Umfragen ersetzen keine Demokratie – warum die Stärke der AfD kein Freifahrtschein ist

Die bei­den Bei­trä­ge „Die Poli­tik darf kei­ne Angst vor einem offen­si­ven Umgang mit die­ser Par­tei haben“ haben hier im Forum eine Debat­te aus­ge­löst, die an einem Punkt beson­ders deut­lich gewor­den ist: Immer wie­der wird argu­men­tiert, die AfD sei inzwi­schen in Umfra­gen zweit­stärks­te Kraft und daher eine demo­kra­tisch legi­ti­mier­te Par­tei, mit der man sich arran­gie­ren müs­se. Wer sie kri­tisch oder kon­fron­ta­tiv behan­delt, so der Vor­wurf, ver­wei­ge­re die Aner­ken­nung des „Wäh­ler­wil­lens“.

Die­se Argu­men­ta­ti­on ist nicht nur ver­kürzt – sie ist gefähr­lich.

Denn sie beruht auf einer bewuss­ten oder unbe­wuss­ten Ver­wechs­lung von Zustim­mung mit Demo­kra­tie. Umfra­gen mes­sen Stim­mun­gen, kei­ne Ver­fas­sungs­treue. Sie sagen etwas dar­über aus, wie vie­le Men­schen einer Par­tei aktu­ell ihre Stim­me geben wür­den. Sie sagen nichts dar­über aus, ob die­se Par­tei demo­kra­ti­sche Grund­wer­te ach­tet oder unter­gräbt. Genau hier liegt der Kern des Pro­blems – und genau hier wird in vie­len Kom­men­ta­ren ein ent­schei­den­der Punkt aus­ge­blen­det.

Die AfD ist nicht ein­fach eine wei­te­re kon­ser­va­ti­ve oder pro­test­po­li­ti­sche Kraft. Sie ist eine Par­tei, deren ideo­lo­gi­scher Kern auf einem völ­ki­schen Volks­be­griff beruht, der Men­schen nach Her­kunft und Zuge­hö­rig­keit sor­tiert und damit dem Grund­ge­setz wider­spricht. Sie dele­gi­ti­miert sys­te­ma­tisch demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen, stellt die Gleich­heit der Bür­ger infra­ge und spricht offen davon, demo­kra­ti­sche Mit­tel zu nut­zen, um die Demo­kra­tie selbst zu über­win­den. Das ist kei­ne Zuspit­zung, son­dern durch zahl­rei­che Aus­sa­gen füh­ren­der AfD-Ver­tre­ter belegt. Auch von denen, die im Stadt­rat der Stadt Wer­mels­kir­chen sit­zen: Wer eine Per­so­na­lie wie Mat­thi­as Hel­fe­rich in unse­re Bür­ger­häu­ser ein­lädt (wie gesche­hen im Mai 2025) und ihm applau­diert, der zeigt, dass er sich nicht mehr auf dem Boden einer demo­kra­tisch-rechts­staat­li­chen Ord­nung ver­or­tet.

Wer ange­sichts des­sen sagt, die AfD sei allein wegen ihrer Umfra­ge­stär­ke demo­kra­tisch legi­ti­miert, stellt die Demo­kra­tie fak­tisch unter Mehr­heits­vor­be­halt. Die logi­sche Kon­se­quenz die­ser Hal­tung wäre, dass Grund­rech­te, Men­schen­wür­de und Rechts­staat­lich­keit nur so lan­ge gel­ten, wie sie popu­lär sind. Genau des­halb ist die­ses Argu­ment kein harm­lo­ser Dis­kus­si­ons­bei­trag, son­dern ein Ein­falls­tor für die Aus­höh­lung demo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en. 

Mehr­fach wur­de in den Kom­men­ta­ren – ins­be­son­de­re von Ste­fan M. Schä­fer – dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der „offen­si­ve Kampf“ gegen die AfD angeb­lich geschei­tert sei, weil die Par­tei wei­ter wach­se. Die­se Sicht­wei­se ver­kennt Ursa­che und Wir­kung. Dass eine Par­tei wächst, ist kein Beweis dafür, dass Kri­tik an ihr falsch ist. Es ist viel­mehr ein Hin­weis dar­auf, dass demo­kra­ti­sche Kräf­te zu lan­ge gezö­gert, rela­ti­viert und nor­ma­li­siert haben. Die AfD pro­fi­tiert nicht von zu viel, son­dern von zu wenig kla­rer Abgren­zung. Und viel­leicht soll­te man die abgren­zen­de „Brand­mau­er“ wirk­lich ein­rei­ßen und durch ein Par­tei­en­ver­bot erset­zen.

Natür­lich stimmt es, dass demo­kra­ti­sche Par­tei­en bes­se­re Poli­tik machen müs­sen, Ver­trau­en zurück­ge­win­nen und über­zeu­gen­de Lösun­gen anbie­ten soll­ten. Aber das ist kein Gegen­ar­gu­ment zur kla­ren Benen­nung anti­de­mo­kra­ti­scher Ideo­lo­gie. Wer meint, man müs­se die AfD „inhalt­lich stel­len“, ohne ihre Grund­an­nah­men offen zu pro­ble­ma­ti­sie­ren, ver­kennt, dass die­se Par­tei nicht pri­mär an kon­struk­ti­ver Poli­tik inter­es­siert ist, son­dern an der Dele­gi­ti­mie­rung des demo­kra­ti­schen Sys­tems selbst. Außer­dem kann man Inhal­te nur dann „stel­len“, wenn sie vor­han­den sind. Bei der AfD ist das aber nicht der Fall. For­de­run­gen allei­ne sind noch kei­ne Inhal­te, über die man spre­chen kann. Das gilt für die Wie­der­ein­rich­tung von stän­di­gen Grenz­kon­trol­len natio­na­len Gren­zen eben­so wie für den Aus­tritt aus der EU und erst recht mit der For­de­rung nach Frie­dens­ge­sprä­chen mit einem Ruß­land, dass sich mit uns schon längst in einem hybri­den Krieg befin­det.

Demo­kra­tie ist kei­ne neu­tra­le Are­na, in der jede Posi­ti­on gleich­wer­tig neben­ein­an­der­steht. Sie ist eine Wer­te­ord­nung. Und sie ist in Deutsch­land bewusst als wehr­haf­te Demo­kra­tie kon­zi­piert. Das bedeu­tet: Sie darf und muss sich gegen die­je­ni­gen ver­tei­di­gen, die sie abschaf­fen wol­len – auch dann, wenn die­se gewählt sind. Auch das hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt immer wie­der unmiss­ver­ständ­lich klar­ge­stellt.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nicht radi­kal, son­dern kon­se­quent, auch über ein Par­tei­en­ver­bot zu spre­chen. Ein Par­tei­en­ver­bot ist kein poli­ti­sches Macht­in­stru­ment, son­dern ein ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­se­he­nes Mit­tel für den äußers­ten Fall. Dar­über zu dis­ku­tie­ren ist kein Angriff auf die Demo­kra­tie, son­dern Aus­druck ihres Selbst­schut­zes. Wer die­se Debat­te reflex­haft als „unde­mo­kra­tisch“ dif­fa­miert, igno­riert bewusst, dass das Grund­ge­setz genau für sol­che Situa­tio­nen Vor­sor­ge getrof­fen hat.

Für Wer­mels­kir­chen bedeu­tet das: Die AfD ist im Stadt­rat ver­tre­ten, ja. Sie hat Man­da­te, ja. Aber dar­aus folgt kei­ne Pflicht zur poli­ti­schen Nor­ma­li­sie­rung, zur still­schwei­gen­den Akzep­tanz oder zur Scho­nung. Demo­kra­ti­sche Par­tei­en sind nicht dazu da, anti­de­mo­kra­ti­sche Posi­tio­nen höf­lich zu ertra­gen. Sie sind dazu da, sie zu benen­nen, zu wider­le­gen und ihnen poli­tisch ent­ge­gen­zu­tre­ten – offen­siv, argu­men­ta­tiv und ohne Angst. Tun das unse­re Par­tei­en in Wer­mels­kir­chen?

Wer aus Umfra­ge­wer­ten eine demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on ablei­ten will, soll­te sich ehr­lich fra­gen, ob er Demo­kra­tie als blo­ßes Mehr­heits­ver­fah­ren ver­steht oder als Ord­nung, die Men­schen­wür­de und Gleich­heit schützt – auch gegen Mehr­hei­ten. Die­se Fra­ge ent­schei­det nicht nur über den Umgang mit der AfD, son­dern über das Selbst­ver­ständ­nis unse­rer Demo­kra­tie ins­ge­samt.

Die Dis­kus­si­on dar­über ist unbe­quem.

Aber genau die­se Unbe­quem­lich­keit ist der Preis der Frei­heit

Bild: Klaus Ulin­ski

Kommentare

6 Antworten zu „Umfragen ersetzen keine Demokratie – warum die Stärke der AfD kein Freifahrtschein ist“

  1. Avatar von Demokrat
    Demokrat

    In die­sem Fall wäre es jedoch not­wen­dig, ein Ver­fah­ren zur Ver­bots­er­klä­rung für “die Lin­ke” sowie ein Ver­bot für die Anti­fa ein­zu­lei­ten. Par­tei­en, die es unter­las­sen, jede Art von Extre­mis­mus zu ver­ur­tei­len und sich klar davon abzu­set­zen, soll­ten ver­bo­ten wer­den. Dies wür­de nicht nur die demo­kra­ti­schen Wer­te schüt­zen, son­dern auch ein Zei­chen gegen Gewalt und Into­le­ranz set­zen. Eine kla­re Abgren­zung von extre­mis­ti­schen Ideo­lo­gien ist ent­schei­dend für den Erhalt eines sta­bi­len und fried­li­chen Zusam­men­le­bens. Zudem könn­te ein sol­ches Vor­ge­hen dazu bei­tra­gen, das Ver­trau­en der Bür­ger in die poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen zu stär­ken. Letzt­lich ist es die Ver­ant­wor­tung der poli­ti­schen Akteu­re, sich für eine offe­ne und respekt­vol­le Gesell­schaft ein­zu­set­zen.

    1. Avatar von Stefan Janosi
      Stefan Janosi

      “jede Art von Extre­mis­mus..” ja, da bin ich mit Ihnen d´accord. Für ein Par­tei­ver­bots­ver­fah­ren benö­tigt der Staat kla­re Aus­sa­gen die gegen unser Grund­ge­setz und zur Besei­ti­gung der demo­kra­tisch-frei­heit­li­chen Grund­ord­nung gerich­tet sind. Man mag die Ideen der Par­tei “die Lin­ke” nicht mögen, aller­dings fin­det man im Gegen­satz zur AfD, weder im Par­tei­pro­gramm noch in den Äuße­run­gen des Spit­zen­per­so­nals der Lin­ken die­se Inhal­te. Auch ver­ste­he ich nicht wie­so Anti­fa­schis­mus, nichts ande­res bedeu­tet Anti­fa, in Deutsch­land ver­bo­ten wer­den soll­te. Gra­de in Deutsch­land soll­te Anti­fa­schis­mus zur poli­ti­schen DNA gehö­ren. Und gegen­über den extre­mis­ti­schen Tätern, die unter dem Eti­kett “Anti­fa” Gewalt aus­üben, ver­fü­gen wir über genü­gend rechts­staat­li­che Mit­tel.

  2. Avatar von Philipp
    Philipp

    Word Up! Dan­ke Klaus!

  3. Avatar von Barbara Horn-Birkhölzer
    Barbara Horn-Birkhölzer

    Dan­ke!!! Das muss­te gesagt wer­den, das müss­te ver­brei­tet wer­den, das müss­te beach­tet wer­den! Dazu braucht es Klar­heit und Mut und die Fra­ge, was dazu führt, dass die­se Par­tei gewählt wird, was den ein­zel­nen Wäh­ler bewegt, war­um er sich an der Nase her­um­füh­ren lässt! Man muss mit ihnen reden aber auch Kan­te zei­gen!

  4. Avatar von Frank Hermes
    Frank Hermes

    Ich wür­de den poli­ti­schen Antrag an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, zu prü­fen, ob sich eine Par­tei, die rechts­si­cher im Ver­dacht steht und lt. Ver­fas­sungs­schutz sogar gesi­chert rechts­extrem ist (ange­foch­ten vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten), nicht Ver­bots- son­dern Prüf­ver­fah­ren nen­nen. und zwar ergeb­nis­of­fen.

    Die Pro­fis vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prü­fen das dann, wobei das BVerfG bereits ent­schie­den hat, dass Par­tei­en übli­cher­wei­se nach Erhalt der Macht ihre Ankün­di­gun­gen umset­zen. Ein Blick in die USA reicht.

  5. Avatar von Stefan Janosi
    Stefan Janosi

    Dem kann ich kaum etwas hin­zu­fü­gen. in einer Demo­kra­tie wird demo­kra­tisch gewählt, d.h. aber nicht das auch im Kern anti­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en, genau die­ses Prin­zip nut­zen um die Demo­kra­tie aus­zu­höh­len und abzu­schaf­fen. Zur Erin­ne­rung: die NSDAP wur­de auch demo­kra­tisch gewählt.

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