Übergänge – Folge 2 

Das Amt und die Ände­rung

Wer „Digi­ta­li­sie­rung der Ver­wal­tung” hört, denkt an neue Pro­gram­me, an For­mu­la­re im Netz, an eine Anwen­dung für das Mobil­te­le­fon. Das gehört dazu. Aber wer glaubt, damit sei die Auf­ga­be umris­sen, unter­schätzt sie gründ­lich. Ein Amt, das digi­tal arbei­tet, ist nicht das­sel­be Amt mit schnel­le­rem Anschluss; es denkt anders, es ord­net anders, es spricht anders mit den Men­schen, für die es da ist. Und genau das ist der schwie­ri­ge Teil.

Man kann eine Neue­rung näm­lich auf zwei Arten ein­füh­ren. Man kann sie nut­zen, um Abläu­fe zu ver­ein­fa­chen, die sich bewährt haben – oder man kann sie in die alten, klein­tei­li­gen Regel­wer­ke pres­sen und den Vor­gang dadurch noch umständ­li­cher machen als zuvor. Das zwei­te geschieht häu­fi­ger, als man denkt. Wer je erlebt hat, wie eine gut gemein­te Soft­ware eine Erzie­he­rin dazu zwingt, jede Vier­tel­stun­de ihres Tages zu doku­men­tie­ren, weiß, wovon die Rede ist: am Ende ist die Tech­nik neu und die Arbeit müh­sa­mer, und nie­mand ist zufrie­den, am wenigs­ten die, die den Beruf aus Über­zeu­gung gewählt haben.

Was erwar­ten die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger? Nicht viel, eigent­lich. Dass ein Antrag ver­ständ­lich ist. Dass man fin­det, was man sucht. Dass ein Anlie­gen nicht drei Wege und zwei War­te­zei­ten kos­tet. Der All­tag der meis­ten Men­schen ist längst so ein­ge­rich­tet, dass eine Über­wei­sung in Sekun­den erle­digt und ein Paket auf der Land­kar­te zu ver­fol­gen ist; die Erwar­tung, dass eine Ummel­dung ähn­lich rei­bungs­los gelingt, ist kei­ne Anma­ßung, son­dern der schlich­te Ver­gleich mit dem übri­gen Leben.

Wer­mels­kir­chen hat die­se Debat­te bereits geführt, unter der Über­schrift, die Stadt müs­se auf­wa­chen, bevor ande­re über sie ent­schei­den. Der Ton war zuge­spitzt, das Anlie­gen war rich­tig. Denn Digi­ta­li­sie­rung ist kei­ne Fra­ge des guten Wil­lens ein­zel­ner Mit­ar­bei­ter, die in aller Regel ihr Bes­tes geben, son­dern eine Fra­ge der Struk­tur: Wer ent­schei­det, wel­ches Ver­fah­ren weg­fällt? Wer traut sich eine Vor­schrift zu strei­chen, statt eine zwei­te dane­ben­zu­stel­len? Wer sorgt dafür, dass die Fach­leu­te an den Schal­tern gehört wer­den, wenn ein Ablauf neu geschnit­ten wird?

Ein letz­tes noch. Die Ver­su­chung, Erneue­rung als rei­ne Anschaf­fung zu ver­ste­hen, ist groß, weil eine Anschaf­fung sicht­bar ist und eine Kul­tur­än­de­rung nicht. Ein neu­es Pro­gramm kann man vor­füh­ren; ein Amt, das gelernt hat, den Bür­ger als gegen­über und nicht als Vor­gang zu behan­deln, erkennt man erst, wenn man selbst dort etwas zu erle­di­gen hat.

Die eigent­li­che Ände­rung fin­det also nicht im Rechen­zen­trum statt, son­dern im Kopf. Und die ist, wie jede Ände­rung, unbe­que­mer als der Ein­kauf einer Lösung – und ungleich wirk­sa­mer.

Bei­trags­bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

  • Übergänge – Folge 1 

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