Der Beinaheunfall

Eine Begeg­nung auf dem Rad­weg: Bei­na­he­un­fall und ein Gespräch über Respekt, Frei­heit und gesell­schaft­li­che Span­nun­gen

Wer­mels­kir­chen.
Ein kur­zer Moment auf dem Rad­weg an der Kreu­zung mit der Ber­li­ner Stra­ße hät­te böse enden kön­nen: Ein Rad­fah­rer fuhr in die Tras­se ein, unter­schätz­te dabei einen dort bereits fah­ren­den Mann – es kam bei­na­he zum Zusam­men­stoß. Der auf der Tras­se fah­ren­de Rad­ler muss­te scharf brem­sen und reagier­te ver­är­gert. Der ein­mün­den­de schimpf­te wütend zurück, mit Wor­ten, die ich bes­ser nicht wie­der­ho­le! Ein – wie ja bereits auch im WDR berich­tet wur­de – all­täg­li­cher Vor­fall, lei­der! Und doch einer, der im Ton sofort zeig­te, wie ange­spannt das Mit­ein­an­der nicht nur auf der Bal­kan­tras­se manch­mal gewor­den ist.

Ich fra­ge nach, ob etwas pas­siert sei. Der älte­re Rad­fah­rer, sicht­lich erschro­cken und noch ganz unter dem Ein­druck des Vor­falls, ist zunächst sprach­los. „Wie kann jemand ein­fach so …“, sagt er fas­sungs­los. Aus dem Ärger über die Sze­ne ent­wi­ckelt sich ein Gespräch, das weit über den Moment hin­aus­geht  – hin zu Fra­gen nach Respekt, Mei­nungs­frei­heit und dem poli­ti­schen Kli­ma im Land.

„Was ist nur los in die­sem Land?“

Der Mann, Mit­te 60, berich­tet, er sei pen­sio­nier­ter Poli­zist und habe rund 35 Jah­re im Poli­zei­dienst gestan­den, zuletzt in Wup­per­tal. Er erzählt von einem Beruf, den er einst mit Über­zeu­gung aus­ge­übt habe, der aber im Lau­fe der Jah­re immer här­ter gewor­den sei. Die Ein­sät­ze sei­en schwie­ri­ger gewor­den, die Fron­ten ver­här­te­ter, die Stim­mung aggres­si­ver gewor­den. Schon Anfang der 2000er Jah­re habe er gespürt, dass etwas aus dem Ruder lau­fe.

Heu­te, sagt er, sei vie­les schwie­ri­ger gewor­den. Vor allem sei der Ton rau­er gewor­den, der Respekt gerin­ger. Er habe das Gefühl, man dür­fe sei­ne Mei­nung nicht mehr frei äußern, ohne sofort in eine Schub­la­de gesteckt zu wer­den.

„… aber glau­ben Sie mir, ich weiß ganz genau, wo ich in zwei Jah­ren mein Kreuz­chen set­zen wer­de!“,

sagt er schließ­lich.

Ich hal­te ihm ent­ge­gen: In Deutsch­land gel­te Mei­nungs­frei­heit. Jeder dür­fe sei­ne Mei­nung sagen  – gera­de auch dann, wenn sie unbe­quem sei. Doch der älte­re Rad­fah­rer bleibt bei sei­nem Ein­druck, dass man­che Din­ge heu­te schnell als ver­däch­tig gel­ten, sobald sie nicht in den herr­schen­den Mei­nungs­kor­ri­dor pas­sen. Das Wort „Main­stream“ – auch in Bezug auf die Medi­en – macht die Run­de.

Mei­nungs­frei­heit: ein Begriff, zwei Inter­pre­ta­tio­nen

Im Lau­fe des Gesprächs wird deut­lich, dass es mei­nem Gesprächs­part­ner nicht nur um poli­ti­sche Posi­tio­nen geht, son­dern um die Fra­ge, wie mit abwei­chen­den Mei­nun­gen umge­gan­gen wird. Er erlebt eine Gesell­schaft, in der sich man­che Men­schen in der Öffent­lich­keit pau­schal miss­ver­stan­den oder ver­ur­teilt füh­len. Gleich­zei­tig wird in unse­rem Gespräch auch  eine wei­te­re Ebe­ne sicht­bar: die Sor­ge, dass unter dem Schlag­wort Mei­nungs­frei­heit manch­mal nicht die Frei­heit aller gemeint ist, son­dern vor allem die Frei­heit der eige­nen Posi­ti­on.

Genau hier setzt die kri­ti­sche­re Refle­xi­on an. Im Gespräch wird  auf eine Per­son ange­spielt, die einer­seits öffent­lich dämo­ni­siert wer­de, sich ande­rer­seits aber mit Men­schen umge­be, die bekann­ter­ma­ßen mit rechts­extre­men Krei­sen in Ver­bin­dung ste­hen. Die­se Wider­sprüch­lich­keit erzeugt Unbe­ha­gen:  Wenn Selbst­dar­stel­lung und Umfeld nicht zusam­men­pas­sen, bleibt Skep­sis berech­tigt. Es gehe, so die Über­le­gung, nicht um vor­schnel­le Ver­ur­tei­lung, son­dern um die nüch­ter­ne Fra­ge, was die öffent­li­chen Aus­sa­gen eines Men­schen wert sind, wenn sich hin­ter der Rhe­to­rik ein ande­re poli­ti­sches Umfeld zeigt.

Das „alte Deutsch­land“ als Sehn­suchts­bild

Als der älte­re Rad­fah­rer vom „alten Deutsch­land“ spricht, meint er damit kei­ne poli­ti­sche Rück­kehr zu ver­gan­ge­nen Zei­ten, son­dern viel­mehr eine Atmo­sphä­re: ein Land, in dem die Men­schen noch mit­ein­an­der reden, ein­an­der ernst neh­men und sich nicht sofort bedroht oder ent­wer­tet füh­len. Ein Land, in dem Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten nicht auto­ma­tisch in Feind­bil­dern mün­den.

Ich fra­ge mich schon län­ger: Liegt hier eine Ursa­che eines gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Unbe­ha­gens? Ich den­ke: Es geht nicht um die Ver­gan­gen­heit an sich, son­dern um die ver­lo­re­ne Kul­tur des Dia­logs. Das „alte Deutsch­land“ erscheint als Chif­fre für Respekt, Streit­kul­tur und die Bereit­schaft zum Zuhö­ren.

Aber aus dem Gespräch geht auch eine War­nung her­vor. Wer stän­dig von Mei­nungs­frei­heit spre­che, dür­fe damit nicht nur die eige­ne Frei­heit mei­nen. Ech­te Mei­nungs­frei­heit gel­te für alle – auch für Posi­tio­nen, die einem selbst völ­lig miss­fal­len. Sie sei kei­ne Ein­bahn­stra­ße kei­ne ideo­lo­gi­sche Besitz­ur­kun­de. Sie ver­lan­ge von uns, auch unbe­que­me, frem­de oder irri­tie­ren­de Ansich­ten zu tole­rie­ren, ohne dabei den demo­kra­ti­schen Rah­men zu ver­las­sen.

Die Gefahr der Pola­ri­sie­rung

Der Gesprächs­fa­den wird an die­ser Stel­le brei­ter: Die Sor­ge gilt einem erbit­ter­ten Kul­tur­krieg, wie er in den USA zu beob­ach­ten ist. Dort, so die Befürch­tung, hät­ten sich poli­ti­schen Lager längst so weit von­ein­an­der ent­fernt, dass immer schär­fe­re Gegen­sät­ze den Dis­kurs bestim­men. Selbst sehr jun­ge Men­schen wür­den dort zuneh­mend extre­me Posi­tio­nen wäh­len. Die Sor­ge ist, dass auch hier­zu­lan­de eine sol­che Dyna­mik ent­ste­hen könn­te – eine, die nicht zu Ent­zau­be­rung führt, son­dern zu wei­te­rer Radi­ka­li­sie­rung.

Die­se Ent­wick­lung, so die gemein­sa­men Ana­ly­se, droht eine Gesell­schaft zu zer­rei­ßen, wenn sie nicht recht­zei­tig begrenzt wird. Wenn die Mei­nungs­frei­heit nur noch  als Kampf­be­griff benutzt wird, wäh­rend gleich­zei­tig ande­re Stim­men dele­gi­ti­miert oder abge­wer­tet wer­den, ent­steht ein toxi­sches Kli­ma. Dann ist die Debat­te kein Mei­nungs­aus­tausch mehr, son­dern Lager­bil­dung. Und die poli­ti­sche Debat­te ver­wan­delt sich in einen per­ma­nen­ten Kon­flikt­zu­stand.

Respekt beginnt im Klei­nen

Der Bei­na­he­un­fall auf der Bal­kan­tras­se in Wer­mels­kir­chen steht am Ende sinn­bild­lich für das grö­ße­re The­ma.  Es hät­te ein ein­fa­ches „Ent­schul­di­gung“ sein kön­nen. Statt­des­sen gab es Flü­che, Wut und Ver­ach­tung. Mir scheint, hier  spie­gelt sich das grö­ße­re gesell­schaft­li­che Pro­blem wider: den Ver­lust an Rück­sicht, an Anstand, an der Fähig­keit, den ande­ren nicht sofort als Geg­ner zu behan­deln. 

Mein Gesprächs­part­ner,  der älte­re Rad­fah­rer bleibt am Ende poli­tisch schwer ein­zu­ord­nen. Ich fra­ge ihn: Mit wem habe ich denn hier ein so gutes Gespräch geführt? Mit einem Rech­ten? Mit einem kon­ser­va­ti­ven? Mit einem Lin­ken eher nicht?  Er sieht sich eher in der Mit­te, emp­fin­det aber, dass die­se poli­ti­sche Mit­te immer mehr ver­schwin­de.  Wer lan­ge Zeit kon­ser­va­ti­ve und mode­rat gedacht habe, fin­de sich in der heu­ti­gen Welt oft nicht mehr wie­der. Das führt zu Frus­tra­ti­on, Ver­un­si­che­rung und dem Wunsch nach Ori­en­tie­rung.

Liegt hier die eigent­li­che Erkennt­nis die­ses Gesprächs? Mei­nungs­frei­heit ist mehr als ein Recht. Sie ist eine Hal­tung. Sie ver­langt die Bereit­schaft, Ambi­va­len­zen aus­zu­hal­ten, Wider­sprü­che aus­zu­hal­ten, auch das Unbe­que­me zu hören – ohne sofort die Axt des Schub­la­den­den­kens zu schwin­gen. Könn­te dies viel­leicht der Punkt sein, an dem sich ent­schei­det, ob eine Gesell­schaft im Dia­log bleibt oder sich selbst zer­legt?

Und so bleibt aus einer klei­nen Sze­ne auf der Bal­kan­tras­se an der Ber­li­ner Stras­se die gro­ße Fra­ge zurück:  Wie reden wir mit­ein­an­der, bevor der nächs­te Bei­na­he­un­fall mehr wird als nur ein kur­zer Schreck­mo­ment?

Bild: Lutz Bal­schu­weit


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Kommentare

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2 Kommentare zu „Der Beinaheunfall“

  1. Avatar von Wilfried Funk
    Wilfried Funk

    Ein rea­li­täts­na­her Bericht. Das Leben und der Umgang hat sich stark ver­än­dert. Ich wür­de mich sehr ger­ne mit dem Herrn Poli­zist a.D. aus­tau­schen. Garan­tiert wür­den wir uns schnell ver­ste­hen. Auch ich habe in die­sem Land über 48 Jah­re NONSTOP mei­ne Diens­te zur Ver­fü­gung gestellt und wenn ich sehe, was allei­ne in den letz­ten 20 Jah­ren aus Deutsch­land gewor­den ist, wird mir ganz anders. Ganz schreck­lich fin­de ich auch, dass man egal was man sagt, sofort in eine Ecke gestellt wird. Die­ses Deutsch­land wird lei­der nie mehr so schön und freund­lich wer­den, wie es ein­mal war. Egal wo man in Deutsch­land ist, alles ist anders, alles ist nicht mehr so zusam­men­ste­hend wie es ein­mal war. Kei­ner ist mehr bereit, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Am schlimms­ten zei­gen uns die Poli­ti­ker, wie Spal­tung ganz toll funk­tio­niert.

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    1. Avatar von Lutz Balschuweit

      Ich glau­be, dass man durch­aus das Gefühl haben kann, dass sich Deutsch­land ver­än­dert hat und man­ches heu­te weni­ger ver­bind­lich und weni­ger freund­lich wirkt. Das will ich gar nicht bestrei­ten. Die Zei­ten ändern sich halt immer wie­der.

      Aber ich glau­be nicht, dass Deutsch­land des­halb „nie mehr schön und freund­lich“ wer­den kann oder nicht mehr schön und freund­lich ist. Und ich glau­be auch nicht, dass frü­her alles bes­ser und alle Men­schen mehr für­ein­an­der da waren.

      In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ist näm­lich auch sehr viel Posi­ti­ves pas­siert:

      Hier mal eine unvoll­stän­di­ge Lis­te – also unge­fähr 2006 bis 2026 – nicht nur unter dem Gesichts­punkt „Was läuft gera­de schlecht?“ betrach­tet. Eine bewusst brei­te Samm­lung – tech­ni­sche, gesell­schaft­li­che, medi­zi­ni­sche, öko­lo­gi­sche und all­täg­li­che Fort­schrit­te. Nicht alles davon ist aus­schließ­lich „deut­scher Ver­dienst“, aber es hat Deutsch­land deut­lich ver­än­dert:

      Erneu­er­ba­re Ener­gien sind mas­siv aus­ge­baut wor­den.
      Der Anteil erneu­er­ba­rer Ener­gien am Brut­to­strom­ver­brauch stieg von etwa 10 % im Jahr 2005 auf 55,1 % im Jahr 2025. (Ener­gie­wen­de)
      Solar­strom ist vom Nischen­pro­dukt zum Mas­sen­pro­dukt gewor­den.
      Pho­to­vol­ta­ik fin­det man heu­te auf Pri­vat­häu­sern, Gewer­be­ge­bäu­den, Bal­ko­nen und Frei­flä­chen.
      Wind­kraft wur­de mas­siv aus­ge­baut.
      Deutsch­land erzeug­te 2025 allein aus Wind­kraft rund 157 TWh Strom – ein Viel­fa­ches des­sen, was vor 20 Jah­ren mög­lich war. (Ener­gie­wech­sel)
      Elek­tro­mo­bi­li­tät ist vom Expe­ri­ment zum nor­ma­len Bestand­teil des Stra­ßen­ver­kehrs gewor­den.
      Elek­tro­au­tos, öffent­li­che Lade­punk­te und pri­va­te Wall­bo­xen sind heu­te selbst­ver­ständ­lich.
      Wär­me­pum­pen haben sich eta­bliert.
      Eine Tech­no­lo­gie, die vor 20 Jah­ren noch rela­tiv sel­ten war, ist heu­te für vie­le Haus­hal­te eine rea­le Alter­na­ti­ve zur Gas- oder Ölhei­zung.
      Die Luft ist in vie­len deut­schen Städ­ten sau­be­rer gewor­den.
      Schad­stoff­grenz­wer­te, Fil­ter­tech­nik, moder­ne­re Fahr­zeu­ge und der Rück­gang bestimm­ter Emis­sio­nen haben die Belas­tung deut­lich redu­ziert.
      Die Arbeits­lo­sig­keit ist gegen­über der Mit­te der 2000er Jah­re erheb­lich gesun­ken.
      2005 lag die Arbeits­lo­sen­quo­te nach der heu­ti­gen ver­gleich­ba­ren Desta­tis-Zeit­rei­he bei etwa 13 %, 2025 bei 6,3 %. (Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt)
      Deutsch­land hat­te jah­re­lang einen außer­ge­wöhn­lich hohen Beschäf­ti­gungs­stand.
      Vor der aktu­el­len wirt­schaft­li­chen Schwä­che war die Arbeits­lo­sig­keit 2019 bei­spiels­wei­se auf nur 5,0 % gefal­len. (Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt)
      Frau­en sind stär­ker im Berufs­le­ben ange­kom­men.
      Die Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie wur­de ver­bes­sert.
      Eltern­geld, Aus­bau der Kin­der­be­treu­ung und Ganz­tags­an­ge­bo­te haben vie­len Fami­li­en mehr Mög­lich­kei­ten gege­ben.
      Väter neh­men wesent­lich häu­fi­ger Eltern­zeit als frü­her.
      Kin­der­be­treu­ung wur­de erheb­lich aus­ge­baut.
      Deutsch­land ist gesell­schaft­lich viel­fäl­ti­ger gewor­den.
      Men­schen mit unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­den gehö­ren heu­te ganz selbst­ver­ständ­lich zum deut­schen All­tag.
      Aus den Flücht­lin­gen von 2015 sind heu­te vie­le eta­blier­te Unter­neh­mer, gut inte­grier­te Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger und sogar Freun­de gewor­den.
      Die recht­li­che Gleich­stel­lung homo­se­xu­el­ler Paa­re wur­de vor­an­ge­bracht.
      Seit 2017 gibt es die Ehe für alle.
      Dis­kri­mi­nie­rung wird heu­te wesent­lich stär­ker the­ma­ti­siert.
      Din­ge, die frü­her ein­fach hin­ge­nom­men wur­den, wer­den heu­te hin­ter­fragt.
      Das Bewusst­sein für Bar­rie­re­frei­heit ist gewach­sen.
      Inklu­si­on ist stär­ker Bestand­teil von Schu­le, Arbeit und öffent­li­chem Leben gewor­den.
      Das Inter­net hat den Zugang zu Wis­sen gera­de­zu revo­lu­tio­niert.
      Wiki­pe­dia, digi­ta­le Biblio­the­ken, You­Tube, Online­kur­se, Media­the­ken und offe­ne Bil­dungs­an­ge­bo­te ermög­li­chen heu­te Wis­sen, für das man frü­her Bücher kau­fen oder eine Biblio­thek auf­su­chen muss­te.
      Smart­phones haben vie­le all­täg­li­che Din­ge dras­tisch ver­ein­facht.
      Navi­ga­ti­on, Über­set­zung, Fahr­plä­ne, Ban­king, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Tickets, Foto­gra­fie­ren und vie­les mehr sind jeder­zeit ver­füg­bar.
      Online-Ban­king ist selbst­ver­ständ­lich gewor­den.
      Behör­den­gän­ge wer­den zuneh­mend digi­tal mög­lich.
      Noch längst nicht per­fekt – aber gegen­über 2006 hat sich sehr viel ver­än­dert.
      Navi­ga­ti­on ist unglaub­lich prä­zi­se gewor­den.
      Ein moder­nes Smart­phone kann prak­tisch jeden Men­schen inner­halb weni­ger Sekun­den zu einem unbe­kann­ten Ziel füh­ren.
      Über­set­zungs­pro­gram­me sind enorm bes­ser gewor­den.
      Sprach­bar­rie­ren las­sen sich heu­te teil­wei­se in Echt­zeit über­win­den.
      Künst­li­che Intel­li­genz ist für nor­ma­le Bür­ger zugäng­lich gewor­den.
      Noch vor weni­gen Jah­ren war leis­tungs­fä­hi­ge KI haupt­säch­lich For­schung und gro­ßen Unter­neh­men vor­be­hal­ten.
      Medi­zi­ni­sche Dia­gnos­tik hat enor­me Fort­schrit­te gemacht.
      Krebs­be­hand­lun­gen sind bei vie­len Krebs­ar­ten deut­lich erfolg­rei­cher gewor­den.
      Moder­ne bild­ge­ben­de Ver­fah­ren sind wesent­lich leis­tungs­fä­hi­ger gewor­den.
      Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen kön­nen heu­te wesent­lich bes­ser behan­delt wer­den.
      Mini­mal­in­va­si­ve Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken haben sich wei­ter­ent­wi­ckelt.
      Medi­ka­men­te sind ziel­ge­rich­te­ter gewor­den.
      Die Behand­lung vie­ler chro­ni­scher Erkran­kun­gen ist bes­ser gewor­den.
      Impf­stof­fe wur­den tech­no­lo­gisch wei­ter­ent­wi­ckelt.
      Die Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on von mRNA-Impf­stof­fen wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie war wis­sen­schaft­lich ein gewal­ti­ger Schritt.
      Die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung von Früh­ge­bo­re­nen hat Fort­schrit­te gemacht.
      Digi­ta­le Gesund­heits­an­ge­bo­te sind ent­stan­den.
      Video­sprech­stun­den, elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­ak­te und digi­ta­le Rezep­te wären 2006 noch ziem­lich futu­ris­tisch gewe­sen.
      Autos sind erheb­lich siche­rer gewor­den.
      Air­bags, ESP, Not­brems­as­sis­ten­ten, Spur­hal­te­as­sis­ten­ten und zahl­rei­che ande­re Sys­te­me schüt­zen heu­te vor Unfäl­len oder redu­zie­ren deren Fol­gen.
      Die Ver­kehrs­si­cher­heit hat sich wei­ter­ent­wi­ckelt.
      Moder­ne Fahr­zeu­ge erken­nen Fuß­gän­ger, Rad­fah­rer und Hin­der­nis­se.
      Die Sicher­heit von Kin­der­sit­zen ist enorm ver­bes­sert wor­den.
      Haus­halts­ge­rä­te ver­brau­chen deut­lich weni­ger Ener­gie als vie­le älte­re Gerä­te.
      LED-Beleuch­tung hat die klas­si­sche Glüh­lam­pe prak­tisch ver­drängt.
      Pho­to­vol­ta­ik ist dra­ma­tisch bil­li­ger gewor­den.
      Bat­te­rie­spei­cher sind für Pri­vat­haus­hal­te ver­füg­bar gewor­den.
      Elek­tro­fahr­rä­der haben sich durch­ge­setzt.
      Fahr­rad­in­fra­struk­tur wur­de in vie­len Städ­ten ver­bes­sert.
      Deutsch­land hat den Aus­bau von Lade­infra­struk­tur für Elek­tro­fahr­zeu­ge begon­nen und erheb­lich beschleu­nigt.
      Das Bewusst­sein für Kli­ma­schutz ist erheb­lich gestie­gen.
      Recy­cling und Müll­tren­nung sind stär­ker eta­bliert wor­den.
      Vie­le Unter­neh­men haben ihre Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se ener­gie- und res­sour­cen­ef­fi­zi­en­ter gemacht.
      Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung ist stär­ker ins öffent­li­che Bewusst­sein gerückt.
      Regio­na­le und bio­lo­gi­sche Lebens­mit­tel sind viel leich­ter erhält­lich als vor 20 Jah­ren.
      Dis­coun­ter und Super­märk­te bie­ten heu­te eine enor­me Pro­dukt­viel­falt.
      Kon­takt­lo­ses Bezah­len hat sich durch­ge­setzt.
      Kar­ten­zah­lung ist prak­tisch über­all mög­lich.
      Online-Shop­ping ermög­licht den Zugang zu Pro­duk­ten aus aller Welt.
      Strea­ming hat Fern­se­hen und Musik völ­lig ver­än­dert.
      Man kann heu­te prak­tisch jedes öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel digi­tal fin­den und häu­fig auch direkt bezah­len.
      Fahr­plä­ne und Ver­spä­tun­gen sind in Echt­zeit abruf­bar.
      Kos­ten­lo­se WLAN-Ange­bo­te sind viel ver­brei­te­ter gewor­den.
      Glas­fa­ser und schnel­le Mobil­funk­net­ze wer­den aus­ge­baut.
      4G und 5G haben die mobi­le Kom­mu­ni­ka­ti­on gewal­tig ver­bes­sert.
      Foto­gra­fie ist für prak­tisch jeden Men­schen jeder­zeit ver­füg­bar.
      Video­auf­nah­men in hoher Qua­li­tät sind mit einem Gerät mög­lich, das in die Hosen­ta­sche passt.
      Musik ist prak­tisch jeder­zeit ver­füg­bar.
      Vie­le Men­schen kön­nen heu­te welt­weit mit Fami­lie und Freun­den kos­ten­los oder sehr güns­tig kom­mu­ni­zie­ren.
      Fer­n­ar­beit und Home­of­fice sind gesell­schaft­lich akzep­tiert und tech­nisch mög­lich gewor­den.
      Men­schen mit Behin­de­run­gen pro­fi­tie­ren zuneh­mend von digi­ta­len Hilfs­mit­teln.
      Sprach­er­ken­nung funk­tio­niert inzwi­schen erstaun­lich gut.
      Auto­ma­ti­sche Unter­ti­tel machen Vide­os für vie­le Men­schen zugäng­li­cher.
      Navi­ga­ti­on und Not­fall­or­tung kön­nen Leben ret­ten.
      Das Bewusst­sein für psy­chi­sche Gesund­heit ist gestie­gen.
      Gewalt gegen Frau­en und Kin­der wird stär­ker öffent­lich the­ma­ti­siert.
      Sexu­el­le Beläs­ti­gung wird weni­ger als „nor­mal“ hin­ge­nom­men als frü­her.
      Kin­der­rech­te und Kin­der­schutz haben grö­ße­re gesell­schaft­li­che Bedeu­tung bekom­men.
      Umwelt- und Tier­schutz sind wesent­lich stär­ker im Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung ver­an­kert.
      Vie­le Flüs­se und Gewäs­ser wur­den in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten sau­be­rer.
      Die deut­sche Gesell­schaft ist tech­no­lo­gisch wesent­lich ver­netz­ter gewor­den.
      Wis­sen ist demo­kra­ti­scher zugäng­lich gewor­den.
      Ein Schü­ler in Wer­mels­kir­chen kann heu­te kos­ten­los auf Wis­sen zugrei­fen, für das man frü­her eine Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek gebraucht hät­te.
      Klei­ne Unter­neh­men kön­nen heu­te welt­weit Kun­den errei­chen.
      Ein Ein­zel­ner kann heu­te mit sehr wenig Geld publi­zie­ren.
      Ein Blog, Pod­cast, You­Tube-Kanal oder loka­les Forum (das Sie hier gera­de lesen) kann mit weni­gen tech­ni­schen Mit­teln unbe­grenzt vie­le Men­schen errei­chen.
      Loka­ler Jour­na­lis­mus kann digi­tal wesent­lich güns­ti­ger betrie­ben wer­den.
      Und ein Punkt, der bei sol­chen Rück­bli­cken ger­ne ver­ges­sen wird:
      Deutsch­land ist trotz aller Pro­ble­me immer noch ein aus­ge­spro­chen wohl­ha­ben­des und siche­res Land.
      Wir haben flä­chen­de­ckend Trink­was­ser, Strom, Kana­li­sa­ti­on, Müll­ab­fuhr, Kran­ken­häu­ser, Schu­len, Ret­tungs­diens­te, Feu­er­wehr, Poli­zei, sozia­le Siche­rung, öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel und eine enor­me Dich­te an medi­zi­ni­schen und tech­ni­schen Dienst­leis­tun­gen.
      Das bedeu­tet nicht, dass heu­te alles bes­ser ist als 2006. Ganz im Gegen­teil: Es gibt genü­gend Ent­wick­lun­gen, bei denen man kri­tisch sein kann – Digi­ta­li­sie­rung der Ver­wal­tung, Büro­kra­tie, Wohn­kos­ten, Ener­gie­prei­se, Infra­struk­tur, wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung usw.
      Aber wenn man wirk­lich ein­mal ver­sucht, nur die posi­ti­ven Ver­än­de­run­gen der ver­gan­ge­nen 20 Jah­re zusam­men­zu­tra­gen, wird die Lis­te erstaun­lich lang.
      Und selbst bei einem Punkt wie der Arbeits­lo­sig­keit sieht man, wie sehr sich die Per­spek­ti­ve ver­än­dert hat: Von knapp 4,86 Mil­lio­nen Arbeits­lo­sen 2005 auf gut 2,95 Mil­lio­nen 2025. (Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt)

      Viel­leicht soll­ten wir des­halb nicht stän­dig nur dar­auf schau­en, was ver­lo­ren gegan­gen ist, son­dern auch auf das, was ent­stan­den ist.

      Ver­ant­wor­tung kann man nicht allein von „den Poli­ti­kern“ erwar­ten. Ein Land wird nicht dadurch freund­li­cher und mensch­li­cher, dass wir dar­auf war­ten, dass die Poli­tik es rich­tet. Es beginnt bei uns selbst – im Umgang mit dem Nach­barn, dem Frem­den, dem älte­ren Men­schen, dem­je­ni­gen, der ande­rer Mei­nung ist.

      Viel­leicht ist Deutsch­land also nicht ein­fach „schlech­ter gewor­den“. Viel­leicht ist es vor allem **anders gewor­den**. Und wie es in Zukunft wird, haben wir alle ein Stück weit selbst in der Hand.

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