Prioritäten sind jetzt keine Floskel mehr
Bürgermeister Bernd Hibst hat bei der Vorstellung des Haushaltsentwurfs 2026/2027 im Rat selbst deutlich gemacht, worauf es ankommt: Wermelskirchen muss Prioritäten setzen.
Ein Blick in den fast 600 Seiten starken Entwurf zeigt, dass dieser Appell mehr als berechtigt ist. Die Stadt steht nicht vor einem vorübergehenden finanziellen Engpass, sondern vor einer strukturellen Haushaltskrise. Die laufenden Ausgaben steigen schneller als die Einnahmen, das Eigenkapital wird nahezu vollständig aufgezehrt, die Verschuldung wächst massiv und die Zinszahlungen entwickeln sich zu einem eigenen Millionenproblem.
Die Krankenhausfinanzierung fehlt noch weitgehend
Besonders brisant ist, dass die angekündigte Unterstützung des Krankenhaus Wermelskirchen GMBH mit bis zu 3 Millionen Euro jährlich für 3 Jahre im vorliegenden Haushaltsentwurf offenbar noch nicht vollständig berücksichtigt ist.
Die Produktgruppe zur Krankenhausbeteiligung enthält für 2026 und 2027 keine entsprechenden Millionenbeträge. Dort sind lediglich geringe interne Verrechnungskosten ausgewiesen. Auch der Produktbereich Gesundheitsdienste enthält keine Unterstützungszahlungen in dieser Größenordnung.
Wahrscheinlich wurde der Krankenhausbeschluss erst nach Ausstellung des Haushaltsentwurfs gefasst und muss noch eingearbeitet werden. Dann stellt sich aber erst recht die Frage wie die zusätzlichen Millionen finanziert werden sollen.
Die Mehreinnahmen aus der Grundsteuer B reichen dafür allein nicht aus. Wenn jährlich bis zu 3 Millionen Euro zusätzlich benötigt werden, müssen entweder weitere Einnahmen geschaffen, zusätzliche Kredite aufgenommen oder Ausgaben an anderer Stelle gestrichen werden.
Der vorliegende Entwurf bildet die tatsächliche Belastung daher möglicherweise noch nicht vollständig ab.
Ein Investitionsprogramm auf Kredit
Der Haushaltsentwurf macht deutlich, dass die Stadt Wermelskirchen in den kommenden Jahren Investitionen von rund 426,5 Millionen Euro plant, die größtenteils durch umfangreiche Kreditaufnahmen finanziert werden sollen. Doch die Transparenz bei den Fördermitteln bleibt dürftig. So ist bekannt, dass im Rahmen des Bundesinnenministeriums-Sondervermögens „Infrastruktur“ rund 14,2 Millionen Euro für die Jahre 2026 und 2027 zur Verfügung stehen sollen. Dieses Geld ist vorgesehen, um in Bildungseinrichtungen, Straßen, Radwege und andere Infrastruktur zu investieren.
Das Problem: Diese Fördermittel sind im Haushaltsentwurf und auch in der veröffentlichten Haushaltssatzung bislang nicht sichtbar. Sie wurden offenbar gar nicht in die geplanten Ausgaben und Investitionen eingerechnet. Der Gesetzgeber in NRW sieht jedoch eindeutig vor, dass diese Mittel explizit für Investitionen in Schulen, Kindertagesstätten, Infrastruktur und Sanierungen vorgesehen sind. Theoretisch fließen die Fördermittel also, die klare gesetzliche Grundlage ist vorhanden.
Aber im Haushaltsentwurf bleibt dies komplett undenkbar, weil die Mittel nicht transparent ausgewiesen sind. Die Fördermittel sind – nach dem Gesetz – eigentlich vorgesehen, um die Investitionen deutlich zu entlasten. Doch die fehlende Transparenz im Haushalt schafft eine gefährliche Situation: Es besteht die Gefahr, dass die Fördergelder bei der Haushaltsplanung schlicht nicht berücksichtigt werden, obwohl rechtlich feststeht, dass sie fließen sollen.
Das führt zu einem gefährlichen Spielraum ohne klare Zusagen. Die Fördermittel könnten, wenn sie tatsächlich kommen, die Haushaltssituation deutlich entspannen. Eine transparente und verbindliche Einbindung dieser Fördermittel ist daher dringend notwendig, um handlungsfähig und haushaltssicher zu bleiben.
Zumal – und das ist aus dem Haushaltsentwurf dann doch transparent – der gesamte Kreditbestandteil des Kernhaushalts bis 2030 auf rund 543 Millionen Euro steigen könnte. Davon würden dann etwa 368 Millionen Euro auf Investitionskredite und rund 174 Millionen Euro auf Liquiditätskredite entfallen.
Die Zinsen werden zum eigenen Haushaltsproblem
Die Folgen der Kreditpolitik sind bereits im Entwurf sichtbar. Die Zinsen für Investitionskredite steigen von rund 858.000 Euro im Jahr 2026 auf rund 11,35 Millionen Euro im Jahr 2030. Zusammen mit den Zinsen für Liquiditätskredite und weiteren Finanzaufwendungen soll die jährliche Belastung 2030 rund 12, 6 Millionen Euro erreichen.
Dann fließt ein erheblicher Teil der städtischen Einnahmen nicht mehr in Schulen, soziale Angebote, Klimaanpassung oder Infrastruktur, sondern direkt an Kreditgeber.
Fördermittel ändern daran nur begrenzt etwas. Sie machen Projekte nicht kostenlos. Eigenanteile, Folgekosten, Unterhaltung, Energie, Personal und Zinsen bleiben bei der Stadt. Ein Förderbescheid ist hilfreich aber kein finanzpolitischer Zauberstab.
Schulen sind notwendig – aber auch hier muss priorisiert werden
Der Investitionsbedarf der Schulen ist enorm. Für die Grundschule Tente das Gymnasium und die Gesamtschule stehen Projekte in zweistelliger Millionenhöhe an.
Viele Maßnahmen sind dringend. Der Haushaltsentwurf beschreibt marode Fenster, sanierungsbedürftige Gebäude, fehlender sommerlicher Wärmeschutz, Schadstoffe, technische Mängel und Raumprobleme. Das sind keine Luxuswünsche.
Gerade deshalb muss verhindert werden, dass notwendige Schulprojekte durch ein insgesamt überladenes Investitionsprogramm gefährdet werden. Priorisierung bedeutet hier nicht, Bildung kaputt zu sparen. Priorisierung bedeutet: Pflicht und Sicherheit vor Prestige, Funktion vor gestalterischen Extras und dringend notwendige Sanierungen vor aufschiebbaren Projekten zu stellen.
Bei der Gesamtschule sind für den Standort Wirtsmühler Straße und den zweiten (nicht näher benannten) Standort zusammen weit über 51 Millionen Euro an langfristigen Ansätzen beziehungsweise Verpflichtungen erkennbar (siehe „Entwurf des Doppelhaushalts 2026/2027“ Seite 467 und 468 sowie Anlage 14 „Anlagen zum Haushalt“). Die Stadt muss deshalb klar unterscheiden, welche Maßnahmen für einen ordnungsgemäßen Schulbetrieb zwingend sind und welche Ausführungsstandards reduziert oder zeitlich gestreckt werden können .
In der Fortsetzung Teil 3 gehen wir vor dem Hintergrund des Haushaltsentwurfs auf bestehenden Projekte und deren Priorisierung ein…
Bild: Privat Klaus Ulinski
Hier finden Sie alle drei Teile:
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Wermelskirchens Haushalt vor dem Absturz – Teil 1
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Wermelskirchens Haushalt vor dem Absturz – Teil 2
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Wermelskirchens Haushalt vor dem Absturz – Teil 3
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