Am Abend des 6. September stand eine Zahl im Raum, an der sich nichts beschönigen ließ: 43,8 Prozent. Die AfD war nicht nur knapp stärkste Kraft geworden, sondern mit weitem Abstand, und sie hatte ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt. In den Wortmeldungen der Nacht und der folgenden Tage kehrte ein Begriff immer wieder: Erschütterung. Er trifft die Stimmung, und doch führt er ein wenig in die Irre. Eine Erschütterung kommt plötzlich. Was sich in Sachsen-Anhalt gezeigt hat, hat einen langen Anlauf genommen, und einige seiner Ursachen liegen näher an Wermelskirchen, als uns lieb sein kann.
Zwei Entwicklungen sind über Jahre nebeneinander hergelaufen, ohne dass man sie oft zusammen betrachtet hätte. Die erste Entwicklung beschreibt die OECD. Die Lesekompetenz fünfzehnjähriger Schülerinnen und Schüler sinkt im Mittel der Industrieländer seit etwa 2012. Und dieser Rückgang beschleunigt sich. Besonders aufschlussreich ist eine Teilgröße: der Anteil jener, die einen Text nur noch überfliegen und dann rasch, aber falsch antworten. Er hat sich zwischen 2018 und 2025 beinahe verdoppelt. Als mögliche Ursache nennt die OECD mit hörbarer Vorsicht die Verlagerung des Lesens in die digitale Welt, das rasche Durchblättern endloser Nachrichtenströme, die Gewöhnung an kurze, sofort verständliche Reize. Bewiesen ist dieser Zusammenhang nicht, die OECD stellt dies selbst ausdrücklich fest. Aber sie hält ihn für plausibel genug, um ihn zur bildungspolitischen Kernfrage zu erklären.
Die zweite Entwicklung ist der politische Erfolg im Netz. Keine Partei ist in den sozialen Netzwerken so wirksam wie die AfD. Die erreicht dort ein Publikum, dass die übrigen Parteien über Jahre kaum angesprochen haben, vor allem junge Männer. Man kann das für ein handwerkliches Versäumnis der anderen halten. Man kann darin aber auch eine Strategie erkennen, die sehr genau weiß, was sie tut.
Wer diese Strategie verstehen will, kommt an einem Namen nicht vorbei, der in den vergangenen Wochen häufiger gefallen ist: Antonio Gramsci. Der italienische Sozialist, in den 20er und 30er Jahren von Mussolini eingekerkert und gefoltert, hat in seinen sogenannten „Gefängnisheften“ eine Einsicht formuliert, die heute vor allem von Rechts gelesen wird. Politische Macht, so Gramsci, entscheidet sich nicht zuerst in den Parlamenten, sondern in dem, was man den „Vorpolitischen Raum“ nennen kann: in den Gewohnheiten, Gefühlen und Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft. Wer dort die Deutung bestimmt, wer als die identitätsstiftende Kraft wahrgenommen wird, gewinnt die Wahlen später fast von selbst. Gramsci stellt fest: Bevor man herrschend wird, muss man führend werden.
Diese Lehre haben die Vordenker der neuen Rechten sorgfältig studiert. Der Österreicher Martin Sellner hat den Satz geprägt, sie seien alle rechte Gramscianer. Götz Kubitschek betreibt von seinem Verlag im sächsischen Schnellroda aus seit Jahren nichts anderes als das, was in diesen Kreisen „Metapolitik“ heißt: die geduldige Arbeit an der Stimmung, lange vor dem Stimmzettel.
Erinnern wir uns an jenen als harmlos angekündigten Gesprächsabend, zu dem die hiesige AfD im vergangenen Jahr einen gewissen Matthias Helferich in die Wermelskirchener Bürgerhäuser geladen hatte; auch dort, im biederen Rahmen der Stuhlreihen, stand nichts anderes auf dem Vortragsplan als die planmäßige Bearbeitung des sogenannten „politischen Vorfeldes“, dargeboten von einem Mann, der sich einst, und man muß sich dieses Satzes in seiner ganzen Kälte vergewissern, selbst „das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ genannt hat. Ist es wirklich ein Zufall, dass dieselbe Strategie, die andernorts in Kubitscheks Programmschriften nachzulesen ist, ausgerechnet in unseren Bürgerhäusern ihr Publikum sucht?
Diese Leute – Helferich, Sellner, Kubitschek, Weidel und wie sie alle heißen – führen nun beide Entwicklungen zusammen; und man muss ihnen, so ungern man es tut, eine gewisse Klarsicht zugestehen. Der Ort, an dem die „kulturelle Hegemonie“ im Sinne eines Antonio Gramsci heute erkämpft wird, ist längst nicht mehr der Debattiersaal, sondern der endlose Nachrichtenstrom auf dem Bildschirm. Ein Medium, das den flüchtigen Blick belohnt und die prüfende Lektüre bestraft; ein Medium, das jene Botschaften begünstigt, die über Zugehörigkeit, Empörung und die Verheißung einfacher Lösungen wirken, und jene benachteiligt, die dem Leser eine Abwägung zumuten. Eine Öffentlichkeit aber, die sich das gründliche Lesen erst abgewöhnt und dann verlernt hat, ist für die eine Art von Politik empfänglich und gegen die andere beinahe schon immun. Muss man sich da noch wundern, dass die Rechnung aufgeht?
Doch dieser Gedanke bedarf sogleich einer Schutzwehr gegen das nächstliegende Missverständnis; denn er behauptet gerade nicht, dass die Wählerinnen und Wähler der AfD des Lesens nicht mächtig wären. Eine solche Herablassung wäre nicht bloß falsch – sie wäre haargenau jener belehrende Ton, mit dem die politische Mitte über Jahre hinweg die Menschen von sich fortgetrieben hat. Die AfD gewinnt ihre Stimmen auch unter Abiturienten und Hochschulabsolventen, nur eben spärlicher; und die Wahlforschung führt ihren Erfolg zuallererst auf handfeste Gründe zurück, auf die wirtschaftliche Unsicherheit, auf das Gefühl ostdeutscher Zurücksetzung, auf den Vertrauensverlust in die Bundespolitik. Der Zusammenhang zwischen Lesefähigkeit und Wahlverhalten bleibt, was er ist: eine Vermutung, kein Nachweis.
Aber es ist eine Vermutung, die sich schwer beiseiteschieben lässt. Denn die Gruppe, die PISA am deutlichsten von der abnehmenden Lesekompetenz betroffen sieht, junge Menschen mit niedrigem formalem Abschluss, ist zugleich die Gruppe, in der die AfD in Sachsen-Anhalt ihre höchsten Werte erreichte, deutlich über sechzig Prozent. Wer über Jahre lernt, Texte nur zu überfliegen, dem fehlt später womöglich das Werkzeug, eine geschickt gebaute Erzählung als das zu erkennen, was sie ist.
Was folgt daraus für Wermelskirchen? Zunächst die Einsicht, dass der vorpolitische Raum auch hier existiert und dass er nicht leer bleibt. Wo die Parteien der Mitte vor Ort nicht sichtbar sind, wo sie zwischen den Wahlkämpfen nicht auf den Markt, im Verein, bei Volksfesten stehen, entsteht eine Lücke, die andere besetzen. Die Beobachtung, dass die AfD in ländlichen Regionen mit Bierbänken und Bratwurst ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt, dass die etablierten Parteien dort längst aufgegeben haben, stammt nicht von ihren Gegnern, sondern aus nüchterner Reportage. Kommunalpolitik kann diesen Raum nicht mit Broschüren oder Briefwurf-Sendungen zurückgewinnen. Sie kann ihn nur mit Präsenz und mit dauerhafter Infrastruktur füllen. Dazu gehört die Stadtbücherei, die Kulturinitiativen, die Musikschule, die keine freiwilligen Leistungen sind, an die man im Haushalt zuerst denkt, wenn gespart werden muss, sondern sie sind jeweils eine demokratische Einrichtung. Und dazu gehören auch Jugendzentren, Vereinsförderung und Volkshochschule, all das, was Menschen zusammenbringt und was den langen Atem des Lesens und des Gesprächs einübt. Wer hier kürzt, wird an der Widerstandskraft der Bürgergesellschaft.
Der zweite Schluss betrifft die Schule, und hier reicht die Verantwortung über Wermelskirchen hinaus, bis nach Düsseldorf. Nordrhein-Westfalen schleppt seit Jahren dieselben Übel mit sich: den ausfallenden Unterricht, die fehlenden Lehrkräfte, die Schulgebäude, deren Sanierungsstau längst in die Milliarden geht. Das Bergische Land, mit seinen verstreuten Ortschaften, seinen weiten Schulwegen und seinen notorisch klammen Kassen, bekommt das mit besonderer Härte zu spüren. Und PISA hält Deutschland einen unbequemen Befund vor: kaum irgendwo sonst hängt die Schulleistung so eng an der sozialen Herkunft, fast ein Fünftel aller Leistungsunterschiede erklärt sich allein aus dem Elternhaus. Ein Schulsystem, das diese Verkettung nicht lockert, bringt Jahr für Jahr junge Menschen hervor, die einen Text nur noch überfliegen; und es bringt sie mit trauriger Verlässlichkeit dort hervor, wo die Verhältnisse ohnehin die schwierigsten sind. Für eine Stadt wie Wermelskirchen, die ihre Grund- und weiterführenden Schulen selbst trägt und in Mauern, Ausstattung und Schulsozialarbeit investieren muss, ist dies keine abstrakte Statistik, sondern eine Aufgabe, die vor der eigenen Haustür beginnt.
Bildungspolitik ist damit nicht das weiche Nachbarthema der Demokratiepolitik, sondern ihr Kern. Jede nicht besetzte Lehrerstelle, jede geschlossene Zweigstelle einer Bücherei, jede gestrichene Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag ist eine kleine Räumung des vorpolitischen Raums, und irgendwer wird ihn wieder möblieren – vielleicht mit Mobiliar, das wir nicht wollen.
Am Ende bleibt eine unbequeme Frage. Die AfD hat sich über ein gutes Jahrzehnt hinweg geduldig einen Zugang zu den Gemütern erarbeitet, während die anderen sich auf die Institutionen verließen; sie hat begriffen, dass man führend sein muss, ehe man herrscht. Wenn der demokratischen Mitte darauf nichts Besseres einfällt als die Erschütterung über das Ergebnis, dann hat sie auch diesen Text nur flüchtig gelesen.
Quellen:
OECD (2026): PISA 2025 Ergebnisse (Band I – auszugsweise Übersetzung): Bereit für die Zukunft?, OECD Publishing, Paris.
Konrad-Adenauer-Stiftung (2026): Wahlanalyse der Landtagswahl Sachsen-Anhalt am 6. September 2026.
Forschungsgruppe Wahlen (2026): Wahlanalyse Sachsen-Anhalt.
Die Ausführungen zu Antonio Gramsci und zur kulturellen Hegemonie folgen unter anderem einem Gespräch der Podcastreihe „Lanz & Precht” (ZDF) aus der Woche vor der Wahl.
Thomas Barfuss: Antonio Gramsci zur Einführung
Zur Präsenz der AfD im ländlichen Raum: Olaf Sundermeyer, „Blaues Land” (RBB).
Foto: Klaus Ulinski privat


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