Über Fahnen, Haltung und ein Wort, dass jeder kennt und kaum einer erklärt.
von KLAUS ULINSKI
„Bist du rechts?“ Diese Frage hörte Walter Schubert, als er vor seinem Haus eine schwarz-rot-goldene Fahne aufgezogen hatte. Er hat davon vor wenigen Tagen hier im Forum erzählt, in seiner Kolumne „Deutsch sein – irgendwie schwierig“, und er hat es mit dem ihm eigenen trockenen Humor getan: Erst wich die Deutschlandflagge der NRW-Flagge, dann der Fahne der Stadt, und inzwischen, so Schubert, würde er wohl zur Piratenflagge greifen. Ähnlich erging es ihm Jahre zuvor mit der Idee eines deutschen Abends im Bistro der Katt. Ein spanischer oder italienischer Abend hätte niemanden irritiert. Der deutscher Abend stieß auf Unverständnis, und Schubert sah sich „schon fast in der rechten Ecke“. Ein Leser bestätigte das unter dem Beitrag gleich selbst: Sein Kommentar sei rechts verortet worden. So schnell gehe das.
Man kann darüber schmunzeln. Man sollte es aber nicht dabei belassen. Denn in Schuberts kleiner Geschichte steckt eine große Frage, und sie stellt sich in Wermelskirchen gerade ganz handfest. Am Rathaus sollen künftig häufiger Flaggen wehen. Die Fraktion von Zukunft Wermelskirchen und VWG hat das angeregt, der Bürgermeister hat zugesagt. Die Flaggen, so die Fraktion, stünden für „Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Menschen“. Den Anstoß gab Bundestrainer Jürgen Klopp, der davon sprach, sich „die Fahne zurückholen“ und den Nationalstolz „nicht den falschen Leuten überlassen“ zu wollen. Den stimme ich nur allzu gerne zu. Doch wenn eine Fahne für Werte steht: Von welchen Werten reden wir eigentlich?
Werte: Kaum ein Wort wird in der öffentlichen Rede so oft bemüht wie dieses. Parteiprogramme berufen sich auf „unsere Werte“, Unternehmen schreiben Sie in Leitbilder, Vereine in Satzungen, und eine politische Gruppierung hat das Wort sogar zum Namen gemacht: die “WerteUnion”. Gleichwohl bleibt es meist bei der Beschwörung. Welche Werte gemeint sind, woher sie kommen und was geschieht, wenn sie einander widersprechen, wird selten gesagt. Das Wort ist zur Münze geworden, die durch viele Hände geht und dabei ihre Prägung verliert.
Ein Blick auf die Herkunft hilft. „Wert“ ist ursprünglich ein Begriff der Ökonomie. Erst im 19. Jahrhundert hat der Philosoph Hermann Lotze ihn in die Philosophie getragen, mit einer bemerkenswerten Unterscheidung: Werte sind nicht wie Dinge, sie gelten. Man kann die Gerechtigkeit nicht anfassen, und doch richtet man sich nach ihr. Der amerikanische Anthropologe Clyde Kluckhohn bestimmte einen Wert 1951 als eine „Auffassung vom Wünschenswerten“, die die Wahl der Mittel und Ziele des Handelns beeinflusst.
Das ist bis heute die meistzitierte Definition. Sie hat allerdings einen Schönheitsfehler, auf den Philosophen gern hinweisen: Wünschenswert ist, was es wert ist, gewünscht zu werden. Der Wert, der erklärt werde soll, steckt also schon in der Erklärung. Man dreht sich im Kreis.
Klarer wird es, wenn man fragt, was Werte nicht sind. Sie sind keine Normen. Eine Norm sagt, was zu tun oder zu lassen ist, und sie wird notfalls mit Strafe durchgesetzt. Ein Wert dagegen zieht an, er wirbt um Zustimmung. Habermas fasste den Unterschied einst so: Normen beanspruchen, für alle gerecht zu sein, Werte drücken aus, was für uns gut ist. Werte sind nun einmal keine bloßen Vorlieben. Wer Vanilleeis lieber mag als Schokolade, muss das niemandem begründen. Wer aber sagt, Ehrlichkeit sei ihm wichtig, muss sich daran messen lassen. Hier ahnt man schon, warum das Wort so beliebt ist: es klingt verbindlich, ohne auf eine bestimmte Handlung zu verpflichten.
Auf die Frage, wie entstehen Werte, könnte man antworten: Nicht durch Verkündung, sondern durch Erfahrung. Denn wer erlebt hat, wie es ist, ausgegrenzt zu werden, braucht keine Belehrung über die Menschenwürde. Wer im Verein oder in der Feuerwehr erfahren hat, dass man gemeinsam mehr vermag, der weiß sehr wohl, was Solidarität ist. Deshalb lassen sich Werte nicht anordnen, und deshalb lebt der freiheitliche Staat von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Schaut man in das Grundgesetz, stellt man fest, dass das Wort „Wert“ hier gar nicht verwendet wird. Es spricht von der Würde des Menschen und von Rechten, und es setzt auf Bürger, die ihre Werte mitbringen.
Wo wachsen diese Werte? Nicht in einem Ratssaal und nicht an einem Fahnenmast, sondern in Elternhäusern, Kitas und Schulen, in Vereinen, in Kirchengemeinden und in Jugendzentren – und im Ehrenamt. Eine Stadt vor einem schwierigen Haushalt ist versucht, gerade dort zu sparen. Eine Fahne kostet wenig. Die Orte, an denen wächst, wofür sie steht, kosten mehr. Wer Flagge zeigen will, muss auch diese Rechnung bezahlen.
Kehren wir zu Walter Schubert zurück. Warum wird einer, der eine Fahne aufhängt, gefragt, ob er recht sei? Lutz Balschuweit hat unter Schubert Kolumne die naheliegende Antwort gegeben: Die Erfahrung des Nationalsozialismus hat die Deutschen gegenüber nationalen Symbolen zurückhaltend gemacht, und die extreme Rechte hat diese Symbole in den vergangenen Jahren für sich in Anspruch genommen. Beides stimmt. Balschuweit erwähnt auch eine Auswegmöglichkeit: Ein Patriotismus, der sich nicht an Herkunft und Deutschsein bindet, sondern an die gelebte Verfassung. Das ist ein kluger Gedanke. Er hat nur einen Haken: Verfassungspatriotismus trägt nur dann, wenn man die Werte der Verfassung nicht nur aufsagt, sondern lebt.
Ein letztes und ein Wichtiges noch. Ausgerechnet Carl Schmitt, der sich dem Nationalsozialismus angedient hatte und nach dem Krieg nie wirklich davon abrückte, warnte 1960er Jahren vor einer „Tyrannei der Werte“. Wer von Werten spricht, so sinngemäß sein Gedanke, will sie durchsetzen, und jeder Wert sucht sich seinen Unwert, den er bekämpfen kann. Schmitts Motive verdienen Misstrauen. Falsch ist dieser Gedanke deshalb nicht. Wer “unsere Werte“ gegen „die anderen“ in Stellung bringt, verwandelt Orientierung in Ausgrenzung. Das gilt für jene, die die Fahne als Zeichen völkischer Zugehörigkeit missbrauchen. Es gilt aber auch, und das sollte uns zu denken geben, für jenen Reflex, der einen Mann mit Fahne vor dem Haus vorschnell nach rechts schiebt. Beide Male wird ein Symbol zur Waffe, und beide Male bleibt die Frage nach dem Inhalt unbeantwortet.
Es gibt indes eine Grenze, und sie muss klar benannt werden. Die Würde des Menschen steht im ersten Artikel des Grundgesetzes, weil sie die Voraussetzung aller anderen Werte ist. Über sie wird nicht abgestimmt. Sie ist der Boden, auf dem abgestimmt wird. Wer Menschen nach Herkunft, Glauben oder Hautfarbe sortiert, nimmt deshalb nicht an einer Abwägung teil, er verlässt diesen Boden. Haltung gegen Rechts meint genau diese Grenze, nicht mehr und nicht weniger. Sie richtet sich gegen das Völkische, nicht gegen das Konservative. Wer Tradition, Ordnung und Heimat hochhält, steht auf demselben Boden wie jener, der Wandel und Weltoffenheit voranstellt, und zwischen beiden darf, ja muss gestritten werden. Dieser Streit ist kein Zeichen von Werteverfall. Er ist der Normalfall einer freien Gesellschaft.
Was heißt das nun für die Fahne am Rathaus? Sie ist ein gutes Zeichen, und Walter Schubert sollte seine Fahne wieder aufhängen dürfen, ohne gefragt zu werden, ob er rechts sei. Wer sich die Fahne zurückholen will, muss allerdings mehr tun, als sie zu hissen. Er muss sagen können, wofür sie steht, und er muss es zeigen: im Umgang mit dem politischen Gegner, im Schutz der Schwachen, im Erhalt der Orte, an denen Werte und Gemeinsinn wachsen. Die Fraktion von Zukunft VWG hat drei Werte genannt. Das ist ein guter Anfang. Gemessen wird sie, wie wir alle, an den Taten.
Werte, die man nur nennt, hat man noch nicht.
Quellen:
Schmitt, Carl: Die Tyrannei der Werte, Duncker & Humblot, 4. Aufl. 2020
Clyde Kluckhohn: Values and Value-Orientations in the Theory of Action, Cambridge 1951
J. Habermas: Faktizität und Geltung, Frankfurt am Main 1992.
Bild: Privat Klaus Ulinski


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