UNBROKEN! Zwischen Sirenen und Hoffnung! Aufgeben ist keine Option!

Von Gil­li­an Hahn und Lothar Dähn

Gili­an Hahn schreibt

Ich hat­te kei­ne Angst vor die­ser Rei­se. Eher eine tie­fe Neu­gier. Ich woll­te ver­ste­hen, was uns dort erwar­tet. Wel­che Ein­drü­cke blei­ben. Wel­che Begeg­nun­gen ent­ste­hen. Und vor allem: was all das mit mir macht.

Mein Fazit: Dank­bar­keit. Was für eine Erfah­rung.

Seit über vier Jah­ren herrscht Krieg in der Ukrai­ne. Die Sur­rea­li­tät eines „nor­ma­len“ Lebens ist kaum vor­stell­bar. Und doch ist genau das Rea­li­tät: ein nor­ma­les Leben – nur nicht eines, wie wir es ver­ste­hen.

Vier Jah­re Krieg ver­än­dern Men­schen. Sie ver­bin­den, schwei­ßen zusam­men und geben Halt. Man spürt es. Und man sieht es, wenn man genau hin­schaut.

Ober­fläch­lich wirkt vie­les ganz nor­mal. Mein ers­ter Gedan­ke war: Lwiw erin­nert mich an das bun­te Trei­ben jun­ger Men­schen in Lis­sa­bon. Doch die­ser Ein­druck bekommt schnell eine ande­re Dimen­si­on.

Beim genaue­ren Hin­se­hen wird der Krieg sicht­bar. In den Details. In den Nuan­cen, die den Unter­schied machen zu dem Leben, das wir ken­nen.

Gene­ra­to­ren vor Geschäf­ten. Sand­sä­cke vor Häu­sern und hin­ter Fens­tern. Ein­ge­hüll­te Denk­mä­ler, die Druck­wel­len stand­hal­ten sol­len.

Und die­ses stil­le, soli­da­ri­sche Inne­hal­ten: Jeden Mor­gen um 9 Uhr ver­har­ren lan­des­weit Men­schen für eine Minu­te im Geden­ken an ihre gefal­le­nen Hel­din­nen und Hel­den – egal, wo sie sind oder was sie gera­de tun. Tie­fer Respekt und Trau­er zei­gen sich auch dann, wenn einer der mehr­mals täg­lich vor­bei­zie­hen­den Beer­di­gungs­kon­vois die Stra­ßen durch­quert.

Am Abend wird sicht­bar, wie sehr das Leben trotz­dem gelebt wird. Vol­le Bars. Geöff­ne­te Geschäf­te bis 22 Uhr. Men­schen, die zusam­men­kom­men, lachen, sin­gen und sich im Arm hal­ten. Stra­ßen­mu­si­ker, um die sich Grup­pen ver­sam­meln. Und jeden Abend wird gemein­sam die ukrai­ni­sche Hym­ne gesun­gen.

Von Mit­ter­nacht bis fünf Uhr mor­gens schweigt die Stadt. Aus­gangs­sper­re.

Mir fiel auch auf, wer das Stadt­bild prägt: vie­le jun­ge Men­schen, vie­le Frau­en, Vete­ra­nen. Kaum Män­ner mitt­le­ren Alters.

Parks mit Fotos ver­miss­ter Sol­da­ten. Soge­nann­te „Stra­ßen der Hoff­nung“.

Fried­hö­fe vol­ler Fah­nen und Bil­der gefal­le­ner Söh­ne, Ver­wand­ter und Freun­de. Men­schen, die viel zu früh gestor­ben sind und zu Recht beson­ders geehrt wer­den.

Ein Ort, der mich beson­ders tief beein­druckt hat, ist das natio­na­le Reha­zen­trum UNBROKEN. Es ist kaum in Wor­te zu fas­sen, was dort mit inter­na­tio­na­ler Unter­stüt­zung ent­stan­den ist. Mehr als 10.000 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten wer­den hier jedes Jahr behan­delt – ver­letz­te Sol­da­ten eben­so wie Kin­der.

Und bei all dem spürt man vor allem eines: Die Men­schen sind UNBROKEN. Und unglaub­lich stolz auf ihr Land und ihre Geschich­te.

Ja, die Ver­let­zun­gen sind unüber­seh­bar. Vie­le Men­schen sind trau­ma­ti­siert. Und trotz­dem geht das Leben wei­ter.

Nicht, weil alles gut ist. Son­dern weil Auf­ge­ben kei­ne Opti­on ist. Und zum Nicht­auf­ge­ben gehört auch, das Leben zu leben – in dem Rah­men, der mög­lich ist.

Die­se Posi­ti­vi­tät und die­ser Zusam­men­halt inner­halb der Bevöl­ke­rung sind außer­ge­wöhn­lich. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Ich emp­fin­de gro­ßen Respekt vor den Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­nern.

Ich neh­me Demut mit. Und einen neu­en Blick auf das, was wirk­lich zählt.

Und ich weiß: Ich wer­de wie­der­kom­men.


Lothar Dähn schreibt

Wir über­führ­ten Ret­tungs­fahr­zeu­ge im sel­ben Kon­voi. Wäh­rend ich nach der Über­ga­be des Fahr­zeugs noch Ter­mi­ne in Lwiw wahr­nahm, fuhr Gil­li­an mit einem Teil unse­rer Dele­ga­ti­on wei­ter nach Kiew.

In der­sel­ben Nacht saßen wir in unter­schied­li­chen Schutz­räu­men.

Die auf­heu­len­den Sire­nen und der uner­träg­li­che Warn­ton des Han­dys um 3:15 Uhr gehen durch Mark und Bein. Gefühlt inner­halb einer Minu­te ange­zo­gen und im Kel­ler des Hotels. Ich war der ein­zi­ge Aus­län­der.

Für die bru­tal ange­grif­fe­nen Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner ist das har­te, bei­na­he täg­li­che Rea­li­tät.

Weni­ger als 24 Stun­den spä­ter lag ich wie­der im ver­meint­lich fried­li­chen Wer­mels­kir­chen in mei­nem eige­nen Bett. Und ich dach­te: Das war doch gera­de erst.

Ich sehe noch immer die Gesich­ter der Men­schen im Schutz­raum vor mir. So nah. So sur­re­al.

Fotos und Video: Lothar Dähn

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wird gela­den…

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