Ein altes Freibadfoto und die Frage, was wir heute darauf sehen

Als ich das Foto des Frei­bads in Dabring­hau­sen auf der Inter­net­sei­te der Rhei­ni­schen Post online sah, ging mir ein Gedan­ke nicht mehr aus dem Kopf: Wie merk­wür­dig still und fried­lich Geschich­te aus­se­hen kann, wenn man sie nur als Bild betrach­tet. Da war die­ses alte Foto des Frei­bads, offen­bar aus den 1930er Jah­ren. Men­schen in Bade­klei­dung, ein Som­mer­tag, ein Gefühl von Leich­tig­keit, Nor­ma­li­tät. Und im Bild sicht­bar: eine Haken­kreuz­fah­ne. Gleich­zei­tig bezog sich die Bild­un­ter­schrift über­haupt nicht auf die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus, son­dern auf eine ganz aktu­el­le Nach­richt aus dem Jahr 2026 – eine Sen­kung der Ein­tritts­prei­se durch den För­der­ver­ein des Frei­bads.

Gera­de die­ser Kon­trast hat mich nach­denk­lich gemacht.

Denn das Bild tat etwas, was Bil­der oft tun: Es riss zwei Zei­ten zusam­men, die wir ger­ne klar von­ein­an­der getrennt hal­ten wür­den. Es zeig­te, wie eng All­tag und poli­ti­sche Ver­ro­hung neben­ein­an­der exis­tie­ren kön­nen. Und noch bemer­kens­wer­ter war die Reak­ti­on dar­auf. Für die einen war es ein his­to­ri­sches Foto, nicht mehr und nicht weni­ger – viel­leicht sogar ein biss­chen kuri­os, bei­na­he amü­sant, so nach dem Mot­to: „So war es damals eben.“ Für ande­re war es irri­tie­rend, ver­stö­rend, ein Miss­ton in der fried­li­chen Frei­bad-Nost­al­gie. Gera­de die­ser Unter­schied in der Reak­ti­on sagt viel­leicht mehr über unse­re Gegen­wart aus als über die Ver­gan­gen­heit.

Denn die­ses Foto spie­gelt auf selt­sa­me Wei­se die Spal­tun­gen inner­halb unse­rer Gesell­schaft im Jahr 2026 wider.

Es zeigt näm­lich etwas, das wir nur ungern zuge­ben: Dik­ta­tu­ren begin­nen im All­tag nicht immer mit dem Aus­nah­me­zu­stand, son­dern oft mit Nor­ma­li­tät. Mit Men­schen, die baden gehen. Mit Fami­li­en, die ihren Sonn­tag ver­brin­gen. Mit einer Gesell­schaft, die sich in dem Gefühl ein­ge­rich­tet hat, dass das alles schon irgend­wie sei­ne Ord­nung habe. Das Ver­stö­ren­de an sol­chen Bil­dern ist nicht nur das Haken­kreuz. Ver­stö­rend ist vor allem, dass die Men­schen dar­un­ter nicht aus­se­hen wie Kari­ka­tu­ren des Bösen. Sie sehen aus wie Men­schen, die einen Som­mer­tag genie­ßen.

Die his­to­ri­sche Her­aus­for­de­rung

Kat­ja Hoyer beschreibt in ihrem Buch *Wei­mar: Glanz und Schre­cken deut­scher Geschich­te* genau die­ses Neben­ein­an­der. Ihr  ent­schei­den­der Gedan­ke lau­tet, dass Wei­mar – und in gewis­ser Wei­se ganz Thü­rin­gen – ein Mikro­kos­mos deut­scher Geschich­te war. Eine Stadt der Klas­sik, des Bau­hau­ses, von Goe­the und Schil­ler. Und zugleich ein frü­her Schau­platz poli­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung, ein Test­feld für den Natio­nal­so­zia­lis­mus – ein Ort, an dem kul­tu­rel­le Pracht und poli­ti­sche Bar­ba­rei nicht nach­ein­an­der, son­dern neben­ein­an­der exis­tier­ten. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass Buchen­wald nur weni­ge Kilo­me­ter von Wei­mar ent­fernt liegt. Hoyer zeigt, dass Kul­tur nicht auto­ma­tisch vor einem Ver­lust der Hem­mun­gen schützt. Bil­dung schützt nicht auto­ma­tisch vor Wahn­vor­stel­lun­gen. Eine schö­ne Stadt, ein Thea­ter, ein Park, ein Frei­bad – nichts davon ist eine Garan­tie für demo­kra­ti­sche Wider­stands­fä­hig­keit.

Sie beschreibt ins­be­son­de­re Thü­rin­gen als frü­hen Expe­re­men­tier­raum der Nazis. Dort wur­de aus­pro­biert, was spä­ter im gesam­ten Reich durch­ge­setzt wur­de: frü­he Betei­li­gung an der Regie­rung, Ein­grif­fe in Kul­tur und Bil­dung, die Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Geschich­te, die Beset­zung öffent­li­cher Ämter und das Aus­lo­ten gesell­schaft­li­cher Gren­zen. Es war ein Labo­ra­to­ri­um der Gewöh­nung. Nicht der plötz­li­che Umbruch war ent­schei­dend, son­dern die all­mäh­li­che Ver­schie­bung des­sen, was als sag­bar, mach­bar und akzep­ta­bel galt.

Wer heu­te auf­merk­sam das Wahl­pro­gramm der AfD in Sach­sen-Anhalt liest, der ahnt, war­um die Vor­gän­ge im Wei­mar des Jah­res 1926 nicht bloß ver­gan­gen sind: Nicht als iden­ti­sche Wie­der­kehr, aber als beun­ru­hi­gend ver­trau­te Skiz­ze des­sen, wie gesell­schaft­li­che Ver­un­si­che­rung poli­tisch ver­dich­tet und ideo­lo­gisch nutz­bar gemacht wer­den kann.

Und genau an die­sem Punkt wird das Foto aus Dabring­hau­sen plötz­lich mehr als nur ein altes Bild.

Denn es zeigt fried­li­che Men­schen unter einem Sym­bol der Gewalt. Es zeigt nicht den Ter­ror selbst, son­dern die gesell­schaft­li­che Ober­flä­che, unter der er bereits mög­lich gewor­den war. Es zeigt jene all­täg­li­che Kulis­se, in der poli­ti­sche Ideo­lo­gie nicht immer als War­nung erscheint, son­dern als Hin­ter­grund­ge­räusch, als Fah­ne am Becken­rand, als etwas, das „ein­fach da ist“. Viel­leicht ist das die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung die­ses Bil­des: Es erin­nert uns dar­an, dass die Ver­ro­hung der Gesell­schaft nicht erst dann beginnt, wenn die Gewalt offen aus­bricht, son­dern schon dann, wenn ihre Zei­chen uns nicht mehr ver­stö­ren.

Des­halb lohnt es sich auch, einen Blick auf unse­re Gegen­wart zu wer­fen

Wir leben im Jahr 2026 nicht in der Wei­ma­rer Repu­blik. Die AfD ist nicht die NSDAP. Sol­che Gleich­set­zun­gen wären his­to­risch falsch und poli­tisch uner­quick­lich. Wer dar­aus jedoch schließt, dass es nichts zu ler­nen gibt, wählt den ein­fa­chen Aus­weg. Denn Par­tei­en müs­sen nicht iden­tisch sein, um ähn­li­che gesell­schaft­li­che Dyna­mi­ken aus­zu­nut­zen.

Was Kat­ja Hoyer in Bezug auf Wei­mar und Thü­rin­gen auf­zeigt, ist kein Eins-zu-Eins-Ver­gleich, son­dern ein Mecha­nis­mus: Eine Gesell­schaft fühlt sich über­for­dert, unge­hört und wirt­schaft­lich sowie kul­tu­rell ver­un­si­chert. Die poli­ti­sche Mit­te reagiert dar­auf oft mit tech­no­kra­ti­scher Rhe­to­rik, mit vagen Ankün­di­gun­gen, mit Plat­ti­tü­den statt Ent­schei­dun­gen. Vie­le Men­schen haben dann das Gefühl: Man kann die­ses Gere­de nicht mehr hören. Die­ses Lavie­ren. Die­ses Nicht-Sagen, kei­ne kla­re Stel­lung bezie­hen. Die­se Wei­ge­rung, längst not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen anzu­pa­cken. End­lich anzu­pa­cken! Genau die­se Lücke nut­zen popu­lis­ti­sche Kräf­te aus.

Nicht, weil sie bes­se­re Lösun­gen hät­ten. Son­dern weil sie die­ses vage Unbe­ha­gen zuspit­zen, ver­ein­fa­chen und emo­tio­nal ver­wer­ten. 

Ist das viel­leicht die eigent­li­che Par­al­le­le: Nicht der Inhalt im his­to­ri­schen Detail, son­dern die poli­ti­sche Funk­ti­on? Eine Par­tei nimmt Ängs­te, Sor­gen, Ohn­machts­ge­füh­le und Krän­kun­gen auf, ver­dich­tet sie ideo­lo­gisch und ver­wan­delt sie in ein Ange­bot:

End­lich sagt es mal einer. End­lich han­delt jemand. End­lich Schluss mit dem Gere­de.

Und genau dar­in lag ja einst die Stär­ke der NSDAP. Sie erfand die Not nicht. Sie erfand die Unsi­cher­heit nicht. Sie erfand auch die Abstiegs­angst nicht. Aber sie ver­eng­te all das popu­lis­tisch, gab ihm Feind­bil­der, Pathos und Rich­tung.

Die Debat­te über die Brand­mau­er

Ist das der Punkt, an dem die Debat­te über die soge­nann­te Brand­mau­er oft uner­quick­lich schief läuft? Heu­te strei­ten extre­me Rech­te, Tei­le einer ver­un­si­cher­ten Mit­tel­schicht und links sen­si­bi­li­sier­te gesell­schaft­li­che Kräf­te dar­über, ob die­se Brand­mau­er ein Popanz, zeit­ge­mäß, sinn­voll oder über­holt sei.

Aber all­zu oft wird dabei die eigent­li­che Fra­ge ver­ges­sen: Wofür steht die Par­tei, um die es hier geht? Nicht nur in ihrem Wahl­pro­gramm, son­dern in ihrer poli­ti­schen Funk­ti­on? Wel­che gesell­schaft­li­chen Stim­mun­gen sam­melt sie ein? Wel­che Spra­che ver­schiebt sie? Wel­che Feind­bil­der nor­ma­li­siert sie? Wel­che Vor­stel­lung von Nati­on, Zuge­hö­rig­keit und „den ande­ren“ macht sie sag­bar?

Die eigent­li­che Gefahr liegt oft nicht in der offe­nen Dik­ta­tur­dro­hung, son­dern in der Vor­be­rei­tung eines ideo­lo­gi­schen Ver­dich­tungs­raums. In einem Kli­ma also, in dem Res­sen­ti­ment, Ver­ein­fa­chung, kul­tu­rel­le Ver­ächt­lich­ma­chung und das Miss­trau­en gegen demo­kra­ti­sche Ver­fah­ren nach und nach als berech­tig­te Här­te erschei­nen. In so einem Raum wer­den aus Tabu­brü­chen Gewohn­hei­ten und aus Gewohn­hei­ten schließ­lich poli­ti­sche Mehr­hei­ten.

Dar­um ist die Fra­ge nach der Brand­mau­er kei­ne bloß tak­ti­sche Fra­ge. Sie ist auch eine kul­tu­rel­le Fra­ge. Eine Fra­ge danach, ob eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft noch weiß, war­um sie Gren­zen zieht. Nicht aus sym­bo­li­scher Eitel­keit, son­dern aus his­to­ri­scher Erfah­rung.

Gera­de des­halb ist das Frei­bad­fo­to so stark. Weil es uns dar­an erin­nert, dass die Geschich­te nicht immer mit Sire­nen kommt. Manch­mal kommt sie in Bade­ho­se. Manch­mal lächelt sie. Manch­mal ist sie ein­ge­bet­tet in den All­tag, in Ver­ei­ne, Fami­li­en, Aus­flü­ge, Fes­te, Preis­nach­läs­se und Gemein­sinn. Und manch­mal wirkt ein altes Bild des­we­gen fast harm­los, obwohl es ein Zei­chen in sich trägt, das für Ent­rech­tung, Ver­fol­gung und Ver­nich­tung steht.

Dass man­che dar­auf mit Irri­ta­ti­on reagie­ren und ande­re mit Ach­sel­zu­cken oder Spott, ist kein Neben­aspekt. Es ist selbst Teil unse­rer Gegen­wart. Es zeigt, wie tief die Unsi­cher­heit dar­über reicht, wie wir Geschich­te lesen sol­len. Als Mah­nung? Als Kulis­se? Als erle­dig­tes Kapi­tel? Oder als War­nung davor, wie schnell sich demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten an Ver­schie­bun­gen gewöh­nen kön­nen?

Kat­ja Hoyer zeigt in ihrem Buch ein­drucks­voll, dass der Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht ein­fach über eine frem­de, unschul­di­ge Gesell­schaft her­ein­brach. Er fand Reso­nan­zen. Er fand Mit­läu­fer, Weg­se­her, Erschöpf­te, Ent­täusch­te, Oppor­tu­nis­ten und Men­schen, die vor allem ihre Ruhe woll­ten. Nicht jeder war Täter. Aber zu vie­le hiel­ten das, was geschah, für hin­nehm­bar, solan­ge es nicht sie selbst traf.

Viel­leicht ist das die unbe­que­me Bot­schaft, die auch in einem alten Frei­bad­fo­to steckt.

Und viel­leicht soll­ten wir gera­de des­halb nicht fra­gen, ob uns die Debat­te über Gren­zen nach rechts lang­sam läs­tig wird. Son­dern ob wir noch sen­si­bel genug sind für die Momen­te, in denen poli­ti­sche Sym­bo­le, sprach­li­che Ver­schie­bun­gen und gesell­schaft­li­che Abstump­fung anfan­gen, wie­der ganz nor­mal aus­zu­se­hen.

Denn genau dann wird es gefähr­lich.


Buch­emp­feh­lung:

Kat­ja Hoyer:
“Wei­mar – Glanz und Grau­en der deut­schen Geschich­te“
ISBN: 978–3‑455–02159‑2
Ver­lag: Hoff­mann und Cam­pe

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski

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Kommentare

Ein Kommentar zu „Ein altes Freibadfoto und die Frage, was wir heute darauf sehen“

  1. Avatar von Philipp
    Philipp

    End­lich sagt es mal einer 💪 #anti­fa

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