Ein Weg, viele Begegnungen, ein Dankeschön
Ein Reisebericht von einem Pilger aus Wermelskirchen
Folge 4
3. Etappe 29.04.2017 Larrasoana (143 EW) nach Cizur Menor (2.113 EW)
Streckenlänge 20,0 km, Übernachtung Albergue de Maribel (priv. Herberge) 10,00 Euro. Bisherige Gesamtkilometer 74,0.
Aufstehen, Waschen, Zähne putzen und den Rucksack packen. Das sind die Rituale der nächsten Wochen. Schlafen, so recht bis schlecht, die Geräuschkulisse in den Mehrbettzimmern, mehr als gewöhnungsbedürftig…..aber es geht, es muss gehen. Schnarchgeräusche von sanft bis sägen, Bettgequietsche und sonstige Geräusche gehören zu den nächtlichen Gegebenheiten und nichts für schwache Nerven.
Die ersten Pilger machen sich morgens gegen halb sechs fertig, die Stirnlampe an, packen und dann abmarschieren. Dieses Ritual zieht sich dann durch bis sieben halb acht. Gefrühstückt wird dann meistens am nächsten Ort. Also nüchtern losgehen, eine Stunde oder auch länger bis zur nächsten Bar und dann endlich, Kaffee con leche, Orangensaft, Bocadillo (Sandwich mit Käse oder Schinken), Tortilla usw.
Heute geht’s nach Cizur Menor, eine kurze Etappe mit dem Ziel, Pamplona zu besichtigen, dort etwas zu verweilen und dann weiter nach Cizur Menor zu wandern.

Die Landschaft ähnelt sich wie am Vortag, das Wetter zeigt sich wieder von seiner guten Seite. Wir drei sind einfach gut drauf und lassen es uns in Pamplona gut ergehen. Leckeres Essen, Paella und einen Rosato, es können auch zwei Flaschen gewesen sein.
Am späten Nachmittag treffen wir Hans aus Dänemark, etwas orientierungslos wie uns scheint. Sein Mitpilger, er hatte ihn unterwegs kennengelernt, hatte Knieprobleme und liegt im Krankenhaus. Wir nehmen Hans einfach mit….er scheint glücklich zu sein. So ist das, auf der ersten Etappe hat er mir geholfen und jetzt umgekehrt…..so sollte es wohl sein. In Cizur Menor angekommen, suchen wir unsere Herberge auf, dann das übliche Ritual…….duschen, waschen, Körper- und Fußpflege.
Sollen wir zusammen kochen, diese Frage tauchte auf, ein Ehepaar aus Philadelphia organisierte den Rest, Teilnehmer, Einkaufen, Kochen….so einfach ist das. Es gab Salat, Nudeln, Sauce und entsprechende Getränke, jeder nach seinem Geschmack.

Einfach klasse, wildfremde Menschen an einem Tisch, alles unkompliziert und Multikulti. Mein erster Gedanke…..Politiker können von uns lernen.
Und meine erste Pilgermesse, um 19:30 in der kleinen Dorfkirche, waren viele Pilger aus verschiedenen Nationen anwesend. In der Kirche bin ich erstmals, so mein Eindruck, zur Ruhe gekommen.

Mein bisheriges Leben habe ich in 45 Minuten kurz Revue passieren lassen und meine Gedanken waren bei meiner Frau und den Kindern. Es gehen einem viele Gedanken durch den Kopf, die Kirche, obwohl ich nicht der gläubige Christ bin und nicht regelmäßig in die Kirche gehe, hat was. Das innehalten, die Gedanken schweifen lassen und die Ruhe geben einem wieder Kraft. Nach der Messe sind wir dann in eine Bar gegangen, um noch einen Absacker zu trinken. Nicht nur der Wein und der Carlos Primero sondern auch der Serrano-Schinken waren köstlich.
4. ETAPPE 30.04.2017 Cizur Menor (2.113 EW) nach Puente la Reina (2.807 EW)
Streckenlänge 23,0 km, Übernachtung Albergue Santiago Apostel (priv. Herberge) 12,00 Euro, Bisherige Gesamtkilometer 97,0.
Aufstehen und weiter, diesmal nach Puente la Reina. Im Morgengrauen sind wir losgegangen. Der Himmel war ziemlich bedeckt, die Temperatur um fünf Grad Celsius und es war sehr, sehr windig. Der Weg schlängelte sich auf asphaltierten Straßen aus dem Ort hinaus. Dann ging es ca. fünf Kilometer weiter über Schotterpisten und leicht bergauf bis zum nächsten Ort, Zariquiegui.
Klaus hatte leichte Kreislaufbeschwerden und ist dann langsamer gegangen. Klaus, dass muss man sagen, war uns immer ein Schritt voraus. Irene hat mit ihm geschimpft, er sollte doch langsamer gehen. Das hat er dann auch zähneknirschend gemacht. Man muss sich langsam daran gewöhnen, die Kilometer und das Gewicht des Rucksacks kommt noch hinzu. Um es vorwegzunehmen, Klaus hatte sich schnell erholt und war bis zum Ende der Pilgerfahrt weiterhin ein Pacemaker und lief immer vor. Jeder hat halt eben seinen eigenen Schritt.
Die Landschaft schien sich zu verändern, rechts und links nur Kornfelder, endlos weit. Nicht nur die Landschaft, sondern auch ich. Meine Gedankenwelt musste ich zuerst einmal sortieren, wo fange ich an und wo höre ich auf. Das war gar nicht so einfach, aber.…der Weg ist noch lang. Erste Priorität war ankommen, dazu gehörte die Umstellung auf das tägliche Laufen, das Gewicht vom Rucksack und meine Gedankenwelt erst mal ruhen lassen, eins nach dem anderen!!
Durch den Wind wiegen sich die Ähren hin und her. Ein tolles Naturschauspiel, man muss sich nur das Meer vor Augen halten mit seinem Wellengang. Das sind Momente, die begeistern und Kraft geben.

Weiter geht der Weg zum Alto del Perdon(Berg der Vergebung), der Aufstieg beträgt nur ca. 260 Höhenmeter und zieht sich, der starke Wind tat sein Übriges. Oben angekommen hat man einen herrlichen Ausblick über die Ebene und man sieht vor sich auf den umliegenden Höhen etliche Windräder, ein Windpark.

Da oben ist es so windig, dass mir die Regenhaube vom Rucksackweggeflogen ist. Ein Pilger aus Korea spurtete hinterher und konnte die Regenhaube noch vor dem steilen Abhang auffangen, wie ein Torwart, der einen Hechtsprung macht.
Eine junge Dame verteilte dort oben ein kleines Zettelchen, gedruckt mit blauem Hintergrund und gelben Pfeil und dem Text “Buen Camino.…auf der Rückseite steht…“We met here on 28th April 2009. “We married on 28th of April 2017”, Buen Camino.
Wieder so ein Glückstag für mich, der 28. April.…..mein Geburtstag.
Mit dem Alto de Perdon verlassen wir die Ausläufer der Pyrenäen. Der Abstieg ist kritisch, Anfangs ist der Weg steil und steinig und geht dann über einen lehmigen Weg. Das Wetter hat bisher Stand gehalten und wir haben Glück gehabt. In Obanos, kurz vor Puente la Reina ist es dann soweit, Regen. Zum ersten Mal wird der gute Kraxenponcho benutzt.…..und er hält was er verspricht.
In Puente la Reina angekommen, gehen wir durch die Altstadt über die historische Brücke zur privaten Herberge Santiago Apostol. Hier mieten wir uns eine Holzhütte, Platz genug für uns alle. Jetzt zuerst einmal durchschnaufen, die nassen Sachen aufhängen, duschen, Körperpflege, ein wenig ruhen, Tagebuch schreiben und danach Richtung Altstadt zum Abendessen. Gut, dass ich die Wäscheleine und die Klammern dabei hatte, meine Mitpilger waren begeistert. Der Ort verdankt seinen Namen der Brücke, die im Auftrag der Königin von Navarra im 11. Jahrhundert gebaut wurde, um den Pilgern die Querung des Flusses Arga zu erleichtern.

Neugierig auf die nächste Folge, sie erscheint in 2 Tagen.
Quellen: Es ist Zeit für den Jakobsweg, Outdoor Camino Francés. Die Informationen zur Geschichte des Jakobswegs und von Santiago de Compostela beruhen auf der offiziellen Website des Pilgerbüros in Santiago de Compostela, der Jakobsweg Zentrale “Dein Pilger Magazin”, der UNESCO, sowie ergänzender Fachliteratur wie Ausschnitte aus Längsschnittstudie zu Lebenssinn & Lebensbedeutungen bei Pilgern des Jakobsweges und bei der Verwendung von Texten und Informationen wurden von mir bekannten Quellen- und Urheberangaben verwendet.
PS. Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen geändert und die im Reisebericht verwendeten Bilder stammen überwiegend von mir bzw. vereinzelt von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Reise. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden die Gesichter einzelner abgebildeter Personen unkenntlich gemacht. Bei der Verwendung von Texten und Informationen wurden von mir bekannten Quellen- und Urheberangaben verwendet.
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