Unter dem Titel „Gedenken, Volkstrauer in Deutschland und bei unseren Nachbarn – Zusammenhalt stärken“ veranstaltete die Gruppe „Christen in der AfD-West“ am 15. Mai 2026 eine Veranstaltung in den Bürgerhäusern von Wermelskirchen. Laut einem Bericht von Pfarrer Manfred Jetter, der wie seine Kollegin Pfarrerin Almuth Conrad als örtlicher evangelischer Pfarrer an dem Abend teilnahm, waren knapp zehn AfD-Anhänger anwesend, dazu gut 25 Personen aus örtlichen christlichen Gemeinden, dem CVJM und anderen Gruppen. Diese, so Jetter, seien „mit offenem, aber kritischem Ohr“ gekommen.
Der Abend sollte dem Titel nach an Krieg, Tod, Trauer und Versöhnung erinnern. Tatsächlich zeigte sich jedoch schnell, dass unter dem Deckmantel des Gedenkens auch zentrale politische Begriffe der AfD verhandelt wurden: Volk, Familie, Christentum, Migration, Remigration und das Verhältnis der AfD zu den Kirchen.
Das Konzept des „Volkes“ als Ausgangspunkt
Nach Jetters Darstellung war der Beitrag von Barbara Palluch aus Dortmund besonders prägend. Sie habe schon als erste Rednerin sehr schnell aus dem Wort „Volkstrauertag“ abgeleitet, dass es zum Trauern zwingend ein „Volk“ brauche. Dieses „Volk“ verstehe sie als Gemeinschaft, die von der „Keimzelle der Familie“ getragen werde. Das „liebende Herz“, so Frau Palluch Darstellung, könne neben Familie und Nachbarn höchstens noch eine Größe wie ein „Volk“ erfassen. Zum deutschen Volk gehöre auch das Christentum als wichtige Grundlage.
Genau hier liegt der kritische Kern des Abends. Denn der Begriff „Volk“ ist in der deutschen Geschichte nicht neutral. Wer ihn im Zusammenhang mit Trauer, Familie und christlicher Identität verwendet, muss erklären, ob damit ein offener, demokratischer Gemeinwesenbegriff gemeint ist – oder ob bestimmte Menschen, Lebensformen und kulturelle Prägung nur eingeschränkt dazugehören.
Und genau diese Frage wurde aus dem Publikum gestellt: Was ist mit Familien, in denen Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen zusammenleben? Was ist mit anderen Partnerschaften?
Die Antworten scheinen diese Bedenken nicht ausgeräumt zu haben. Vielmehr fügt sich Palluchs Familien- und Volksbegriff in ein politisches Umfeld ein, in dem die AfD in Sachsen-Anhalt in ihrem Regierungsprogramm die aus Vater, Mutter und Kindern bestehende Familie als gesellschaftliche Norm darstellt und diese ausdrücklich mit dem „Fortbestand unseres Volkes“ verbindet. Dort heißt es, die „Sonderstellung der Familie aus Vater, Mutter und Kindern“ sei beizubehalten, „um die Zukunft und den Fortbestand unseres Volkes zu garantieren“. siehe hierzu auch: afd-regierungsprogramm.de
Das Gedenken trat in den Hintergrund
Der zweite Redner, Jakob Baidin aus Lippe, verfolgte nach Jetters Bericht einen anderen Ansatz. Baidin bezog sich auf seine russlanddeutsche Familiengeschichte und betonte, christliche Werte wie Liebe, Respekt und Wahrheit gelte gegenüber allen Menschen. Liebe gelte auch für Menschen in anderen globalen und kulturellen Kontexten sowie im Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Dem Bericht zufolge wirkte dieser Beitrag weniger politisch polarisiert.
Hans-Joachim Lietzmann aus Wermelskirchen sprach anschließend über seine Erfahrungen mit dem Tod als Soldat. Er forderte eine bessere Pflege deutscher Kriegsgräber und ein breiteres öffentliches Gedenken am Volkstrauertag. Laut Jetter äußerte er sich positiv über die Gedenkveranstaltung in Wermelskirchen an den Hüpp-Anlagen und die Beiträge der hiesigen Schülerinnen und Schüler.
Dennoch schien das eigentliche Thema „Gedenken“ nach Jetters Ansicht insgesamt „eher zweitrangig“. Stattdessen drehte sich die anschließende Diskussion ausführlich um Palluchs Konzept des Volkes, der Familie, der Migration, der Remigration und der Rolle der Kirchen. Dadurch verlagerte sich der Abend von einer Gedenkveranstaltung hin zu einer politischen Debatte über nationale Identität.
Kirchen als Gegnerbild
Ein weiterer Streitpunkt war das Verhältnis der AfD zu den Kirchen. Zuhörer wiesen auf die kritische Haltung der AfD gegenüber kirchlichen Institutionen hin, insbesondere vor dem Hintergrund des aktuellen Regierungsprogramms der AfD in Sachsen-Anhalt. Tatsächlich enthält das Programm deutliche Angriffe auf kirchliche Persönlichkeiten. So will die AfD in Sachsen-Anhalt beispielsweise dem „Kirchenasyl“ ein Ende setzen und die Kirchen dafür finanziell zur Verantwortung ziehen. Außerdem fordert sie, die Mittel für die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt zu kürzen, da diese angeblich „politische Agitation im Interesse der Altparteien“ betreibe. (siehe auch: https://afd-regierungsprogramm.de/)
Damit wird Christentum weniger als pluraler Glaubensraum verstanden, sondern als kultureller Marker. Genau darin liegt die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung: Christliche Begriffe werden zur Stärkung der nationalen Identität herangezogen, während kirchliche Stimmen durchweg politisch verdächtig erscheinen, wenn sie Begriffe wie Migration, Menschenrechte oder Versöhnung anders gewichten.
Migration und Remigration bleiben präsent
Auch das Thema Remigration wurde kritisch nachgefragt, so Manfred Jetter. Barbara Palluch habe demnach erklärt, das sei „nicht so schlimm gemeint“, wie es oft dargestellt werde. Das Publikum verwies dagegen darauf, dass eine umfassende Rückführung von Menschen mit Migrationshintergrund viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens beeinträchtigen würde – etwa das Gesundheitswesen, das Handwerk und den Verkehr. Jetters Darstellung zufolge ließ Palluch dieses Argument nicht gelten.
„Das ist alles nicht so schlimm gemeint“
Auch hier lohnt sich ein Blick auf das Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt. Darin ist nicht nur allgemein von einer „180-Grad-Wende in der Migrationspolitik“ die Rede, sondern auch von einer „Abschiebungs- und Remigrationsoffensive“. Das Programm fordert unter anderem „Remigrationsratgeber statt Integrationsratgeber“ und skizziert eine umfassende Remigrationspolitik, die Abschiebungen, freiwillige Rückkehrprogramme und die Rückführung deutscher Fachkräfte umfassen soll (afd-regierungsprogramm.de)
Damit steht die Wermelskirchener Diskussion nicht isoliert. Wenn an einem christlich gerahmten Gedenkabend über Volk, Familie und Remigration gesprochen wird, berührt dies zentrale Positionen der AfD. Der Titel „Zusammenhalt stärken“ bleibt dann ambivalent: Zusammenhalt für wen? Für die europäischen Nachbarn? Für das demokratische Gemeinwesen in seiner Vielfalt – oder für eine enger definierte nationale Gemeinschaft?
Der Dortmunder Kontext von Barbara Palluch
Für die Einordnung von Barbara Palluch ist auch ein Blick auf Veröffentlichungen aus dem Dortmunder AfD-Umfeld wichtig. Auf der Internetseite der AfD-Fraktion Dortmund findet sich ein Beitrag, in dem Fördergelder gegen Rechtsextremismus und für Vielfalt als Finanzierung eines „Heer(s) aus zivilen Meinungswächtern“ bezeichnet werden. Unter den genannten Gruppen wird auch die „Roma-Lobbygruppe ‚Romano Than‘“ aufgeführt. Die AfD-Fraktion schreibt dazu unter dem Namen von Frau Palluch, Ziel des „grün-rot-radikalen Ratsestablishments“ sei es, andersdenkende Bürger einzuschüchtern und die AfD zu diskreditieren. (afd-do-fraktion.de)
Der im Zusammenhang mit Palluch genannte Post über „Romano Than“ geht sprachlich noch weiter. Dort ist von einem „Roma-Lobbyverein“ und einer „Extrawurst auf Steuerzahlerkosten“ die Rede. Außerdem heißt es, das „rot-grün-radikale Ratsestablishment“ verschleudere Steuergeld „an fremde Gruppierungen“. Diese Wortwahl ist problematisch. Sie stellt eine Minderheitenorganisation nicht als legitimen sozialen oder beratenden Akteur dar, sondern markiert sie als fremd, privilegiert und belastend für „den Dortmunder“, der angeblich zahlen müsse.
Gerade vor dem Hintergrund eines Wermelskirchener Abends, der „Zusammenhalt“ stärken will, ist diese Sprache erklärungsbedürftig. Wer Minderheitenförderung als „Extrawurst“ und „fremde Gruppierung“ beschreibt, befördert nicht Zusammenhalt, sondern Abgrenzung. Das gilt umso mehr, wenn dieselbe politische Akteurin an einem Abend über Volk, Familie und christliche Grundlagen spricht.
„Christen in der AfD“ – AfD„light“ – aber mit erkennbarem Subtext
Pfarrer Manfred Jetter zieht in seiner Nachbetrachtung ein differenziertes Fazit. An diesem Abend habe sich eine „AfD light“ präsentiert, „verträglich und (überwiegend) diszipliniert“. Möglicherweise, so seine Einschätzung, sei dies geschehen, „um gerade im christlichen Bereich unserer Region Fuß zu fassen“. Nur einmal sei der Begriff „Altparteien“ gefallen, Migration und innere Sicherheit seien nur angedeutet worden. Angesichts des überwiegend kritischen Publikums sei mit stark polarisierenden Thesen vermutlich nicht viel zu gewinnen gewesen.
Diese Beobachtung ist durchaus als politisch bedeutsam zu betrachten. Der Abend war offenbar nicht von offener Radikalität geprägt. Doch er zeigte, wie AfD-Positionen in eine weichere, religiös anschlussfähige Sprache übersetzt werden können. Aus „Migration“ wird die Frage nach begrenzter Liebe und Verantwortung. Aus „Remigration“ wird ein angeblich missverstandener Begriff. Aus nationaler Identität wird „Volkstrauer“. Aus Parteipolitik wird christliche Kulturdeutung.
Damit bestätigt der Abend den zentralen Vorwurf an die „Christen in der AfD“: Religiöse Identität wird genutzt, um politische Positionen moralisch aufzuwerten und gesellschaftlich anschlussfähiger zu machen. Nicht jede Aussage des Abends war radikal. Aber der Rahmen, die Begriffe und die eingeladenen Personen zeigen, wie eng christliche Sprache, nationale Identität und AfD-Programmatik miteinander verwoben werden.
Zum Schluss bat Pfarrer Jetter die Referenten, ihre vorgetragenen christlichen Überzeugungen in der eigenen Partei geltend zu machen und sich für inhaltliche Mäßigung sowie weniger Polemik in der Auseinandersetzung einzusetzen. Das ist vielleicht der entscheidende Prüfstein: Wenn christliche Werte an diesem Abend mehr sein sollten als ein kulturelles Etikett, müssten sie sich gerade dort bewähren, wo Menschen ausgegrenzt, Minderheiten abgewertet oder politische Gegner verächtlich gemacht werden.
Bild: Privat Klaus Ulinski
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