Das andere Werkzeug
Spricht man von Transformation, denkt man an Technik, an Wirtschaft, an Energie, an Politik. An Kultur denkt kaum jemand zuerst. Dabei ist sie kein schmückendes Beiwerk, dass man sich in guten Jahren leistet, sondern ein Werkzeug, mit dem sich Dinge bewegen lassen, die Zahlen und Gesetze nicht erreichen.
Kultur stiftet Identität, sie erzählt einem Ort, wer er ist und war; sie eröffnet Sichtweisen, die im Streit um Parkplätze und Prozentpunkte verloren gehen; und sie bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden. Gerade in einem Übergang, in dem vieles unsicher ist, braucht es diese verbindende Kraft–und es braucht die Fähigkeit, sich eine Zukunft überhaupt vorstellen zu können, bevor man sie plant.
Man hat lange geglaubt, das Nüchterne und das Empfindsame gehörten getrennt: hier die Wissenschaft mit ihren Kurven, dort die Kunst mit ihren Gefühlen. Wer genauer hinsieht, merkt, dass gerade diese Trennung es schwer macht, einen gemeinsamen Kompass zu finden. Eine Stadt, die nur rechnet, wird verwaltet; eine, die nur fühlt, wird verklärt. Beides zusammen ergibt erst ein Bild, mit dem sich arbeiten lässt.
Wermelskirchen hat eine lebendige Szene – Vereine, Chöre, Theatergruppen, Musikinitiativen, Künstlerinnen und Künstler, die oft im Stillen Beachtliches leisten – andere, wie das Haus Eifgen mit engagierter Arbeit Kultur bewegen. Was ihnen fehlt, ist selten das Talent, meistens sind es Räume, Sichtbarkeit und ein verlässliches Mindestmaß an Unterstützung. Das ist ärgerlich, denn kulturelle Arbeit ist billig im Vergleich zu dem, was sie zusammenhält.
Ein Letztes aber wichtiges noch: Wer im Haushalt kürzen muss, und diese Stadt muss es, greift erfahrungsgemäß zuerst zu den freiwilligen Leistungen, und zu denen zählt die Kultur. Das ist verständlich und trotzdem kurzsichtig. Ein Musikschüler, der aufhört ein Instrument zu lernen, kommt nicht zurück, wenn die Kasse sich erholt; ein Veranstaltungsort, der schließt, wird selten wieder geöffnet. Man spart an einer Stelle einen kleinen Betrag und verliert an anderer etwas, das sich nicht beziffern lässt.
Kultur ist das andere Werkzeug. Man merkt, wozu es taugt, meist erst, wenn man es aus der Hand gelegt hat.
Bild: Privat Klaus Ulinski
Hier finden Sie eine Übersicht der Kolumne “Übergänge” von Klaus Ulinski
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