Buchempfehlung “Schweigen”

Das Forum Wer­mels­kir­chen ver­öf­fent­licht regel­mä­ßig Buch­emp­feh­lun­gen für sei­ne Lese­rin­nen und Leser. Denn – Das gan­ze Jahr über ist Lese­zeit! Schon Goe­the wuss­te: “Wer Bücher liest, schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zau­ne!”

Buch­emp­feh­lung zum The­ma Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Dik­ta­tu­ren und Schwei­gen in Zei­ten von Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten – z.B. Argen­ti­na 1978 von Marie-Loui­se Lich­ten­berg.

Bir­git Wey­he (Text)
Bir­git Wey­he (Illus­tra­ti­on)
Schwei­gen
368 Sei­ten
avant Ver­lag 2025
39,00 €
Ab 16

Zur­zeit läuft die größ­te Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft aller Zei­ten. In Mexi­ko, Kana­da und den USA. Es geht um sport­li­che Erfol­ge, aber beson­ders um sehr viel Geld.

1978, als die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in Argen­ti­ni­en aus­ge­tra­gen wur­de, mach­te die argen­ti­ni­sche Mili­tär­dik­ta­tur (1976 – 1983) kei­nen Hehl dar­aus, dass die Welt­meis­ter­schaft ihre Popu­la­ri­tät stei­ger­te. Die dama­li­ge Regie­rung in Deutsch­land beschränk­te sich auf die soge­nann­te „Stil­le Diplo­ma­tie“, anders als die fran­zö­si­sche und die nie­der­län­di­sche Regie­rung. Die wirt­schaft­li­chen und mili­tä­ri­schen Bezie­hun­gen waren der deut­schen Regie­rung wich­ti­ger. Dies kos­te­te hun­der­te Deut­sche bzw. deutsch­stäm­mi­ge Men­schen das Leben. Bir­git Wey­he schreibt dazu: „Dar­un­ter waren auch die Kin­der von deut­schen Juden, die weni­ge Jahr­zehn­te vor­her gera­de noch Hit­ler und sei­nen Scher­gen ent­kom­men waren.“ (Sei­te 300)

Die Gra­phic Novel „Schwei­gen“ ist die­ses Jahr in der Spar­te Sach­buch für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert. Bei der Preis­ver­lei­hung am 9. Okto­ber 2026 auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se erfah­ren wir, ob das Buch den Preis erhält.

Die Jury begrün­det ihre Wahl so:

„Die­se Gra­phic Novel erzählt vom Ver­schwin­den von Men­schen in Dik­ta­tu­ren und dem dar­aus resul­tie­ren­den Schwei­gen. Bir­git Wey­he ent­fal­tet ein Pan­ora­ma indi­vi­du­el­ler Erfah­rung und kol­lek­ti­ver Ver­ant­wor­tung zwi­schen der NS-Zeit in Deutsch­land und der Mili­tär­dik­ta­tur in Argen­ti­ni­en. In den mit­ein­an­der ver­wo­be­nen Geschich­ten zwei­er Frau­en wird sicht­bar, wie weit­rei­chend die zer­stö­re­ri­sche Kraft staat­li­cher Dik­ta­tu­ren ist. Die 1939 nach Argen­ti­ni­en emi­grier­te Ellen Marx muss dort wäh­rend der Mili­tär­dik­ta­tur das spur­lo­se Ver­schwin­den ihrer Toch­ter erle­ben. Die seit 1970 in Argen­ti­ni­en leben­de Eli­sa­beth Käse­mann wird dort 1977 als Regime­geg­ne­rin erschos­sen.

Erzählt wird von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in ihrer poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Dimen­si­on und zugleich von ganz indi­vi­du­el­len Schmer­zen. In jedem Pin­sel­strich und jedem Wort ver­bin­det Wey­he his­to­ri­sche und bio­gra­fi­sche Genau­ig­keit mit künst­le­ri­scher Refle­xi­on. Groß­flä­chi­ges Schwarz, spar­sa­me Farb­ein­sät­ze und wie­der­keh­ren­de Mus­ter und Moti­ve struk­tu­rie­ren die Sei­ten und ver­dich­ten die The­men Frei­heit, Gewalt, Erin­ne­rung und Ver­lust. Die Kom­po­si­ti­on aus Text und Bild folgt einem prä­zi­sen Rhyth­mus aus Wie­der­ho­lung und Varia­ti­on und es ent­steht eine Dra­ma­tur­gie, die Ver­schwie­gen­heit tas­tend umkreist.“

Ich emp­feh­le das Buch allen ab 16 Jah­ren, da es zum Nach­den­ken anregt und über­deut­lich macht, wie exis­ten­zi­ell Demo­kra­tie und Frei­heit sind. An dik­ta­to­ri­sche Sys­te­me und ihre Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zu erin­nern bedeu­tet gleich­zei­tig auf­zu­klä­ren. In Zei­ten wie die­sen wich­ti­ger denn je!

Bir­git Wey­hes Wor­te am Ende des Buches mah­nen uns alle: „Aus­gren­zung, Dif­fa­mie­rung und Hass­re­de ste­hen wie­der hoch im Kurs. Statt sich der Ver­gan­gen­heit zu erin­nern, wird sie igno­riert. Auch in Deutsch­land, wo ein Ende des „Schuld­kul­tes“ gefor­dert wird oder in Argen­ti­ni­en, wo Gedenk­stät­ten geschlos­sen und dik­ta­to­ri­sche Gewalt rele­gi­ti­miert wird. Die­se welt­wei­ten Ent­wick­lun­gen machen es mehr denn je not­wen­dig, sich die Geschich­te zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Es gilt, gemein­sam zu ver­hin­dern, dass erneut Men­schen auf­grund ihrer Her­kunft, Haut­far­be, Reli­gi­on, poli­ti­schen Über­zeu­gung oder sexu­el­len Iden­ti­tät pau­schal belei­digt, aus­ge­grenzt und ver­folgt wer­den. Wir müs­sen uns erin­nern, zu welch unfass­ba­ren Ver­bre­chen das geführt hat. Ganz beson­ders in Deutsch­land.
Nie wie­der ist jetzt.
Nun­ca más.“

Bir­git Wey­he, Febru­ar 2025

Bil­der: Marie-Loui­se Lich­ten­berg / avant Ver­lag

Bewer­te die­sen Post!
[Gesamt: 13 Durch­schnitt: 5]

Kommentare

Hinweis der Redaktion

Für den Inhalt der Kommentare sind ausschließlich die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Die in den Kommentaren geäußerten Meinungen geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion von forumwk.de wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu prüfen, zu bearbeiten, zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht. Kommentare, die gegen geltendes Recht, die Netiquette (siehe „Wir über uns“) oder die redaktionellen Grundsätze von forumwk.de verstoßen, werden nicht veröffentlicht bzw. können nachträglich entfernt werden. Gleiches gilt für Beiträge und Kommentare, die keinen direkten Bezug zu den auf forumwk.de veröffentlichten Inhalten haben.

4 Kommentare zu „Buchempfehlung “Schweigen”“

  1. Avatar von Horst Rosen
    Horst Rosen

    Dies ist kein Ort für Fake News!
    Aktu­el­le Umfra­ge­wer­te zu Milei (Früh­jahr bis Juni 2026):
    AtlasIntel/Bloomberg: etwa 35–36 % Zustim­mung, rund 59–63 % Ableh­nung.
    thedialogue.org
    LatAm Pulse/AtlasIntel (Mai 2026): etwa 40 % Zustim­mung, 58 % Ableh­nung.
    batimes.com.ar
    Opi­na Argen­ti­na (Mai 2026): etwa 39 % posi­ti­ves Image. Reu­ters
    Ein­zel­ne Insti­tu­te mel­den noch nied­ri­ge­re Wer­te um 32–35 % Zustim­mung.

    8
    0
  2. Avatar von Stefan Schäfer
    Stefan Schäfer

    Da bin ich ja froh,
    dass mit Milei in die­sem Land
    jetzt ein Prä­si­dent der Her­zen
    regiert.

    L.G.
    Ste­fan Schä­fer

    0
    10
    1. Avatar von Klaus E. Ulinski
      Klaus E. Ulinski

      Wis­sen Sie was, Herr Schä­fer? Ihre Kom­men­ta­re, sowie auch die­ser, strotzt so der­ma­ßen von Geschmack- und Takt­lo­sig­keit, dass es schon fast pein­lich ist, auf Ihre Kom­men­ta­re über­haupt zu reagie­ren. Sie soll­ten sich schä­men.

      8
      0
      1. Avatar von Reinhard Hackländer
        Reinhard Hackländer

        …Dan­ke Klaus. Dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen…

        7
        0