Camino Francés 2017 – Folge 17 von 17

Ein Weg, viele Begegnungen, ein Dankeschön

Ein Reisebericht von einem Pilger aus Wermelskirchen


Folge 17

29. Sant­ia­go

Unse­re Mädels, glück­lich, geschafft, gut­aus­se­hend und der Weg bra­vou­rös gemeis­tert. Hät­ten wir sie nicht gehabt, hät­ten wir uns bestimmt ver­lau­fen. Sie waren unse­re Pla­nungs­stra­te­gen, Her­ber­gen und Hos­tel­ma­na­ger.

Dan­ke­schön ihr bei­den.

Heu­te Mor­gen war es nicht ein­fach auf­zu­ste­hen, der Kopf war grum­me­lig und der Rest­al­ko­hol noch spür­bar. Zum Glück hat Klaus mich geweckt, wenn er nicht gewe­sen wäre, hät­te ich ver­schla­fen und die Pil­ger­mes­se um 08:00 Uhr in deut­scher Spra­che ver­passt. In einem Sei­ten­schiff der Kathe­dra­le wur­de die Mes­se abge­hal­ten. Es war wun­der­schön, sehr ein­fühl­sam und mit Musik und Gesang unter­malt. Jeder Pil­ger durf­te sich vor­stel­len, mit Namen, Hei­mat­ort und wie lan­ge man unter­wegs war, wer woll­te, konn­te sei­nen Beweg­grund nen­nen. Jetzt end­lich fühl­te ich es, ich den­ke, das war der besag­te Moment mei­ner Glück­se­lig­keit. Nach der Mes­se schlen­der­te ich mit Hoch­ach­tung durch die Kathe­dra­le, begrüß­te den hei­li­gen Jaco­bus hin­ter dem Altar und in der Kryp­ta unter dem Altar, in einem gol­de­nen Sarg lie­gend, ruhen angeb­lich die Gebei­ne vom hei­li­gen Jaco­bus.

Im Anschluss dar­an hol­ten wir uns im Pil­ger­bü­ro die „Com­pos­te­la“. Die „Com­pos­te­la“ ist eine Urkun­de, die bestä­tigt, dass man den Pil­ger­weg gegan­gen ist. Mit dem Cre­den­ti­al (Pil­ger­pass), ließ man sich in die­sem Doku­ment an den ver­schie­de­nen Orten sei­ne Ankunft mit­tels Stem­pel bestä­ti­gen. Die­ser Pil­ger­paß ist das offi­zi­el­le Zeug­nis zum Erhalt der „Com­pos­te­la.

Im Anschluss dar­an besuch­ten wir die offi­zi­el­le Pil­ger­mes­se um 12:00 Uhr. Hier wer­den die Pil­ger geseg­net. Die Mes­se dau­ert etwa 40 Minu­ten und fin­det zwei­mal täg­lich statt. Das Lied von einer „Non­ne“ gesun­gen mit ihrem ein­ma­li­gen Gesang und das Schwin­gen der Botaf­umei­ro, das Weih­rauch­fass sind die Höhe­punk­te der Mes­se.

Danach dann das klas­si­sche Tou­ris­ten­pro­gramm, shop­pen und Andenken kau­fen, was für Gegen­sät­ze, ein­fach nur krass. Um ehr­lich zu sein, ich muss­te mich zuerst wie­der ein­mal dar­an gewöh­nen, den Tru­bel, die Laut­stär­ke und die vie­len Men­schen. Aber das ist mir auch auf­ge­fal­len, alles ohne Hek­tik und Stress.

Und Mor­gen geht’s wei­ter, nicht auf’s Schus­ters Rap­pen, son­dern mit dem Bus zum Kap Finis­terre. Mein Ziel im Kopf war Sant­ia­go und jetzt noch nach Finis­terre wan­dern war nicht der Plan, im Übri­gen war der Akku ziem­lich leer.

His­to­rie Finis­terre

Für eini­ge Pil­ger ist der Weg bis Sant­ia­go noch nicht zu Ende, sie machen kurz Sta­ti­on in Sant­ia­go und pil­gern wei­ter bis zum ca. 100 km west­lich gele­ge­nen Kap Finis­terre, dem west­lichs­ten Punkt Spa­ni­ens. In vor­christ­li­cher Zeit wur­de das west­lichs­te Kap Gali­ci­ens als der west­lichs­te Punkt des euro­päi­schen Fest­lan­des und somit als das Ende der Welt bezeich­net.

Pil­ger kön­nen den Son­nen­un­ter­gang ihrer Pil­ger­rei­se erle­ben und einem alten Brauch nach ver­bren­nen dann vie­le ein von der Rei­se zer­schlis­se­nes Klei­dungs­stück.

Kap Finis­terre und Abrei­se

Heu­te mor­gen sind wir dann mit dem Bus nach Finis­terre gefah­ren. Die Bus­rei­se ver­läuft über Muxia, Finis­terre und Muros. Im Regen sind wir los und im Regen kamen wir in Muxia an. Schnell aus­ge­stie­gen, durch den rie­si­gen Stein geklet­tert, patsch­nass gewor­den und dann wei­ter nach Finis­terre. Der Tag wur­de noch son­nig und war ein­fach nur herr­lich.

In Finis­terre hat­ten wir dann einen län­ge­ren Auf­ent­halt, es war wun­der­schön und ein­fühl­sam an den Klip­pen vom Kap zu ste­hen und das Was­ser und die Wei­te des Mee­res wahr­zu­neh­men. Was die Pil­ger vor mehr als tau­send Jah­ren emp­fun­den haben, die noch nie den Atlan­tik gese­hen haben und glaub­ten, dass in Finis­terre die Welt zu Ende sei. Ich flie­ge mor­gen wie­der zurück, die Pil­ger von damals muss­ten den wei­ten Weg noch ein­mal gehen um in ihren Hei­mat­ort zu kom­men.

Wie­der in Sant­ia­go ange­kom­men, berei­te­ten wir uns auf den „Schluss­ak­kord“ vor. Etwas essen, durch die Gas­sen schlen­dern, ein Bier­chen bzw. ein Gläs­chen Wein trin­ken und das gan­ze noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­sen. Es bedeu­tet auch Abschied neh­men von Men­schen, die man vor­her nicht kann­te, wo aber in den letz­ten Wochen die Ver­traut­heit gewach­sen ist.

Letzt­end­lich war ich auch froh, dass ich alles geschafft habe, klei­ne­re Bles­su­ren aber sonst nichts. Und ich freue mich auf mei­ne Lie­ben zu Hau­se, mei­ne Freun­de und vie­le mehr. Auch wenn ich nicht so viel über mei­ne Gefüh­le und Inne­res berich­tet habe, bin ich dem lie­ben Gott dank­bar, dass er mich und mei­ne Fami­lie in den gan­zen Jah­ren so gut geführt und beglei­tet hat.

Ich habe es zu Beginn mei­ner Pil­ger­fahrt kurz erwähnt und mei­nem Cami­no die­sen Namen gege­ben.

Cami­no Fran­cés 2017 – Ein Weg, vie­le Begeg­nun­gen, ein Dan­ke­schön

28 Etap­pen, 816 Kilo­me­ter, unzäh­li­ge Ein­drü­cke – und doch lässt sich das, was die­ser Cami­no mit mir gemacht hat, kaum in Wor­te fas­sen.

Als ich mich auf den Weg gemacht habe, wuss­te ich nicht, was mich erwar­tet. Ich wuss­te nur, dass ich die­sen Weg gehen woll­te. Kilo­me­ter für Kilo­me­ter wur­de aus einer Wan­de­rung etwas viel Grö­ße­res: eine Begeg­nung mit mir selbst, mit mei­ner Ver­gan­gen­heit, mit schö­nen Erin­ne­run­gen, aber auch mit Din­gen, die weh­ge­tan haben.

Der Cami­no hat mir gezeigt, dass nicht immer das Ziel das Wich­tigs­te ist. Manch­mal sind es die klei­nen Momen­te unter­wegs – ein Gespräch, ein Lächeln, ein gemein­sa­mer Kaf­fee, die Stil­le am frü­hen Mor­gen oder der Blick zurück auf die Stre­cke, die man gera­de geschafft hat.

Es gab Tage, an denen die Bei­ne schwer waren. Aber manch­mal war nicht der Weg die größ­te Her­aus­for­de­rung, son­dern das, was man in Gedan­ken mit sich trägt.

Und viel­leicht ist genau das die beson­de­re Kraft die­ses Weges: Man geht los, um nach Sant­ia­go zu kom­men, und kommt dabei ein Stück näher zu sich selbst.

Ich habe auf die­sem Cami­no vie­les zurück­ge­las­sen, man­ches neu betrach­tet und eini­ges mit­ge­nom­men. Vor allem aber neh­me ich die Erkennt­nis mit, dass es nie zu spät ist, einen neu­en Weg ein­zu­schla­gen.

Mein Dank gilt allen Men­schen, die mir auf die­sem Weg begeg­net sind – den Men­schen, die nur für einen kur­zen Moment Teil mei­ner Rei­se waren, eben­so wie denen, die mich ein län­ge­res Stück beglei­tet haben.

Und wenn mich jemand fragt, was mir der Cami­no gebracht hat, dann wür­de ich heu­te sagen: viel­leicht war es genau die­se Mischung aus Erleb­tem, Ver­lus­ten, Ver­ant­wor­tung, beruf­li­cher Unru­he, schö­nen Begeg­nun­gen und fami­liä­rem Zusam­men­halt, die irgend­wann den Wunsch in mir wach­sen ließ , noch ein­mal einen ande­ren Weg zu gehen.

Einen Weg , auf dem nicht das nächs­te Hotel, der nächs­te Ter­min oder das nächs­te Ziel ent­schei­dend war. Son­dern nur der nächs­te Schritt…..der Cami­no Fran­cés.

Im Übrigen…danach bin ich noch vier mal den Cami­no gegan­gen, ein­mal sind mei­ne Frau und auch mein Sohn, bei­de woll­ten das Cami­no Fee­ling ken­nen­ler­nen, mit­ge­gan­gen. Es waren immer unter­schied­li­che Stre­cken mit dem Ziel Sant­ia­go de Com­pos­te­la.

Abrei­se:

Am 27.05.2017 war es dann soweit, die Abrei­se. Julia und ich waren die ers­ten, die zum Flug­ha­fen auf­bre­chen. Mit dem Taxi zum Flug­ha­fen und von dort aus nach Madrid und wei­ter nach Düs­sel­dorf. In Düs­sel­dorf wur­de ich von mei­ner Frau und mei­nem Schwa­ger abge­holt. Die Freu­de des Wie­der­se­hens war rie­sig. Zu Hau­se gab es noch eine Überraschung…..mein Töch­ter­chen und ihr Freund war­te­ten in der Woh­nung. Nach einem lecke­ren Abend­essen und einem Tele­fo­nat mit dem Soh­ne­mann hat­ten wir unse­re Zwei­sam­keit wie­der.

Vie­len Dank für’s mit­le­sen und Ihnen allen ein herz­li­ches Buen Cami­no


Quel­len: Es ist Zeit für den Jakobs­weg, Out­door Cami­no Fran­cés. Die Infor­ma­tio­nen zur Geschich­te des Jakobs­wegs und von Sant­ia­go de Com­pos­te­la beru­hen auf der offi­zi­el­len Web­site des Pil­ger­bü­ros in Sant­ia­go de Com­pos­te­la, der Jakobs­weg Zen­tra­le “Dein Pil­ger Maga­zin”, der UNESCO, sowie ergän­zen­der Fach­li­te­ra­tur wie Aus­schnit­te aus Längs­schnitt­stu­die zu Lebens­sinn & Lebens­be­deu­tun­gen bei Pil­gern des Jakobs­we­ges und bei der Ver­wen­dung von Tex­ten und Infor­ma­tio­nen wur­den von mir bekann­ten Quel­len- und Urhe­ber­an­ga­ben ver­wen­det.

PS. Zum Schutz der Pri­vat­sphä­re wur­den die Namen geän­dert und die im Rei­se­be­richt ver­wen­de­ten Bil­der stam­men über­wie­gend von mir bzw. ver­ein­zelt von Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mern der Rei­se. Zum Schutz der Per­sön­lich­keits­rech­te wur­den die Gesich­ter ein­zel­ner abge­bil­de­ter Per­so­nen unkennt­lich gemacht. Bei der Ver­wen­dung von Tex­ten und Infor­ma­tio­nen wur­den von mir bekann­ten Quel­len- und Urhe­ber­an­ga­ben ver­wen­det.


Alle ver­öf­fent­li­chen Fol­gen fin­den Sie hier:


Bewer­te die­sen Post!
[Gesamt: 6 Durch­schnitt: 3.8]

Kommentare

Hinweis der Redaktion

Für den Inhalt der Kommentare sind ausschließlich die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Die in den Kommentaren geäußerten Meinungen geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion von forumwk.de wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu prüfen, zu bearbeiten, zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht. Kommentare, die gegen geltendes Recht, die Netiquette (siehe „Wir über uns“) oder die redaktionellen Grundsätze von forumwk.de verstoßen, werden nicht veröffentlicht bzw. können nachträglich entfernt werden. Gleiches gilt für Beiträge und Kommentare, die keinen direkten Bezug zu den auf forumwk.de veröffentlichten Inhalten haben.

Ein Kommentar zu „Camino Francés 2017 – Folge 17 von 17“

  1. Avatar von RA Stefan Markel
    RA Stefan Markel

    Applaus, Applaus, Applaus!
    Jede Faser mei­nes Kör­pers kann die Beweg­grün­de, die “Höhen, Mit­ten und Tiefen,die Stra­pa­zen, Ein­tö­nig­kei­ten und Glücks­mo­men­te der Weg­be­wäl­ti­gung und des Resü­mees nach­voll­zie­hen.

    Pil­ger­we­ge sind kei­ne Wan­de­run­gen, kei­ne “Abwe­sen­hei­ten vom nor­ma­len Leben”, kei­ne Urlau­be, sie sind etwas ganz ande­res, kaum zu beschrei­ben. Es ist das Betre­ten einer ande­ren Welt, das Durch­stö­bern eines völ­lig ande­ren Uni­ver­sums, in dem For­men und Far­ben, Töne und Gerü­che ver­schwim­men, redu­ziert auf das unmit­tel­ba­re Erle­ben, ohne Ängs­te und ohne Erwar­tun­gen. Das bun­tes­te Leben erfah­ren, ohne die Scheu­klap­pen von Angst, Vor­ur­teil und Erwar­tun­gen. Eine Welt voll Demut, Beschei­den­heit und Dank­bar­keit. Das macht die Sin­ne frei – und das Wich­tigs­te: Es kann nichts schief­ge­hen!

    Der Him­mel auf Erden erlebt, wer es schafft, Alles um sich her­um wahr­zu­neh­men, wie es ist, es zu füh­len und “den den­ken­den Kopf” aus­zu­schal­ten. Wers nicht glaubt – doch, das geht: Nir­wa­na.

    In SdC war für mich des­halb bis­her nicht Schluß des Weges, weil die See­le sich am Ende des offi­zi­el­len cami­no (vor dem “wie­der-Auf­tau­chen-müs­sen) so weit befreit fühl­te, dass sie die Trep­pe zum Him­mel (stair­way to hea­ven) wei­ter­stei­gen und sich noch stär­ker “heim­ge­zo­gen” füh­len woll­te, das Herz sich zutiefst nach wei­te­ren Erleb­nis­sen der Gebor­gen­heit sehn­te, ein­ge­bet­tet in den erwar­tungs­frei­en Kreis­lauf des Lebens, Lie­bens, Geben und Neh­mens (und nicht in ein emo­ti­ons­lo­ses Hams­ter­rad) und: Weil der Kör­per nicht ein­fach auf­hö­ren konn­te mit der Lauf­e­rei. 100 km wei­ter – ein Klacks. Als Beloh­nung lock­ten 1.000000 wei­te­re klei­ne Erleb­nis­se und Begeg­nun­gen, jede ein­zel­ne ein Glücks­mo­ment für sich.

    Dan­ke für Dei­nen Bericht!

    Buen cami­no e ultreya et sus­eia”!
    Ste­fan

    2
    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert