und bedient sich dabei der erzählerischen Mittel der Fiktion. Immerzu agieren die Protagonisten so, wie sie in einem Fernsehfilm agieren würden: Annäherung, Flirtspiel, weiter gehender Flirt an der Bar, dann der Weg durch den Gang zu den Kabinen – und Trennung vor den Kabinen, einer geht nach links, einer nach rechts. Nicht Zufall hat zu einem solchen Arrangement geführt, sondern berechnete Wirkung. Eine dokumentarische Kamera würde anders arbeiten.
Deshalb erzählt „Die letzten Gigolos“ zwar eine hübsche Geschichte, der man aber über weite Strecken nicht über den dokumentarischen Weg traut. Es wäre dies auch nicht weiter bemerkenswert, wenn es nicht in letzter Zeit einige Dokumentarfilme gäbe, denen das Darstellen wichtiger ist als das Finden, die bruchlos stimmige Erzählstruktur wichtiger als die Freuden des Zufalls. „Mitternachtstango“ von Viviane Blumenschein etwa, die drei argentinische Musiker auf eine durch und durch arrangierte Reise durch Finnland schickt und aus dem permanent ins Szene gesetzten kulturellen Zusammenprall Pointen schlägt. Oder „(K)ein besonders Bedürfnis“, in dem Regisseur Zoratti seinem autistischen Bruder bei der Suche nach Liebe und Sex helfen will – in einem als Road Movie erzählten Film, der von einer gesetzten Szene zur nächsten eilt, der Szenen stellt, die ohne den Film nie zustande gekommen wären. Also eigentlich auch ein Spielfilm mit Laienschauspielern.