Am 15. Mai 2026 veranstaltet die Gruppe „Christen in der AfD“ in Wermelskirchen einen Diskussionsabend unter dem Titel „Gedenken, Volkstrauer in Deutschland und bei unseren Nachbarn – Zusammenhalt stärken“. Die Veranstaltung findet am 15.05.2026 und 19:00 Uhr in den Bürgerhäusern statt.
Nach Angaben des Veranstalters Hans-Joachim Lietzmann, Fraktionsvorsitzender der hiesigen AfD im Stadtrat, werden unter anderem Barbara Palluch aus Dortmund und Jakob Baiden aus Lippe als Redner und Gesprächspartner auftreten. Moderiert wird der Abend von einem AfD-Vertreter aus Hückeswagen.
Im Vorfeld der Veranstaltung sprach das Forum Wermelskirchen mit Hans-Joachim Lietzmann über die Ziele, Inhalte und mögliche politische Brisanz der Veranstaltung.
Zwischen Erinnerungskultur und politischer Vereinnahmung
Die Veranstaltung bewegt sich in einem sensiblen Spannungsfeld. Einerseits wird sie als „Gesprächsabend“ zum Thema Erinnerung und sozialer Zusammenhalt angekündigt. Andererseits stehen die AfD und die Gruppe „Christen in der AfD“ seit Jahren in der Kritik, weil sie religiöse Sprache und christliche Identität mit parteipolitischen Positionen verknüpfen. Kritiker sehen darin den Versuch, die Positionen der AfD gesellschaftlich anschlussfähiger erscheinen zu lassen. Insbesondere bei Themen wie „Volkstrauer“, nationalem Gedenken, Migration und kultureller Identität besteht die Gefahr, dass religiöse und erinnerungspolitische Begriffe dazu genutzt werden, nationalkonservative oder ausgrenzende Interpretationen zu normalisieren.
Diese Sorge wird durch das Interview mit Hans-Joachim Lietzmann nicht ausgeräumt, sondern vielmehr noch verstärkt. Auf die Frage, wie er mit der von Barbara Palluch vertretenen theologische Lesart umgehe, wonach Christen sich nicht nur wehren dürften, sondern Wehrhaftigkeit sogar geboten sei, erklärte Lietzmann mit Verweis auf seine eigene Laufbahn als Berufssoldat: „Damit ist es für mich an sich selbstverständlich, auch als Christ, ja, ich war auch im Militärpfarrgemeinderat, dass man als Christ sehr wohl für diesen Staat und für die Gemeinschaft eintreten darf und sogar muss.“ Damit wird eine religiöse Dimension direkt mit dem Staat, der Gemeinschaft, der Pflicht und der Wehrhaftigkeit verbunden. Auch wenn dies aus der Perspektive eines ehemaligen Soldaten verständlich erscheinen mag, verlagert es doch den Charakter eines Gedenkabends deutlich hin zu einer grundlegenden politischen Debatte über Staat, Verteidigung und nationale Pflicht.
Problematisch ist auch, dass Lietzmann nach eigener Aussage der Referentin Barbara Palluch und Jakob Baidin keine inhaltlichen Vorgaben macht. Er sagte: „Ich mache den Rednern keine Vorgaben.“ Es gibt auch keine Redemanuskripte, sondern lediglich Stichworte. Dies wirft Fragen auf, insbesondere bei einem Thema wie Gedenken und Staatstrauer, das historisch besonders sensibel ist. Denn ohne klare Leitplanken bleibt offen, wie verhindert werden soll, dass erinnerungspolitische Aussagen in geschichtsrelativierende oder nationalistische Deutungen kippen. Höckes Aussage zum „Schuldkult“ und seine Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ kommt einem hier unwillkürlich in den Sinn.
Keine klaren Grenzen bei problematischen Äußerungen
Besonders kritisch ist Lietzmanns Antwort auf die Frage, ob migrationsfeindliche, rassistische oder revisionistische Äußerungen auf der Veranstaltung ausgeschlossen werden könnten. Er erklärte: „Das kann ich nicht verhindern, denn logischerweise wird, wenn jemand, ich sage mal, aus dem rechten Spektrum kommt, dann wird der eine Aussage, die für mich ganz normal ist und sehr wohl zulässig ist, die wird er als rassistisch oder nazistisch entsprechend kennzeichnen.“ Dürfen wir also aufgrund dieser Aussage erwarten, dass Rassisten und Nationalsozialisten selbst ihre eigenen Äusserungen als rassistisch oder nazistisch kennzeichnen? Ohne Widerspruch also? Dass diese Formulierung eindeutig Fragen aufwirft, wie damit umzugehen ist, liegt auf der Hand. Zudem fällt auf, dass auf Nachfrage Lietzmann keine konkreten Moderations- oder Interventionsmechanismen nennt. Stattdessen verlagert er das Problem auf die Wahrnehmung potenzieller Kritiker, die dann ja eher “links” verortet seien.
Damit bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Wie wollen die Veranstalter aktiv verhindern, dass migrationsfeindliche oder geschichtsrevisionistische Positionen unwidersprochen bleiben?
Auch inhaltlich zeigt das Interview, dass Migration ein zentrales politisches Thema im Hintergrund der Veranstaltung ist. Lietzmann begründete seine Haltung zur Migrationspolitik mit den begrenzten staatlichen Mitteln und sagte: „Ob als Familienoberhaupt oder als Staat, ich habe nur begrenzte Ressourcen.“ Deshalb müsse geprüft werden, “bevor die Leute hierherkommen“, ob sie berechtigt seien oder nicht. Zur sogenannten Remigration distanzierte er sich zwar von Forderungen nach der Abschiebung von sogenannten „Passdeutschen“, befürwortete jedoch die konsequente Rückführung von Straftätern und Menschen, die „nur uns zur Last“ fielen. Damit wird zumindest die Befürchtung deutlich, dass der Gesprächsabend zwar unter dem Motto „Gedenken und Zusammenhalt“ steht, inhaltlich jedoch an klassische AfD-Themen wie Migration, nationale Verantwortung und staatliche Abgrenzung anknüpft.
Zwischen christlicher Identität und AfD-Programmatik
Lietzmanns Haltung zur Erinnerungskultur erscheint besonders heikel. Im Interview kritisierte er die seiner Ansicht nach unzureichende Pflege der Gräber deutscher Soldaten. Auf die Frage, ob er beabsichtige, keinen Unterschied zwischen den Gräbern von Angehörigen der Waffen-SS und denen regulärer Soldaten zu machen, bestätigte er dies mit „Genau.“ Diese Gleichsetzung ist historisch hochproblematisch. Gerade bei einer Veranstaltung zum Thema „Volkstrauer“ muss die Frage gestellt werden, ob die notwendige Unterscheidung zwischen Trauer um Tote und der historischen Verantwortung für nationalsozialistischen Verbrechen ausreichend gewahrt bleibt.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Gesprächsabend in Wermelskirchen nicht nur ein religiös oder erinnerungskulturell motiviertes Treffen ist. Vielmehr werden christliche Begriffe persönliche Soldatenerfahrung, Kritik an Kirchen, Migrationsthemen und nationale Gedenkpolitik miteinander verbunden. Genau darin liegt der kritische Punkt: Die Veranstaltung bestätigt den Vorwurf, dass die „Christen in der AfD“ religiöse Identität nutzen, um politischen Positionen der AfD in einem moralisch aufgeladenen Rahmen zu präsentieren. Der Anspruch, den „Zusammenhalt“ zu stärken, bleibt dabei ambivalent, solange unklar ist, wer zu diesem Zusammenhalt gehören soll – und welche Stimmen, Erinnerungen und Perspektiven ausgeschlossen oder abgewertet werden.
Zu der Gruppe “Christen in der AfD” in Nordrhein-Westfalen gehören nach Angaben von H.-J. Lietzmann insgesamt 68 Personen. Lietzmann ist der einzige Vertreter aus Wermelskirchen in dieser Gruppierung.
Bild: Privat Klaus Ulinski
wird geladen…


Schreibe einen Kommentar