Prioritäten sind jetzt keine Floskel mehr
Bürgermeister Bernd Hibst hat bei der Vorstellung des Haushaltsentwurfs 2026/2027 im Rat selbst deutlich gemacht, worauf es ankommt: Wermelskirchen muss Prioritäten setzen.
Ein Blick in den fast 600 Seiten starken Entwurf zeigt, dass dieser Appell mehr als berechtigt ist. Die Stadt steht nicht vor einem vorübergehenden finanziellen Engpass, sondern vor einer strukturellen Haushaltskrise. Die laufenden Ausgaben steigen schneller als die Einnahmen, das Eigenkapital wird nahezu vollständig aufgezehrt, die Verschuldung wächst massiv und die Zinszahlungen entwickeln sich zu einem eigenen Millionenproblem.
Rhombus bleibt ein finanzielles Risiko
Auch das Rhombus-Vorhaben steht weiter im Haushaltsentwurf. Allein für die Aktivierung der Brache werden Verpflichtungsermächtigungen von rund 49, 7 Millionen Euro ausgewiesen. Hinzu kommen das geplante Hallenbad und das Haus der Vereine.
Der Entwurf rechnet grundsätzlich mit Fördermitteln. Gleichzeitig enthält die Kalkulation bereits einen Sicherheitsaufschlag von 20% und erwartete jährliche Baukostensteigerungen von 10%. Das zeigt wie unsicher die tatsächlichen Kosten sind. Wenn der Bürgermeister selbst erklärt dass sich Wermelskirchen nicht alle Projekte leisten kann, darf ausgerechnet ein Vorhaben dieser Größenordnung nicht als unantastbar behandelt werden. Auch bereits beschlossene Projekte müssen erneut auf Kosten, Nutzen, Förderrisiken und dauerhafte Folgekosten geprüft werden. Prioritätensetzung, die nur bei kleinen Zuschüssen und freiwilligen Leistungen ansetzt, während Großprojekte unangetastet bleiben, wäre keine Prioritätensetzung. Es wäre Kürzungspolitik an der falschen Stelle.
Wo Kürzungen drohen
Das Haushaltssicherungskonzept liegt noch nicht vor. deshalb lässt sich noch nicht abschließend sagen, welche Angebote konkret gekürzt, verteuert oder gestrichen werden. Der Haushaltsentwurf zeigt aber bereits die Richtung.
Freiwillige Leistungen sollen zwar grundsätzlich erhalten bleiben. Neue oder höhere Zuschüsse seien jedoch nicht mehr möglich, ohne an anderer Stelle zu kürzen. Außerdem sollen spezielle Gebühren und Entgelte überprüft und möglichst vor allgemeinen Steuererhöhungen angepasst werden. Auch weitere Steuererhöhungen werden ausdrücklich nicht ausgeschlossen.
Für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet das voraussichtlich, dass kommunale Leistungen teurer werden können. Gebühren, Eintrittspreise, Nutzungsentgelte und Elternbeiträge dürften auf den Prüfstand kommen. Zuschüsse an Vereine Kultur, Jugendangebote, soziale Initiativen und ehrenamtliche Strukturen geraten unter Druck. Investitionen können verschoben oder gestrichen werden. Gleichzeitig drohen weitere Belastungen über Grund- und Gewerbesteuer.
Auch eine Reduzierung des Personals wird im Entwurf angesprochen. Diese soll über Aufgabenkritik und Prozessoptimierung erreicht werden. Das klingt vernünftig, darf aber nicht bedeuten, dass Bearbeitungszeiten länger, Kontrollen schwächer und Dienstleistungen für die Bürger schlechter werden. eine Verwaltung mit immer mehr Pflichtaufgaben lässt sich nicht beliebig verkleinern ohne dass die Folgen sichtbar werden.
Die Schwäche der Kennzahlen
Eine weitere Schwachstelle ist das Controlling. Der Haushalt enthält zwar viele Ziele und nur einige wenige Kennzahlen, doch ausgerechnet in besonders kostenintensiven Bereichen fehlen häufig aussagekräftige Leistungsdaten.
Bei der Urnenbestattung werden detailreiche Kennzahlen ausgewiesen, bei den Posten, deren Leistungen – anders als die Friedhofsleistungen – in Millionenhöhe gehen, fehlt eine Nachvollziehbarkeit komplett. Zwar sind Kennzahlen NRW-Gesetz nur Soll-Forderungen, können also gesetzt werden, sind für ein aussagefähiges Controlling jedoch unverzichtbar.
Somit bleibt also bei Sozialleistungen, Tagespflege, Jugendhilfe, Gebäude, Unterhaltung und Bauverwaltung oft unklar, wie sich Fallzahlen, Bearbeitungszeiten, Kosten je Fall, Rückholquoten oder konkrete Zielerreichungen entwickelt. Teilweise werden lediglich allgemeine Finanzkennzahlen ausgewiesen.
Ein Haushalt der allein bei den erzieherischen Hilfen mehr als 13 Millionen Euro aufwendet, muss nachvollziehbar zeigen wie viele Fälle betreut werden und wie sich Hilfearten und Dauer verändern und welche Kosten entstehen. Gleiches gilt für städtische Immobilien, Bauverfahren und große Sanierungsprogramme.
Ohne belastbare Kennzahlen wird Priorisierung zur politischen Bauchentscheidung.
Prioritäten setzen heißt: Entscheiden
Bürgermeister Hibst hat mit seiner Forderung nach Prioritätensetzung recht. Nun muss daraus eine konkrete und öffentliche Reihenfolge entstehen.
Gesundheit, Schulen, Kinderbetreuung, Feuerwehr, Rettungsdienst, Soziale Sicherheit, Klimaanpassung und der Erhalt zwingend notwendiger Infrastruktur müssen Vorrang haben. Danach ist zu prüfen, welche Projekte verschoben, verkleinert oder ganz aufgegeben werden können.
Dazu braucht Wermelskirchen eine öffentliche Investitionsampel. Jedes größere Vorhaben muss danach bewertet werden, ob es rechtlich zwingend, technisch dringend, für die Daseinsvorsorge notwendig, verschiebbar oder verzichtbar ist. Dann dürfen nicht nur die Baukosten betrachtet werden. Förderquote, Eigenanteil, Folgekosten, Betrieb, Personalbedarf und Zinsbelastung gehören vollständig auf den Tisch.
Was folgt daraus?
Der Haushaltsentwurf ist eine deutliche Warnung. Er zeigt steigende Steuern, wachsende Defizite, schmelzendes Eigenkapital, explodierende Kredite und eine Zinslast, die der Stadt immer weniger politische Spielraum lässt. Zugleich fehlt das konkrete Haushaltssicherungskonzept und selbst die angekündigte Krankenhausfinanzierung ist offenbar noch nicht vollständig enthalten.
Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich deshalb auf höhere Belastungen, steigende Gebühren, verschobene Investitionen und Kürzungsdebatten einstellen.
Angesichts dieser Situation darf Politik nicht mit moralischen Schlagworten arbeiten oder einzelne Großprojekte aus der Debatte heraushalten. Wer von Prioritäten spricht, muss sie benennen und begründen.
Nicht alles wird gehen. Aber das Notwendige muss zuerst gehen. Und über das, was nicht mehr geht, muss ehrlich gesprochen werden – bevor die nächste Rechnung bei den Bürgerinnen und Bürgern landet.
Bild: Privat Klaus Ulinski
Hier finden Sie alle drei Teile:
-
Wermelskirchens Haushalt vor dem Absturz – Teil 1
Prioritäten sind jetzt keine Floskel mehr – Teil 1 Bürgermeister Bernd Hibst hat bei der Vorstellung des Haushaltsentwurfs 2026/2027 im Rat selbst deutlich gemacht, worauf es ankommt: Wermelskirchen muss Prioritäten… weiterlesen…
-
Wermelskirchens Haushalt vor dem Absturz – Teil 2
Prioritäten sind jetzt keine Floskel mehr Bürgermeister Bernd Hibst hat bei der Vorstellung des Haushaltsentwurfs 2026/2027 im Rat selbst deutlich gemacht, worauf es ankommt: Wermelskirchen muss Prioritäten setzen. Ein Blick… weiterlesen…
-
Wermelskirchens Haushalt vor dem Absturz – Teil 3
Prioritäten sind jetzt keine Floskel mehr Bürgermeister Bernd Hibst hat bei der Vorstellung des Haushaltsentwurfs 2026/2027 im Rat selbst deutlich gemacht, worauf es ankommt: Wermelskirchen muss Prioritäten setzen. Ein Blick… weiterlesen…


Schreibe einen Kommentar