FREIE WÄHLER: Bauchgefühl und Analyse

Mei­nungs­bei­trag von Klaus Ulin­ski

In der aktu­el­len Debat­te um die Pres­se­mit­tei­lung von Zukunft Wer­mels­kir­chen (sie­he Bei­trag: “Sicher­heit erfin­den”) wird auf­fal­lend groß­zü­gig mit dem Begriff „Ana­ly­se“ umge­gan­gen. Die Vor­sit­zen­de der FREIEN WÄHLER, Anja Gün­ter­mann, erklärt nun in einer Stel­lung­nah­me, man tei­le „grund­sätz­lich die von ZUKUNFT erar­bei­te­te Ana­ly­se der Lage“.

Ana­ly­se – Welch ein gro­ßes Wort!

Doch was hier als Ana­ly­se bezeich­net wird, ist bei genaue­rem Hin­se­hen vor allem eines: die poli­ti­sche Auf­wer­tung eines Bauch­ge­fühls.

Ein Bauch­ge­fühl ist ein sub­jek­ti­ves Emp­fin­den. Im Kon­text der Sicher­heit ent­steht es aus Ein­drü­cken, Erzäh­lun­gen, Stim­mun­gen. Es ist per­sön­lich und nicht über­prüf­bar. Eine Ana­ly­se dage­gen arbei­tet mit offen­ge­leg­ten Daten, kla­ren Kri­te­ri­en und nach­voll­zieh­ba­rer Metho­dik. Sie fragt nach kon­kre­ten Delik­ten, nach Ent­wick­lun­gen über Jah­re, nach räum­li­chen Schwer­punk­ten, nach Ursa­chen und Wirk­sam­keit mög­li­cher Maß­nah­men. Sie trennt strikt zwi­schen Emp­fin­den und Fak­ten­la­ge.

Nun, zuge­ge­ben: Nicht nur im Trum­pis­mus die­ser Zei­ten bezieht man sich hier­bei das eine oder ande­re Mal auf „alter­na­ti­ve Fak­ten“. Viel­leicht erlie­gen die Wer­mels­kir­che­ner Anhänger*innen des Bauch­ge­fühls genau die­sem Trum­pis­mus?

Wer bei­des ver­mischt, ersetzt Bewer­tung durch Behaup­tung.

Beson­ders deut­lich wird das bei der For­de­rung von Frau Gün­ter­mann nach mehr Video­über­wa­chung (CCTV = Clo­sed-Cir­cuit Tele­vi­si­on). Es wird sug­ge­riert, ande­re Län­der hät­ten „ein­drucks­voll bewie­sen“, dass sich Sicher­heits­pro­ble­me groß­flä­chig durch Kame­ras lösen las­sen. Die For­schung zeich­net ein ande­res Bild.

Die 40-Jah­re-Meta-Ana­ly­se von Welsh und Far­ring­ton kommt zu dem Ergeb­nis, dass CCTV Kri­mi­na­li­tät mode­st, also gering, aber sta­tis­tisch signi­fi­kant redu­zie­ren kann – vor allem bei Eigen­tums­de­lik­ten in klar abge­grenz­ten Berei­chen wie Park­plät­zen. Von einer gene­rel­len Lösung für Innen­städ­te ist kei­ne Rede.

Quel­le: Welsh, B.C. & Far­ring­ton, D.P. (2019).CCTV Sur­veil­lan­ce for Crime Pre­ven­ti­on: 40-Year Sys­te­ma­tic Review & Meta-Ana­ly­sis. U.S. Depart­ment of Jus­ti­ce.

Die Camp­bell Col­la­bo­ra­ti­on bestä­tigt: Reduk­tio­nen bei bestimm­ten Eigen­tums­de­lik­ten, kein signi­fi­kan­ter Effekt auf Gewalt­kri­mi­na­li­tät.

Quel­le: Welsh, B.C. & Far­ring­ton, D.P. (2009, aktua­li­siert 2018).Effects of Clo­sed-Cir­cuit Tele­vi­si­on Sur­veil­lan­ce on Crime. Camp­bell Sys­te­ma­tic Reviews.

Auch das Col­lege of Poli­cing kommt im Crime Reduc­tion Tool­kit zu einem nüch­ter­nen Befund: Im Schnitt rund 13% weni­ger Straf­ta­ten an über­wach­ten Orten – mit deut­lich bes­se­ren Effek­ten nur in Kom­bi­na­ti­on mit wei­te­ren Maß­nah­men wie Beleuch­tung oder Per­so­nal.

Die wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­ge ist klar: Video­über­wa­chung kann unter bestimm­ten Bedin­gun­gen wir­ken, sie ist aber kein All­heil­mit­tel und kein Ersatz für struk­tu­rier­te Sicher­heits­ar­beit.

Wer den­noch aus einem dif­fu­sen Unsi­cher­heits­ge­fühl weit­rei­chen­de poli­ti­sche For­de­run­gen ablei­tet und dabei den Ein­druck erweckt, die Evi­denz sei ein­deu­tig, betreibt kei­ne Ana­ly­se, son­dern Stim­mungs­po­li­tik. Und das mit dem Hand­werk der Popu­lis­ten. Sicher­heits­po­li­tik auf Basis von Bauch­ge­fühl mag schnell Schlag­zei­len pro­du­zie­ren. Nach­hal­ti­ge Lösun­gen ent­ste­hen nur dort, wo Emp­fin­den und Fak­ten sau­ber getrennt und Ent­schei­dun­gen auf über­prüf­ba­re Erkennt­nis­se gestützt wer­den.

Foto: Privat/ Klaus Ulin­ski

Bewer­te die­sen Post!
[Gesamt: 0 Durch­schnitt: 0]

Kommentare

Hinweis der Redaktion

Für den Inhalt der Kommentare sind ausschließlich die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Die in den Kommentaren geäußerten Meinungen geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion von forumwk.de wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu prüfen, zu bearbeiten, zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht. Kommentare, die gegen geltendes Recht, die Netiquette (siehe „Wir über uns“) oder die redaktionellen Grundsätze von forumwk.de verstoßen, werden nicht veröffentlicht bzw. können nachträglich entfernt werden. Gleiches gilt für Beiträge und Kommentare, die keinen direkten Bezug zu den auf forumwk.de veröffentlichten Inhalten haben.

4 Kommentare zu „FREIE WÄHLER: Bauchgefühl und Analyse“

  1. Avatar von Jan Paas
    Jan Paas

    Wie war das noch? 2 Brand­se­ri­en in der Innen­stadt und kein Sicher­heits­pro­blem? Nur mit Glück kei­ne Toten. Und muss man bei dem The­ma Sicher­heit wirk­lich abwar­ten, bis etwas schlim­mes pas­siert? Sicher­heit ist eine zen­tra­le Grund­la­ge für Lebens­qua­li­tät, Ver­trau­en und gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt. Kom­mu­nal­po­li­ti­ker tra­gen Ver­ant­wor­tung für das unmit­tel­ba­re Lebens­um­feld der Men­schen – von öffent­li­chen Plät­zen über Ver­kehr bis hin zu Prä­ven­ti­ons­an­ge­bo­ten. Sich aktiv mit dem The­ma Sicher­heit aus­ein­an­der­zu­set­zen bedeu­tet daher nicht Alar­mis­mus, son­dern vor­aus­schau­en­de, ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Poli­tik im Inter­es­se aller Bür­ge­rin­nen und Bür­ger.

    0
    0
    1. Avatar von Lutz Balschuweit

      Natür­lich ist Sicher­heit eine zen­tra­le Grund­la­ge für Lebens­qua­li­tät, Ver­trau­en und gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt. Genau des­halb soll­te man bei die­sem The­ma beson­ders sorg­fäl­tig und nüch­tern argu­men­tie­ren. Zwei Brand­se­ri­en in der Innen­stadt sind ernst zu neh­men und müs­sen kon­se­quent auf­ge­klärt wer­den. Aber ein­zel­ne, wenn auch besorg­nis­er­re­gen­de Vor­fäl­le bedeu­ten nicht auto­ma­tisch, dass ins­ge­samt ein struk­tu­rel­les Sicher­heits­pro­blem besteht oder dass eine Stadt pau­schal als unsi­cher gel­ten muss.

      Wenn aus ein­zel­nen Ereig­nis­sen sofort ein gene­rel­ler Kon­troll­ver­lust abge­lei­tet wird, ent­steht schnell ein ver­zerr­tes Bild der tat­säch­li­chen Lage. Das kann para­do­xer­wei­se das Sicher­heits­ge­fühl stär­ker beschä­di­gen als die Vor­fäl­le selbst. Wer per­ma­nent betont, wie gefähr­lich alles gewor­den sei, trägt womög­lich dazu bei, Angst zu ver­stär­ken – auch dort, wo die objek­ti­ven Zah­len das nicht her­ge­ben.

      Zudem besteht die Gefahr, dass unter dem Ein­druck aku­ter Ereig­nis­se Maß­nah­men beschlos­sen wer­den, die vor allem sym­bo­lisch wir­ken, aber wenig zur lang­fris­ti­gen Prä­ven­ti­on bei­tra­gen. Mehr Über­wa­chung oder repres­si­ve Schrit­te klin­gen ent­schlos­sen, bin­den jedoch Res­sour­cen, die an ande­rer Stel­le – etwa in Prä­ven­ti­ons­ar­beit, Jugend­ar­beit oder sozia­ler Infra­struk­tur – nach­hal­ti­ger wir­ken könn­ten. Sicher­heit ent­steht nicht nur durch Kon­trol­le, son­dern auch durch sta­bi­le sozia­le Struk­tu­ren.

      Vor­aus­schau­en­de Poli­tik heißt, Risi­ken ernst zu neh­men, ohne sie zu dra­ma­ti­sie­ren. Sie bedeu­tet, Ent­wick­lun­gen anhand von Daten zu bewer­ten, Ursa­chen zu ana­ly­sie­ren und ver­hält­nis­mä­ßi­ge Maß­nah­men zu ergrei­fen. Sicher­heit ist wich­tig – aber eben­so wich­tig ist es, mit Augen­maß zu han­deln, damit aus berech­tig­ter Sor­ge kein Kli­ma der Über­trei­bung ent­steht, das am Ende Ver­trau­en und Zusam­men­halt eher schwächt als stärkt.

      0
      0
  2. Avatar von Henning Rehse
    Henning Rehse

    Na, da sind wir doch froh und dank­bar, dass das Forum sei­nem Bil­dungs­auf­trag durch redak­tio­nel­le Hin­wei­se nach­kommt 😂🙈😂🙈😂🙈

    0
    0
  3. Avatar von Henning Rehse
    Henning Rehse

    „Popu­lus, i mask.“ ist Latein und bedeu­tet „Volk“.
    „Demo­kra­tie“ ist Grie­chisch und bedeu­tet “Herr­schaft des Vol­kes”.
    Ein Popu­list ist folg­lich ein Poli­ti­ker, der sich dar­um küm­mert, dass die Mei­nung des Vol­kes Gehör fin­det, beach­tet und mög­lichst auch umge­setzt wird.
    Ein aus Sicht bestimm­ter poli­ti­scher Krei­se ist ein Popu­list also ein ganz „schlim­mer“ poli­ti­scher Zeit­ge­nos­se.
    Wür­de es in der Poli­tik und hier vor allem in den eta­blier­ten Par­tei­en der so genann­ten demo­kra­ti­schen Mit­te jedoch mehr Popu­lis­ten geben, sähen Wahl­er­geb­nis­se anders aus.
    Das hat wie an ande­rer Stel­le in die­sem Forum aus­ge­führt auch der der Innen­mi­nis­ter erkannt. Dies hat der Autor offen­bar jedoch über­le­sen oder igno­riert.

    Redak­tio­nel­ler Hin­weis:
    Der Begriff *Popu­lis­mus* (von latei­nisch *popu­lus* = „Volk“) wird in der Poli­tik­wis­sen­schaft nicht wert­neu­tral im Sin­ne von „volks­nah“ ver­wen­det. Er bezeich­net eine poli­ti­sche Hal­tung oder Stra­te­gie, die gesell­schaft­li­che Pro­ble­me stark ver­ein­facht dar­stellt und dabei einen Gegen­satz zwi­schen einem ver­meint­lich homo­ge­nen „Volk“ und einer als kor­rupt oder abge­ho­ben dar­ge­stell­ten „Eli­te“ kon­stru­iert. Popu­lis­mus kann sowohl in unter­schied­li­chen poli­ti­schen Rich­tun­gen auf­tre­ten als auch mit demo­kra­ti­schen oder anti­de­mo­kra­ti­schen Posi­tio­nen ver­bun­den sein. Die blo­ße Bezug­nah­me auf den „Volks­wil­len“ ent­spricht daher nicht der gän­gi­gen wis­sen­schaft­li­chen Defi­ni­ti­on des Begriffs.

    Demo­kra­tie bedeu­tet wört­lich „Herr­schaft des Vol­kes“ (grie­chisch: dēmo­kra­tía). Prak­tisch heißt das aber nicht, dass jede Ent­schei­dung sofort genau so umge­setzt wird, wie die Mehr­heit sie gera­de will. Moder­ne Demo­kra­tien funk­tio­nie­ren über gewähl­te Ver­tre­ter, Par­la­men­te, Geset­ze und unab­hän­gi­ge Gerich­te. Sie sor­gen dafür, dass Ent­schei­dun­gen fair getrof­fen wer­den, Min­der­hei­ten­rech­te geschützt sind und die Macht nicht ein­sei­tig aus­ge­übt wird. Demo­kra­tie bedeu­tet also, dass das Volk die Rich­tung bestimmt, aber auf geord­ne­te und recht­lich abge­si­cher­te Wei­se.

    0
    0