Ein Weg, viele Begegnungen, ein Dankeschön
Ein Reisebericht von einem Pilger aus Wermelskirchen
Folge 17
29. Santiago
Unsere Mädels, glücklich, geschafft, gutaussehend und der Weg bravourös gemeistert. Hätten wir sie nicht gehabt, hätten wir uns bestimmt verlaufen. Sie waren unsere Planungsstrategen, Herbergen und Hostelmanager.
Dankeschön ihr beiden.
Heute Morgen war es nicht einfach aufzustehen, der Kopf war grummelig und der Restalkohol noch spürbar. Zum Glück hat Klaus mich geweckt, wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich verschlafen und die Pilgermesse um 08:00 Uhr in deutscher Sprache verpasst. In einem Seitenschiff der Kathedrale wurde die Messe abgehalten. Es war wunderschön, sehr einfühlsam und mit Musik und Gesang untermalt. Jeder Pilger durfte sich vorstellen, mit Namen, Heimatort und wie lange man unterwegs war, wer wollte, konnte seinen Beweggrund nennen. Jetzt endlich fühlte ich es, ich denke, das war der besagte Moment meiner Glückseligkeit. Nach der Messe schlenderte ich mit Hochachtung durch die Kathedrale, begrüßte den heiligen Jacobus hinter dem Altar und in der Krypta unter dem Altar, in einem goldenen Sarg liegend, ruhen angeblich die Gebeine vom heiligen Jacobus.
Im Anschluss daran holten wir uns im Pilgerbüro die „Compostela“. Die „Compostela“ ist eine Urkunde, die bestätigt, dass man den Pilgerweg gegangen ist. Mit dem Credential (Pilgerpass), ließ man sich in diesem Dokument an den verschiedenen Orten seine Ankunft mittels Stempel bestätigen. Dieser Pilgerpaß ist das offizielle Zeugnis zum Erhalt der „Compostela.
Im Anschluss daran besuchten wir die offizielle Pilgermesse um 12:00 Uhr. Hier werden die Pilger gesegnet. Die Messe dauert etwa 40 Minuten und findet zweimal täglich statt. Das Lied von einer „Nonne“ gesungen mit ihrem einmaligen Gesang und das Schwingen der Botafumeiro, das Weihrauchfass sind die Höhepunkte der Messe.
Danach dann das klassische Touristenprogramm, shoppen und Andenken kaufen, was für Gegensätze, einfach nur krass. Um ehrlich zu sein, ich musste mich zuerst wieder einmal daran gewöhnen, den Trubel, die Lautstärke und die vielen Menschen. Aber das ist mir auch aufgefallen, alles ohne Hektik und Stress.
Und Morgen geht’s weiter, nicht auf’s Schusters Rappen, sondern mit dem Bus zum Kap Finisterre. Mein Ziel im Kopf war Santiago und jetzt noch nach Finisterre wandern war nicht der Plan, im Übrigen war der Akku ziemlich leer.
Historie Finisterre
Für einige Pilger ist der Weg bis Santiago noch nicht zu Ende, sie machen kurz Station in Santiago und pilgern weiter bis zum ca. 100 km westlich gelegenen Kap Finisterre, dem westlichsten Punkt Spaniens. In vorchristlicher Zeit wurde das westlichste Kap Galiciens als der westlichste Punkt des europäischen Festlandes und somit als das Ende der Welt bezeichnet.
Pilger können den Sonnenuntergang ihrer Pilgerreise erleben und einem alten Brauch nach verbrennen dann viele ein von der Reise zerschlissenes Kleidungsstück.
Kap Finisterre und Abreise
Heute morgen sind wir dann mit dem Bus nach Finisterre gefahren. Die Busreise verläuft über Muxia, Finisterre und Muros. Im Regen sind wir los und im Regen kamen wir in Muxia an. Schnell ausgestiegen, durch den riesigen Stein geklettert, patschnass geworden und dann weiter nach Finisterre. Der Tag wurde noch sonnig und war einfach nur herrlich.
In Finisterre hatten wir dann einen längeren Aufenthalt, es war wunderschön und einfühlsam an den Klippen vom Kap zu stehen und das Wasser und die Weite des Meeres wahrzunehmen. Was die Pilger vor mehr als tausend Jahren empfunden haben, die noch nie den Atlantik gesehen haben und glaubten, dass in Finisterre die Welt zu Ende sei. Ich fliege morgen wieder zurück, die Pilger von damals mussten den weiten Weg noch einmal gehen um in ihren Heimatort zu kommen.
Wieder in Santiago angekommen, bereiteten wir uns auf den „Schlussakkord“ vor. Etwas essen, durch die Gassen schlendern, ein Bierchen bzw. ein Gläschen Wein trinken und das ganze noch einmal Revue passieren lassen. Es bedeutet auch Abschied nehmen von Menschen, die man vorher nicht kannte, wo aber in den letzten Wochen die Vertrautheit gewachsen ist.
Letztendlich war ich auch froh, dass ich alles geschafft habe, kleinere Blessuren aber sonst nichts. Und ich freue mich auf meine Lieben zu Hause, meine Freunde und viele mehr. Auch wenn ich nicht so viel über meine Gefühle und Inneres berichtet habe, bin ich dem lieben Gott dankbar, dass er mich und meine Familie in den ganzen Jahren so gut geführt und begleitet hat.
Ich habe es zu Beginn meiner Pilgerfahrt kurz erwähnt und meinem Camino diesen Namen gegeben.
Camino Francés 2017 – Ein Weg, viele Begegnungen, ein Dankeschön
28 Etappen, 816 Kilometer, unzählige Eindrücke – und doch lässt sich das, was dieser Camino mit mir gemacht hat, kaum in Worte fassen.
Als ich mich auf den Weg gemacht habe, wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich wusste nur, dass ich diesen Weg gehen wollte. Kilometer für Kilometer wurde aus einer Wanderung etwas viel Größeres: eine Begegnung mit mir selbst, mit meiner Vergangenheit, mit schönen Erinnerungen, aber auch mit Dingen, die wehgetan haben.
Der Camino hat mir gezeigt, dass nicht immer das Ziel das Wichtigste ist. Manchmal sind es die kleinen Momente unterwegs – ein Gespräch, ein Lächeln, ein gemeinsamer Kaffee, die Stille am frühen Morgen oder der Blick zurück auf die Strecke, die man gerade geschafft hat.
Es gab Tage, an denen die Beine schwer waren. Aber manchmal war nicht der Weg die größte Herausforderung, sondern das, was man in Gedanken mit sich trägt.
Und vielleicht ist genau das die besondere Kraft dieses Weges: Man geht los, um nach Santiago zu kommen, und kommt dabei ein Stück näher zu sich selbst.
Ich habe auf diesem Camino vieles zurückgelassen, manches neu betrachtet und einiges mitgenommen. Vor allem aber nehme ich die Erkenntnis mit, dass es nie zu spät ist, einen neuen Weg einzuschlagen.
Mein Dank gilt allen Menschen, die mir auf diesem Weg begegnet sind – den Menschen, die nur für einen kurzen Moment Teil meiner Reise waren, ebenso wie denen, die mich ein längeres Stück begleitet haben.
Und wenn mich jemand fragt, was mir der Camino gebracht hat, dann würde ich heute sagen: vielleicht war es genau diese Mischung aus Erlebtem, Verlusten, Verantwortung, beruflicher Unruhe, schönen Begegnungen und familiärem Zusammenhalt, die irgendwann den Wunsch in mir wachsen ließ , noch einmal einen anderen Weg zu gehen.
Einen Weg , auf dem nicht das nächste Hotel, der nächste Termin oder das nächste Ziel entscheidend war. Sondern nur der nächste Schritt…..der Camino Francés.
Im Übrigen…danach bin ich noch vier mal den Camino gegangen, einmal sind meine Frau und auch mein Sohn, beide wollten das Camino Feeling kennenlernen, mitgegangen. Es waren immer unterschiedliche Strecken mit dem Ziel Santiago de Compostela.
Abreise:
Am 27.05.2017 war es dann soweit, die Abreise. Julia und ich waren die ersten, die zum Flughafen aufbrechen. Mit dem Taxi zum Flughafen und von dort aus nach Madrid und weiter nach Düsseldorf. In Düsseldorf wurde ich von meiner Frau und meinem Schwager abgeholt. Die Freude des Wiedersehens war riesig. Zu Hause gab es noch eine Überraschung…..mein Töchterchen und ihr Freund warteten in der Wohnung. Nach einem leckeren Abendessen und einem Telefonat mit dem Sohnemann hatten wir unsere Zweisamkeit wieder.
Vielen Dank für’s mitlesen und Ihnen allen ein herzliches Buen Camino
Quellen: Es ist Zeit für den Jakobsweg, Outdoor Camino Francés. Die Informationen zur Geschichte des Jakobswegs und von Santiago de Compostela beruhen auf der offiziellen Website des Pilgerbüros in Santiago de Compostela, der Jakobsweg Zentrale “Dein Pilger Magazin”, der UNESCO, sowie ergänzender Fachliteratur wie Ausschnitte aus Längsschnittstudie zu Lebenssinn & Lebensbedeutungen bei Pilgern des Jakobsweges und bei der Verwendung von Texten und Informationen wurden von mir bekannten Quellen- und Urheberangaben verwendet.
PS. Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen geändert und die im Reisebericht verwendeten Bilder stammen überwiegend von mir bzw. vereinzelt von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Reise. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden die Gesichter einzelner abgebildeter Personen unkenntlich gemacht. Bei der Verwendung von Texten und Informationen wurden von mir bekannten Quellen- und Urheberangaben verwendet.
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