Übergänge — Folge 10

Das ande­re Werk­zeug

Spricht man von Trans­for­ma­ti­on, denkt man an Tech­nik, an Wirt­schaft, an Ener­gie, an Poli­tik. An Kul­tur denkt kaum jemand zuerst. Dabei ist sie kein schmü­cken­des Bei­werk, dass man sich in guten Jah­ren leis­tet, son­dern ein Werk­zeug, mit dem sich Din­ge bewe­gen las­sen, die Zah­len und Geset­ze nicht errei­chen.

Kul­tur stif­tet Iden­ti­tät, sie erzählt einem Ort, wer er ist und war; sie eröff­net Sicht­wei­sen, die im Streit um Park­plät­ze und Pro­zent­punk­te ver­lo­ren gehen; und sie bringt Men­schen zusam­men, die sich sonst nie begeg­nen wür­den. Gera­de in einem Über­gang, in dem vie­les unsi­cher ist, braucht es die­se ver­bin­den­de Kraft–und es braucht die Fähig­keit, sich eine Zukunft über­haupt vor­stel­len zu kön­nen, bevor man sie plant.

Man hat lan­ge geglaubt, das Nüch­ter­ne und das Emp­find­sa­me gehör­ten getrennt: hier die Wis­sen­schaft mit ihren Kur­ven, dort die Kunst mit ihren Gefüh­len. Wer genau­er hin­sieht, merkt, dass gera­de die­se Tren­nung es schwer macht, einen gemein­sa­men Kom­pass zu fin­den. Eine Stadt, die nur rech­net, wird ver­wal­tet; eine, die nur fühlt, wird ver­klärt. Bei­des zusam­men ergibt erst ein Bild, mit dem sich arbei­ten lässt.

Wer­mels­kir­chen hat eine leben­di­ge Sze­ne  – Ver­ei­ne, Chö­re, Thea­ter­grup­pen, Musik­in­itia­ti­ven, Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die oft im Stil­len Beacht­li­ches leis­ten – ande­re, wie das Haus Eif­gen mit enga­gier­ter Arbeit Kul­tur bewe­gen. Was ihnen fehlt, ist sel­ten das Talent, meis­tens sind es Räu­me, Sicht­bar­keit und ein ver­läss­li­ches Min­dest­maß an Unter­stüt­zung. Das ist ärger­lich, denn kul­tu­rel­le Arbeit ist bil­lig im Ver­gleich zu dem, was sie zusam­men­hält.

Ein Letz­tes aber wich­ti­ges noch: Wer im Haus­halt kür­zen muss, und die­se Stadt muss es, greift erfah­rungs­ge­mäß zuerst zu den frei­wil­li­gen Leis­tun­gen, und zu denen zählt die Kul­tur. Das ist ver­ständ­lich und trotz­dem kurz­sich­tig. Ein Musik­schü­ler, der auf­hört ein Instru­ment zu ler­nen, kommt nicht zurück, wenn die Kas­se sich erholt; ein Ver­an­stal­tungs­ort, der schließt, wird sel­ten wie­der geöff­net. Man spart an einer Stel­le einen klei­nen Betrag und ver­liert an ande­rer etwas, das sich nicht bezif­fern lässt.

Kul­tur ist das ande­re Werk­zeug. Man merkt, wozu es taugt, meist erst, wenn man es aus der Hand gelegt hat.

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

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