…am konkreten Beispiel der Psychotherapie
Ein Beitrag für das Forum Wermelskirchen auf Grundlage des Interviews mit dem Remscheider Psychotherapeuten David Gerhard
Es gibt politische Entscheidungen, die technisch klingen: Vergütung, Bedarfsplanung, Reformen, Beitragsstabilität. Doch hinter diesen Begriffen stehen Menschen. Menschen, die psychisch krank sind. Menschen, die Hilfe suchen. Menschen, die seit Monaten auf einen Therapieplatz warten. Und Therapeuten, die schon längst am Limit arbeiten.
Der in Remscheid-Lennep praktizierende Psychotherapeut David Gerhard beschreibt im Gespräch mit dem „Forum Wermelskirchen“ eine Lage, die ihn nicht nur fachlich beunruhigt, sondern auch persönlich frustriert. Es geht um Kürzungen in der Psychotherapie, um eine ohnehin angespannte Versorgungslage und um eine Politik, die nach seiner Wahrnehmung trotz eindeutiger Datenlage nicht zuhört.
Gerhard sagt:
„Dass diese Datenbasis vorhanden ist – sie ist da, sie ist auf dem Tisch. Und trotzdem wird es von der Politik nicht genutzt – das ist etwas, was mich total frustriert.“
Diese Frustration zieht sich durch das gesamte Gespräch. Sie rührt nicht von politischer Opportunität her, sondern von der täglichen Praxis. Gerhard spricht mit Menschen in Krisen, mit Patientinnen und Patienten, die unter Depressionen, Ängsten, Burnout, Lebenskrisen oder Selbstmordgedanken leiden. Er erlebt hautnah, was politische Entscheidungen bedeuten, wenn sie nicht mehr in Ausschüssen, sondern in Behandlungszimmern ankommen.
Ein System am Anschlag
Die psychotherapeutische Versorgung ist schon heute angespannt. Wer einen Therapieplatz sucht, braucht oft Geduld, Durchhaltevermögen und Glück. Für Menschen in akuten Krisen ist genau das kaum zumutbar.
Gerhard berichtet aus seiner Praxis:
„Mich trifft das auch immer wieder, wenn ich jemanden habe mit einer akuten Belastung und ich dem sagen muss: Bei mir ist die Wartezeit aktuell ungefähr ein Jahr.“
Und weiter:
„Von diesen Menschen gibt es ja Dutzende auf meiner Warteliste. Täglich rufen neue an und ich kann einfach nicht mehr machen. Ich habe ja schon eine Arbeitswoche von 55 bis 60 Stunden. Das Ganze ist der helle Wahnsinn.“
Das ist keine Einzelanekdote aus einer überlasteten Praxis. Studien und Berichte der Bundespsychotherapeutenkammer zeigen seit Jahren, dass Patientinnen und Patienten in Deutschland oft monatelang auf einen Behandlungsplatz warten. Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie hat zwar den Zugang zur psychotherapeutischen Sprechstunde verbessert, aber nicht automatisch ausreichend Therapieplätze geschaffen. Eine Sprechstunde ersetzt keine Behandlung.
Das ist der Kern des Problems: Das System erkennt den Bedarf, aber es schafft nicht genug Kapazität, um ihn zu decken.
Im Gegenteil: Die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen wurde beziehungsweise wird nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung um fast fünf Prozent gekürzt. Berufsverbände kritisieren zudem, dass die Berechnungsmodelle veraltet seien und die heutige Versorgungslage nicht angemessen abbildeten.
Zudem kommt: Krankenkassenreports dokumentieren die wachsende Bedeutung psychischer Erkrankungen für Arbeitsunfähigkeit und Gesundheitssystem. Die Deutsche Rentenversicherung hat psychische Erkrankungen seit Jahren als eine der Hauptursachen für Erwerbsunfähigkeitsrenten identifiziert.
Trotzdem wird nicht entschlossen ausgebaut. Im Gegenteil: die Vergütungen für psychotherapeutische Leistungen werden gekürzt. Auch Berufsverbände kritisieren, dass die Berechnungsmodelle, worauf sich diese Entscheidung stützt, veraltet sind und den aktuellen Stand der Versorgung nicht angemessen widerspiegeln.
David Gerhard sieht darin eine gefährliche Entwicklung:
„Da sind insoweit Kürzungen bei der Psychotherapie vorgesehen, dass eine ganze Reihe von psychotherapeutischen Praxen schließen werden. Also das ist nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben.“
Bedarfsplanung aus einer anderen Zeit
Ein Kernproblem ist die Bedarfsplanung. Die Zahl der Kassensitze orientiert sich in ihren Grundlagen noch immer stark an Strukturen aus den 1990er Jahren. Doch die gesellschaftlichen Gegebenheiten haben sich seitdem verändert. Psychische Erkrankungen sind sichtbarer geworden, die Nachfrage ist gestiegen, und der Druck am Arbeitsplatz, in den Familien und im Alltag hat zugenommen.
Gerhard formuliert es drastisch:
„Ja, genau, aus den 90er Jahren. Und selbst da kann man sich nur an den Kopf fassen: Selbst da waren die schon falsch. Wer heute auf der Grundlage veralteter Zahlen plant, schafft neue Ungerechtigkeiten. Denn wenn die Zahl der Kassenärzte nicht dem tatsächlichen Bedarf entspricht, entsteht ein Engpass, der alles andere als abstrakt ist. Er äußert sich in Wartelisten, überlasteten Praxen und Menschen, die zu spät oder gar nicht behandelt werden.“
Wenn schlechte Versorgung zur Begründung für Kürzung wird
Besonders empört Gerhard eine politische Logik, die er sinngemäß so beschreibt:
„Aus den Ausführungen von Ministerin Warken kann man es wie folgt verstehen: ‘Wir mussten feststellen, dass die psychotherapeutische Versorgung sich in den letzten Jahren nicht verbessert hat. Deshalb streichen wir die Gelder.’ “
Sein Urteil dazu ist eindeutig:
„Das ist ein Zynismus, den man nicht mehr überbieten kann.“
Tatsächlich wirkt diese Logik absurd: Wenn ein Versorgungssystem nicht ausreicht, müsste man es verbessern. Wenn Wartezeiten zu lang sind, müsste man Kapazitäten schaffen. Wenn Praxen überlaufen sind, müsste man entlasten. Stattdessen drohen Kürzungen und weitere Einschnitte.
Das ist ungefähr so, als würde man bei der Feuerwehr sparen, weil es immer noch brennt.
Die soziale Schieflage
David Gerhard betont, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten kein Zwei-Klassen-System wollen:
„Wenn eine Berufsgruppe nicht das Zwei-Klassen-Medizinsystem unterstützen möchte, sind es die Psychotherapeuten.“
Aber auch eine psychotherapeutische Praxis muss wirtschaftlich funktionieren. Miete, Energie, Software, Personal, Verwaltung, Datenschutz, Fortbildungen und Dokumentation kosten Geld. Gerhard sagt deshalb:
„Auch ich bin ja ein kleiner Einzelunternehmer, der wirtschaftlich diesen Mini-Betrieb laufen muss.“
Wenn Kassensitze unattraktiver werden, wenn Praxen schließen oder Therapeutinnen und Therapeuten ihre Kassenzulassung abgeben, trifft das vor allem gesetzlich Versicherte. Wer Geld hat, kann privat ausweichen. Wer wenig Geld hat, wartet.
Das ist der eigentliche soziale Skandal: Diejenigen, die am stärksten auf eine funktionierende gesetzliche Versorgung angewiesen sind, tragen am Ende die Folgen politischer Sparentscheidungen.
Betroffen wären besonders Menschen mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Jugendliche in Krisen, chronisch Erkrankte, Beschäftigte in belastenden Berufen und Familien, die keine privaten Ausweichmöglichkeiten haben. Eine Politik, die soziale Gerechtigkeit verspricht, darf an dieser Stelle nicht den Rotstift ansetzen.
Gerade die Regierungsparteien SPD und CDU müssen sich fragen lassen, was ihre sozialen Versprechen wert sind, wenn ausgerechnet psychotherapeutische Versorgung geschwächt wird. Die SPD beruft sich historisch auf soziale Gerechtigkeit. Die CDU spricht gerne von Verantwortung, Familie und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Beides wird unglaubwürdig, wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen faktisch länger allein gelassen werden.
“Duch diesen Abbau werden mehr Menschen sterben.”
Der Psychotherapeut David Gerhard warnt auch vor den humanitären Folgen:
„Durch diesen Abbau werden mehr Menschen sterben. Es werden die Suizidzahlen steigen.“
Das ist eine harte Aussage. Suizidraten hängen von vielen Faktoren ab. Aber klar ist: Gute psychische Versorgung ist ein zentraler Bestandteil von Suizidprävention. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt besseren Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung ausdrücklich als Baustein nationaler Suizidprävention.
Gerhard verweist zudem auf den volkswirtschaftlichen Schaden. Psychotherapie kostet Geld, aber unbehandelte psychische Erkrankungen kosten mehr: durch Arbeitsunfähigkeit, Klinikaufenthalte, Erwerbsminderung, Frühverrentung, soziale Folgekosten und verlorene Arbeitskraft.
Er sagt:
„Ungefähr 3 Euro sind es, die Sie an volkswirtschaftlichem Nutzen pro 1 Euro erzielen, den Sie in Psychotherapie investieren.“
Internationale Studien stützen diesen Grundgedanken. Die WHO verweist bei der Behandlung von Depressionen und Angststörungen sogar auf einen mehrfachen gesellschaftlichen Nutzen. Wer also bei Psychotherapie spart, spart nicht wirklich. Er verschiebt Kosten nur in andere Bereiche — oft mit menschlichem Leid als Zinsaufschlag.
Ungesehen von der Politik
Besonders bitter ist Gerhards Erfahrung mit der Politik. Er berichtet von vielen Schreiben, E‑Mails und Gesprächsangeboten:
„Ich schreibe Briefe, ich schreibe E‑Mails, ich versuche, ich mache Angebote. Gesprächsangebote.“
Auch den zuständigen Bundestagsabgeordneten Jürgen Hardt habe er eingeladen. Eine echte Reaktion sei ausgeblieben. Insgesamt habe er rund 40 Abgeordnete angeschrieben:
„Ich habe aber nur Standardantworten bekommen.“
Das ist mehr als persönliche Enttäuschung. Es ist ein demokratisches Warnsignal. Wenn Fachleute aus der Praxis fundiert auf Missstände hinweisen und nur Textbausteine erhalten, entsteht das Gefühl politischer Taubheit. Genau dieses Gefühl beschreibt Gerhard: Die Daten liegen vor, die Probleme sind bekannt, die Betroffenen sprechen — aber die Politik hört nicht wirklich zu.
Gerhard engagiert sich deshalb im Aktionsbündnis Psychotherapie, einem bundesweiten Zusammenschluss besorgter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Er beschreibt das Bündnis als entstanden aus vielen „verängstigten, frustrierten, tief enttäuschten“ Kolleginnen und Kollegen.
Das sollte zu denken geben. Wenn eine Berufsgruppe, die sonst eher leise arbeitet, öffentlich laut wird, dann ist die Lage ernst.
Gerechtigkeit zeigt sich im Wartezimmer
Psychotherapie ist keine Luxusleistung. Sie ist Teil öffentlicher Daseinsvorsorge. Sie entscheidet darüber, ob Menschen Krisen überstehen, wieder arbeiten können, Familien stabil bleiben und Erkrankungen nicht chronisch werden.
Wer hier kürzt, gefährdet nicht nur Praxen. Er gefährdet Versorgung. Er verschärft soziale Ungleichheit. Und er produziert Folgekosten, die am Ende höher sein können als jede kurzfristige Einsparung.
Gerhards Optimismus ist noch nicht verschwunden:
„Ich bin von zu Hause aus Optimist, und der Glaube und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.“
Doch Optimismus ersetzt keine Politik. Die Verantwortlichen in Bund, Land und Region sollten sich nicht länger hinter Verfahren und Standardantworten verstecken. Sie sollten zuhören — den Fachleuten, den Patientinnen und Patienten und den Zahlen.
Denn eine Gesellschaft zeigt ihre Gerechtigkeit nicht in Sonntagsreden. Sie zeigt sie dort, wo ein Mensch in Not anruft — und tatsächlich Hilfe bekommt.
Quellen:
Kassenärztliche Bundesvereinigung:
https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2026/03–12/kbv-vorstand-enttaeuscht-verguetung-psychotherapeutischer-leistungen-wird-um-fast-fuenf-prozent-gekuerzt
Deutsches Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V.
https://www.dgvt.de/aktuelles/news-details/honorarkuerzung-in-der-psychotherapie-was-hat-sich-seit-1999-veraendert-alles-ausser-dem-berechnungsmodell/
Aktionsbündnis Psychotherapie:
https://aktionsbuendnis-psychotherapie.info/
Bundespsychotherapeutenkammer:
https://www.bptk.de/
Gemeinsamer Bundesausschuss – Bedarfsplanungs-Richtlinie:
https://www.g‑ba.de/richtlinien/4/
Deutsche Rentenversicherung – Statistiken zu Erwerbsminderung:
https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Home/home_node.html
WHO: Return on Investment bei Behandlung von Depression und Angststörungen:
https://www.who.int/news/item/13–04-2016-investing-in-treatment-for-depression-and-anxiety-leads-to-fourfold-return
Chisholm et al., The Lancet Psychiatry, 2016. (Scaling-up treatment of depression and anxiety: a global return on investment analysis)
https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(16)30024–4/fulltext
WHO: LIVE LIFE – Suizidprävention:
https://www.who.int/publications/i/item/9789240026629
DAK Psychreport / TK Gesundheitsreport / BKK Gesundheitsreport / AOK-WIdO Fehlzeiten-Report:
https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2025_91766
https://www.bkk-dachverband.de/statistik/bkk-gesundheitsreport-2025
https://www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/fehlzeiten-report/2025
Bild: Privat Klaus Ulinski


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