„Keiner ist allein” – Ein Porträt von „Wermelskirchen gegen Rechts”

Ein Gespräch mit Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern des Bünd­nis­ses über Zivil­cou­ra­ge, Ermu­ti­gung und Ernüch­te­rung sowie über den Wunsch, wie­der mit­ein­an­der reden zu kön­nen

Es gibt in Wer­mels­kir­chen kein Ver­eins­re­gis­ter, in dem „Wer­mels­kir­chen gegen Rechts” ver­zeich­net wäre. Es gibt kei­nen Vor­stand, kei­ne Sat­zung, kei­ne Mit­glie­der­ver­samm­lung. Auf die Fra­ge, wie man sich die­ses Bünd­nis vor­stel­len müs­se, kommt die Ant­wort ohne Zögern: locker. Man trifft sich, wie es zeit­lich und men­tal passt. Was 2024 als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal für eine ein­zel­ne, spon­tan ange­mel­de­te Demons­tra­ti­on begann, ist zu etwas gewor­den, das die Grün­de­rin­nen und Grün­der selbst über­rascht hat. Aus­ge­löst wur­de es durch die Recher­chen und Ver­öf­fent­li­chun­gen über ein Tref­fen rechts­extre­mer Krei­se in Pots­dam, die bun­des­weit Empö­rung und gro­ße Demons­tra­tio­nen aus­lös­ten. Auch in Wer­mels­kir­chen woll­te und konn­te man nicht abseits­ste­hen. Aus einem ein­fa­chen Insta­gram-Kanal, gedacht als Ankün­di­gung für einen ein­zi­gen Ter­min, wur­de eine Platt­form, über die sich Men­schen bis heu­te aus­tau­schen, ver­ab­re­den und – vor allem – ein­an­der fin­den.

Genau dar­um, sagt eine der Spre­che­rin­nen des Bünd­nis­ses, sei es am Anfang gegan­gen: zu zei­gen, dass nie­mand allein ist. Man habe eine Wei­le das Gefühl gehabt, zu dritt oder zu viert die Ein­zi­gen zu sein, die eine bestimm­te Hal­tung tei­len. Inzwi­schen wis­se man, dass das nicht stimmt.

Eine Fra­ge des Grund­ge­set­zes, kei­ne der Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit

Wer die Mit­glie­der des Bünd­nis­ses nach ihrer Moti­va­ti­on fragt, bekommt kei­ne par­tei­po­li­ti­sche Ant­wort, son­dern eine, die sich auf unse­re Ver­fas­sung beruft. Es gehe dar­um, für Viel­falt und für ein Mit­ein­an­der ein­zu­ste­hen, für Demo­kra­tie „natür­lich”, wie es eine Spre­che­rin for­mu­liert – nicht in ers­ter Linie gegen etwas, son­dern für etwas. Eine ande­re Stim­me aus der Run­de bringt es auf den Punkt: Sie hät­te nie gedacht, dass das Grund­ge­setz ein­mal an einem Punkt ankom­men wür­de, an dem man sich per­sön­lich auf­ge­ru­fen fühlt, für die Wür­de des Men­schen ein­zu­ste­hen. Genau die­ser Satz aus Arti­kel eins, der zwar oft zitiert, aber sel­ten in sei­ner gan­zen Trag­wei­te aus­ge­spro­chen wird, ist für vie­le im Bünd­nis der eigent­li­che Aus­gangs­punkt: nicht Ideo­lo­gie, son­dern ein Grund­ge­setz­ar­ti­kel, der plötz­lich wie­der ver­tei­digt wer­den muss.

Das Alters­spek­trum der Unter­stüt­ze­rin­nen und Unter­stüt­zer ist brei­ter, als der öffent­li­che Ein­druck ver­mu­ten lässt. Es reicht von Schü­le­rin­nen und Schü­lern bis in Par­tei­en und Insti­tu­tio­nen hin­ein. Wer sich aktiv enga­giert, bei Demons­tra­tio­nen mit­or­ga­ni­siert oder online sicht­bar wird, ist aller­dings über­wie­gend jung.

All­tags­ras­sis­mus, der vor fünf Jah­ren so nicht exis­tier­te

Einer der Gesprächs­part­ner, in Wer­mels­kir­chen gebo­ren und auf­ge­wach­sen, beschreibt, was es bedeu­tet, hier mit dunk­ler Haut­far­be zu leben. Sei es der Umgang im Rat­haus, der spür­bar anders aus­fal­le. Sei es das Ein­kau­fen, bei dem man – wenn er mit sei­ner Mut­ter eine ande­re Spra­che spricht – von ande­ren Men­schen ange­spro­chen wer­de, mit der Bemer­kung, man kön­ne doch ruhig „mal  deutsch spre­chen”, dabei sei er ja Deut­scher, der aber auch noch eine ande­re Spra­che beherrscht. Oder die zuwei­len hin­ter­her geru­fe­nen Belei­di­gun­gen auf offe­ner Stra­ße. Was ihn beson­ders beschäf­tigt, sind die Erfah­run­gen von Men­schen im Bünd­nis, die sich um Woh­nun­gen oder Arbeits­plät­ze für Geflüch­te­te bemü­hen, die hoch­qua­li­fi­ziert sind, in ihrem Hei­mat­land etwa als Inge­nieur gear­bei­tet haben – aber allein am Namen schei­tern. Hie­ße die Per­son nicht Moham­med, wäre es leicht. So bleibt es schwer, obwohl an der Qua­li­fi­ka­ti­on nichts aus­zu­set­zen ist.

Sol­che Beob­ach­tun­gen, sagt eine ande­re Stim­me aus der Run­de, sei­en vor vier oder fünf Jah­ren in Wer­mels­kir­chen noch undenk­bar gewe­sen. Man habe Begrif­fe, die frü­her allen­falls in bestimm­ten Regio­nen Ost­deutsch­lands ver­or­tet wur­den, nicht in der eige­nen Stadt gehört. Inzwi­schen sei eine gewis­se Gleich­gül­tig­keit ein­ge­kehrt, gegen­über For­mu­lie­run­gen wie auch gegen­über Hal­tun­gen, die noch vor kur­zem als Tabu­bruch gegol­ten hät­ten.

Wenn Fak­ten nicht mehr zäh­len

Ein wie­der­keh­ren­des The­ma des Gesprächs ist der Zustand der öffent­li­chen Debat­te selbst. Die Bereit­schaft, Argu­men­te über­haupt noch zuzu­las­sen und sich einer Dis­kus­si­on zu stel­len, schwin­de, berich­tet ein Bünd­nis­mit­glied. Wer mit Zah­len, mit Fak­ten oder mit dem Ver­such kom­me, eine Aus­sa­ge ein­zu­ord­nen, sto­ße häu­fig auf ver­schlos­se­ne Ohren – und danach auf kei­ne Lust mehr, über­haupt noch über Poli­tik zu spre­chen. Zugleich beob­ach­tet jemand ande­res aus dem Bünd­nis, dass per­sön­li­che Schick­sa­le, kon­kret erzählt, sehr wohl noch etwas bewe­gen: Wer von einem Ein­zel­schick­sal erzählt statt von abs­trak­ten Zah­len, erlebt oft ech­te Betrof­fen­heit. Der Unter­schied lie­ge zwi­schen der emo­tio­na­len und der ver­meint­lich „sach­li­chen” Ebe­ne der Debat­te – nur dass auf der sach­li­chen Ebe­ne, etwa in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on über das soge­nann­te Stadt­bild, kei­ne sach­li­che Debat­te mehr zustan­de kom­me.

Genau hier liegt, was sich als roter Faden durch das gan­ze Gespräch zieht: der Wunsch, zu einer Debat­ten­kul­tur zurück­zu­fin­den, in der unter­schied­li­che Mei­nun­gen aus­ge­hal­ten und Argu­men­te wie­der aus­ge­tauscht statt nur behaup­tet wer­den. Eine Stim­me aus der Run­de for­mu­liert es als Appell – auch an Poli­tik und Insti­tu­tio­nen –, Auf­klä­rung sach­lich anzu­bie­ten, statt selbst popu­lis­tisch um mög­lichst vie­le Stim­men zu wer­ben. Das sei in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erkenn­bar geschei­tert.

Die Angst, die bleibt

Bei aller Zuver­sicht, die im Gespräch immer wie­der auf­blitzt, ver­schweigt nie­mand aus dem Bünd­nis die Sor­ge vor Eska­la­ti­on. Man arbei­te bewusst als Bünd­nis und nicht als ein­zel­ne Per­so­nen, gera­de weil Über­grif­fe inzwi­schen auch hier ange­kom­men sei­en – „man hat das im Hin­ter­kopf”, sagt eine Spre­che­rin. Die­se Vor­sicht hat längst den All­tag jun­ger Men­schen in Wer­mels­kir­chen erreicht, die mit dem Bünd­nis sym­pa­thi­sie­ren oder sich dort enga­gie­ren: Wer abends vom Jugend­zen­trum am Bahn­damm auf­bricht, geht inzwi­schen nicht mehr allein nach Hau­se, son­dern zu zweit oder in Grup­pen. Was frü­her selbst­ver­ständ­lich war, ist es nicht mehr. Es ist eine klei­ne, fast bei­läu­fig erzähl­te Beob­ach­tung – und zugleich eine der ein­dring­lichs­ten des gan­zen Gesprächs: Die Sor­ge vor Anfein­dun­gen oder Gewalt hat längst begon­nen, das Ver­hal­ten von Jugend­li­chen im öffent­li­chen Raum einer Klein­stadt zu ver­än­dern, die sich selbst gern als welt­of­fen ver­steht.

Zuver­sicht mit Vor­be­halt

Auf die Fra­ge, ob das eige­ne Enga­ge­ment eher aus Sor­ge oder aus Zuver­sicht gespeist sei, fällt die Ant­wort nicht ein­deu­tig aus. Zuver­sicht sei da, sagt ein Spre­cher – aber er wür­de sie sich nicht mehr für Gesprä­che „ver­aus­ga­ben”, von denen er wis­se, dass sie ohne­hin nicht zu einer Ver­stän­di­gung füh­ren. Was blei­be, sei die Zuver­sicht, dass das eige­ne Enga­ge­ment etwas bewirkt und dass sich gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen wie­der „auf die rich­ti­ge Schie­ne” brin­gen las­sen – wie lan­ge sich die­se Hal­tung durch­hal­ten lässt, wis­se man aller­dings selbst nicht. Ande­re im Bünd­nis ver­wei­sen auf klei­ne, aber rea­le Erfol­ge: Momen­te, in denen Men­schen im per­sön­li­chen Gespräch, in der Schu­le oder im Freun­des­kreis tat­säch­lich umden­ken. Und auf so etwas wie eine poli­ti­sche Hoff­nung, dass Strö­mun­gen etwa inner­halb der SPD wie­der zu einer sozia­le­ren, an sozia­ler Gerech­tig­keit ori­en­tier­ten Poli­tik zurück­fin­den könn­ten – auch wenn, oder viel­leicht gera­de wenn dafür, wie es im Gespräch heißt, „ein rei­ni­gen­des Gewit­ter” inner­halb der Par­tei nötig wäre.

Für die Zukunft wünscht sich das Bünd­nis vor allem eines: mehr jun­ge Men­schen in Ver­ant­wor­tung, etwa über Quo­ten im Stadt­rat, damit Zukunfts­the­men wie Stadt­ent­wick­lung oder Kli­ma nicht län­ger von einer Gene­ra­ti­on ent­schie­den wer­den, die die­se Zukunft selbst kaum noch erlebt. Und einen öffent­li­chen Dis­kurs, der nicht län­ger von Angst bestimmt wird, son­dern von der Bereit­schaft, ein­an­der zuzu­hö­ren.

Am Ende des Gesprächs bleibt ein Satz hän­gen, der zu Beginn fiel und der wie eine Zusam­men­fas­sung der gan­zen Hal­tung des Bünd­nis­ses klingt: Man wol­le zei­gen, wofür man steht – für ein Mit­ein­an­der, für Viel­falt, für Demo­kra­tie – und eben nicht in ers­ter Linie gegen jeman­den. Dass dar­aus, in einer Klein­stadt wie Wer­mels­kir­chen, ein Netz­werk gewor­den ist, das jun­ge Men­schen dazu bringt, wie­der in Grup­pen statt allein nach Hau­se zu gehen, ist hin­sicht­lich des Zusam­men­halts zwar Erfolg aber auch Mah­nung: Sicht­bar­keit für Demo­kra­tie zu schaf­fen, ist offen­bar nöti­ger, als es noch vor weni­gen Jah­ren war.


Die­ser Bei­trag beruht auf einem Gespräch, das der Autor am 26. August 2026 mit vier Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern von „Wer­mels­kir­chen gegen Rechts” geführt hat. Auf Wunsch des Bünd­nis­ses und zum Schutz der Betei­lig­ten wur­den alle Namen anony­mi­siert

Bild: mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von “Wer­mels­kir­chen gegen Rechts”

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Kommentare

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Ein Kommentar zu „„Keiner ist allein” – Ein Porträt von „Wermelskirchen gegen Rechts”“

  1. Avatar von RA Stefan Markel
    RA Stefan Markel

    Mir geht wie Ach, so Vie­len:
    Ich hätt ‘zum The­ma sooo viel bei­zu­tra­gen
    über Dro­hun­gen in Wort und Tat
    Gewalt vom rech­tem Den­ken her
    Doch es mit fes­ter Stim­me vor­zu­tra­gen
    traue ich mich längst nicht mehr:
    die Rech­ten könn­ten auf mich zie­len.

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