Unser Beitrag über die „Kinderstadt“-Demonstration und der WDR-Beitrag über die von der Stadt Wermelskirchen organisierte Kinderstadt-Ferienwoche haben heftige Reaktionen ausgelöst, auch außerhalb des Kommentarbereichs dieses Forums. In einigen Kritikpunkten wird behauptet, die beteiligten Kinder seien instrumentalisiert worden, weil sie ihre Sorgen um ihre Zukunft, um extreme Hitze und um eine Welt zum Ausdruck brachten, die in weiten Teilen Europas unter Dürre, Hitzewellen und Waldbränden leidet.
In diesem Punkt sagen wir ganz klar: Kinder, die aufgrund realer Entwicklungen Sorge um ihre Zukunft äußern, sind nicht instrumentalisiert. Sie sind aufmerksam, sensibel und haben jedes Recht dazu.
Kinder empfinden wahrhaftiger als mancher Erwachsener
Wer leugnet, dass Kinder fähig sind, tief zu empfinden, zu beobachten und Schlussfolgerungen zu ziehen, verkennt die Realität ihres Lebens. Kinder erleben schon seit Langem Hitzewellen, Dürren, Waldbrände, Überschwemmungen und die öffentliche Debatte darüber. Sie hören zu, sie sehen Bilder und sie stellen Fragen. Wenn sie diese Fragen laut aussprechen, ist das keine Ideologie, sondern Ausdruck von Sorge und Bewusstsein.
In diesem Zusammenhang wurde uns unter anderem der folgende Facebook-Kommentar zur Kenntnis gebracht:
„Ich habe mir den Beitrag* gerade in der Mediathek angesehen und bin schockiert!
Seit wann dürfen Kinder instrumentalisiert werden?
Kein Kind in dem Alter kommt selbstständig auf diese Aussagen.
Entweder stehen die Eltern dahinter (schlimm) oder sie werden in der Kinderstadt von Ideologen eingenordet (schlimmer bzw. inakzeptabel!!!)
Wir werden verbrennen 😡“
*(Anmerkung. der Redaktion: Gemeint ist folgender Bericht des WDR;
https://www1.wdr.de/mediathek/wermelskirchen-demo-in-der-kinderstadt-100.html)
Versuch, eine unbequeme Realität zu delegitimieren
Solche Reaktionen verdeutlichen ein Problem, das über diesen Einzelfall hinausgeht. Sobald Kinder wissenschaftlich belegbare Fakten anführen, werden nicht die Fakten diskutiert, sondern die Kinder selbst, ihre Eltern oder ihre Erziehungsberechtigten geraten in den Verdacht. Das ist keine objektive Debatte, sondern der Versuch, eine unbequeme Realität zu delegitimieren, indem man sie als Ideologie abstempelt.
Das Forum Wermelskirchen steht für Meinungsvielfalt und setzt sich für die Meinungsfreiheit ein. Beides ist unverzichtbar. Doch Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass Fakten willkürlich werden. Ebenso wenig bedeutet Meinungsvielfalt, dass wissenschaftlich belegbare Realität auf eine bloße Meinungsfrage reduziert werden kann. Politische Schlussfolgerungen können und sollten diskutiert werden. Über nachweisbare Fakten lässt sich jedoch nicht nach Belieben diskutieren.
Fakten – die Grundlage jeder wahrhaftigen Debatte
Zu einer demokratischen Kultur gehört es, abweichende Meinungen tolerieren zu können. Dazu gehört aber auch, die gemeinsame Grundlage jeder Debatte zu wahren, nämlich Fakten, Wissenschaft und nachprüfbare Realität. Wer diese Grundlage pauschal als Indoktrination abtut, nur weil ihm ihre Implikationen nicht gefallen, gibt den Boden auf, auf dem eine aufgeklärte und verantwortungsvolle Diskussion beruht.
Die Fakten sind eindeutig. Die Erde hat sich infolge der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen messbar erwärmt. Hitzewellen sind aufgrund des vom Menschen verursachten Klimawandels häufiger und intensiver geworden. Europa ist der Kontinent, auf dem die Erwärmung besonders schnell voranschreitet. Höhere Temperaturen trocknen Boden und Vegetation aus, und genau diese Bedingungen erhöhen das Risiko schwerer Waldbrände erheblich.
Das bedeutet nicht, dass jeder einzelne Brand ausschließlich durch den Klimawandel verursacht wird. Brände erfordern oft spezifische Zündquellen, wie menschliches Versagen, Fahrlässigkeit, Brandstiftung oder Blitzeinschlag. Doch der Klimawandel schafft die Bedingungen, unter denen Brände leichter entstehen, sich schneller ausbreiten und schwerer zu kontrollieren sind. Er wirkt somit sowohl im wörtlichen als auch im klimatischen Sinne als Brandbeschleuniger.
Kinder haben ein Recht auf die Wahrheit
Kindern diese Zusammenhänge zu erklären, verursacht bei ihnen keine unnötige Angst. Diese Zusammenhänge vor Kindern zu verheimlichen, verwehrt ihnen einen Orientierungsrahmen. Kinder haben ein Recht auf die Wahrheit – dargestellt in einer altersgerechten und einfühlsamen Weise, ohne Dramatisierung, aber dennoch wahrheitsgetreu. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die Gesellschaft, die Politik und frühere Generationen die Klimakrise viele Jahre lang allzu oft heruntergespielt, ignoriert oder Maßnahmen dagegen aufgeschoben haben. Es wäre unehrlich, heute so zu tun, als hätten wir all das nicht wissen können. Warnungen, Forschungsergebnisse und politische Handlungsmöglichkeiten liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Die Tatsache, dass zu wenig getan wurde, darf nicht dadurch verschleiert werden, dass nun gerade die Jüngsten zum Problem erklärt werden, wenn sie auf die Folgen hinweisen.
Unsere Kinder brauchen keine tröstenden Lügen
Kinder, die ihre Sorge um das Klima äußern, sind nicht das Problem. Wissenschaftliche Fakten sind keine Ideologie. Die Realität als Indoktrination abzutun, trägt nicht zur Debatte bei; es ist eine Ablehnung derselben. Wer die Zukunft unserer Kinder schützen will, muss bereit sein, die Realität anzuerkennen.
Das Forum Wermelskirchen wird weiterhin Raum für unterschiedliche Meinungen bieten. Was wir jedoch entschieden ablehnen, sind Versuche, Fakten zu leugnen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskreditieren und engagierte Kinder oder ihre Unterstützer pauschal als Ideologen abzustempeln. Das ist kein Ausdruck demokratischer Stärke, sondern Ausdruck von Angst vor der Realität und ein Angriff auf die Grundlagen einer ehrlichen öffentlichen Debatte.
Unsere Kinder brauchen keine tröstenden Lügen. Sie brauchen Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Erwachsene, die den Mut haben, sich der Wahrheit zu stellen.
Die wissenschaftlichen Grundlagen für diese Einschätzung sind umfassend dokumentiert. In seinem Sechsten Sachstandsbericht stellt der Weltklimarat (IPCC) fest, dass der Einfluss des Menschen zweifelsfrei die globale Erwärmung verursacht hat und dass Hitzeextreme in den meisten Landregionen häufiger und intensiver geworden sind. Die Berichte der Arbeitsgruppen I und II des IPCC beschreiben zudem die Folgen für den Wasserkreislauf, Dürren, Ökosysteme und die Brandbedingungen. Die Weltorganisation für Meteorologie und der europäische Klimadienst Copernicus zeigen, dass sich Europa besonders schnell erwärmt und zunehmend von Hitzewellen, Dürren und Brandgefahren betroffen ist. Auch die Europäische Umweltagentur identifiziert Hitze, Dürre und Waldbrände als zentrale Klimarisiken für Europa. Ergänzt werden diese Erkenntnisse durch Berichte der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU zu Waldbränden in Europa sowie durch Attributionsstudien von World Weather Attribution, die regelmäßig belegen, dass extreme Hitzewellen infolge des vom Menschen verursachten Klimawandels deutlich wahrscheinlicher oder intensiver geworden sind.
Meinungsfreiheit schützt die Debatte. Sie ersetzt aber nicht die Wirklichkeit. Wer Kindern abspricht, reale Sorgen äußern zu dürfen, wer wissenschaftliche Fakten als Ideologie diffamiert und wer die Klimakrise verharmlost, handelt nicht im Interesse unserer offenen Gesellschaft und schon gar nicht im Interesse unserer Kinder.
Die maßgeblichen Quellen dazu sind auf den Seiten des IPCC unter
https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/ und
https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/ zu finden,
außerdem bei der Weltorganisation für Meteorologie unter
https://wmo.int,
bei Copernicus unter
https://climate.copernicus.eu,
bei der Europäischen Umweltagentur unter
https://www.eea.europa.eu/publications/european-climate-risk-assessment,
beim Joint Research Centre der EU unter
https://joint-research-centre.ec.europa.eu
sowie bei World Weather Attribution unter
https://www.worldweatherattribution.org.
Bild: Privat Klaus Ulinski


Kommentare
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5 Kommentare zu „Kinder ernst nehmen heißt, ihre Sorgen ernst zu nehmen“
Guten Tag. Als Projektleiter der Kinderstadt lade ich Sie alle herzlich zum Abschlussfest der Kinderstadt am 1.8. um 15 Uhr ein. Dort können wir uns gerne persönlich über das Konzept Kinderstadt austauschen.
Vorab zum Hintergrund: Die Idee zu der Demo kam tatsächlich von den Kindern selbst, denn Kinder verstehen, was in der Welt vor sich geht und haben durch TV oder Social Media Zugang zu Berichten über beispielsweise die Waldbrände in Frankreich, Spanien und Italien. Bei der Demo wollten sie darauf hinweisen, was ihnen wichtig ist und was sie berührt. Dass die Meere sauberer werden, unsere Wälder nicht brennen oder wir weniger Plastik nutzen sollen, waren alles Anregungen und Ideen der Kinder, denen wir damit Raum gegeben haben. Das gehört zu einer Demokratie dazu – und damit auch zur Demokratie in der Kinderstadt.
Mit freundlichen Grüßen
Kolja Pfeiffer
Projektleitung Kinderstadt
Es ist bizarr:
Die Gesellschaft vertraut nicht Ihren Augen,
sie schaut weg, nicht hin,
Wir vertrauen nicht den Warnungen der Toten,
denn die sind nicht mehr up to date
Wir vertrauen nicht den Ängsten der Kinder
denn die können das noch gar nicht wissen
Wir vertrauen nicht den Senioren,
denn die haben es ja verursacht
Wir vertrauen nicht den Befürchtungen jungen Menschen
denn die blockieren (terroristische Vereinigung) unsere Autos
Wir trauen Managern, die durch Katastrophen reich geworden sind
und die uns sagen, wir können Katastrophen- Gegenmittel kaufen
Katastrophen schaffen Arbeitsplätze und
“wir brauchen mehr Katastrophen”.
Und wir vertrauen Führern und Möchtegernen,
die uns weismachen, uns wirds bald besser gehen
“Alles gar nicht so schlimm” sagen sie, “Alles Lüge”
wenn wir es bloß durch ihre Augen sehen.
Augen zu und durch?
Ich finde es schade, dass den Verantwortlichen der Kinderstadt pauschal unterstellt wird, sie hätten die Kinder instrumentalisiert oder ihnen Angst gemacht. Wer das Projekt kennt oder über Jahre begleitet hat, weiß, dass dort seit vielen Jahren mit sehr viel Herzblut gearbeitet wird.
Meine Tochter und auch meine Nichte haben mehrere Jahre als Mitarbeiterinnen in der Kinderstadt mitgewirkt. Ich habe erlebt, mit wie viel Engagement den Kindern dort Werte wie Gemeinschaft, Mitbestimmung, Verantwortung und gegenseitiger Respekt vermittelt werden.
Kinder leben nicht in einer abgeschotteten Welt. Sie bekommen mit, was um sie herum passiert – ob Klimawandel, Umweltverschmutzung oder andere gesellschaftliche Themen. Ihnen zuzuhören und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken und Sorgen auszudrücken, bedeutet für mich nicht, sie zu instrumentalisieren. Im Gegenteil: Es ist gelebte Demokratie.
Viele von uns Erwachsenen haben bereits einen großen Teil ihres Lebens hinter sich. Die Kinder hingegen haben ihre Zukunft noch vor sich. Dass sie sich Gedanken darüber machen und diese öffentlich äußern möchten, finde ich weder verwerflich noch beängstigend, sondern bemerkenswert.
Man sollte sie ernst nehmen und ihnen mit Respekt begegnen. Genau das vermittelt die Kinderstadt seit vielen Jahren – und dafür verdienen die Organisatorinnen und Organisatoren sowie die Mitarbeitenden meiner Meinung nach allergrößte Anerkennung statt vorschneller Vorwürfe.
Kinder verschaffen sich Gehör in Wermelskirchen
Ich habe den WDR-Bericht in der “Lokalzeit Wuppertal” vom 23.07.26 zur Kinderdemo in Wermelskirchen aufmerksam verfolgt.
Die Kinder, alle im Schulalter, haben ihre Sorge über die zunehmende Luft- und Umweltverschmutzung, Abholzung der Wälder und den Klimawandel zum Ausdruck gebracht und ihre Ängste darüber, in einer möglicherweise später unbewohnbaren Welt zu leben.
Sie weisen zu Recht darauf hin, dass es hier um ihre eigene Zukunft geht und mahnen die Dringlichkeit von Veränderungen an, den rücksichtsvolleren Umgang mit Resourcen. Auch Vorschläge zur Verbesserung wurden genannt: z.B. weniger Autofahren, stattdessen mehr zu Fuß gehen, Roller oder Fahrrad benutzen, Wasser und Strom sparen, nicht so viel am Computer zocken oder fernsehen, , lieber sich draußen bewegen und spielen.
Ich bin selbst Großmutter und bin der Überzeugung, dass Kinder, im Schulalter allemal, schon gut Probleme erkennen und reflektieren können auf ihre eigene, kindgerechte Art.
In einer Demonstration dies zum Ausdruck zu bringen bedeutet auch ein Einüben in Formen demokratischer Willensbildung und ‑artikulation. Sich eine Meinung bilden und sie vetreten zu können auf einer Demonstration, aber auch natürlich in Diskussionen, Gesprächen, im eigenen Handeln etc. gehört zu den grundlegenden Kompetenzen in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft.
Dies sollte in aller Form unterstützt und das Anliegen der Kinder ernst genommen werden.
Kinder ernst nehmen heißt, ihre Sorgen ernst zu nehmen, genau richtig geschrieben und Kinder empfinden wahrhaftiger als mancher Erwachsener…den Nagel auf den Kopf getroffen.
Erziehungsgrundlagen sind die Werte und Prinzipien, nach denen Eltern oder andere Erziehende Kinder begleiten. Ziel ist es, Kinder zu selbstständigen, verantwortungsbewussten und sozial kompetenten Menschen zu erziehen dazu gehören auch
Förderung von Selbstständigkeit: Kinder sollen ihrem Alter entsprechend Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen und auch
Mitbestimmung, Kinder dürfen ihre Meinung äußern
Als Schluẞwort meinerseits macht es mich als Elternteil stolz zu sehen, dass meine Kinder heute als Erwachsene ihre eigene Meinung haben und sie respektvoll vertreten. Selbstständig zu denken und Verantwortung zu übernehmen – das ist für uns ein wichtiger Teil von Erziehung.