Übergänge — Folge 9

Was der Wind uns las­sen könn­te

Wenn in Wer­mels­kir­chen von Wind­rä­dern die Rede ist, geht es fast immer um das­sel­be: um das Land­schafts­bild, um Abstän­de, um den Wald. Sel­te­ner geht es ums Geld. Dabei ist gera­de das die Fra­ge, die eine Stadt mit lee­rer Kas­se sich stel­len soll­te, und zwar bevor ande­re sie für sie beant­wor­ten.

Man soll­te sich zunächst klar­ma­chen, dass die Grund­satz­ent­schei­dung längst gefal­len ist. Nord­rhein-West­fa­len muss bis zum Beginn der drei­ßi­ger Jah­re einen zwei­stel­li­gen Bruch­teil eines Pro­zents sei­ner Flä­che für die Wind­kraft aus­wei­sen, in Stu­fen, ver­bind­lich; die Flä­chen wer­den kom­men, ob uns die Vor­stel­lung gefällt oder nicht. Was bleibt, ist nicht die Wahl zwi­schen Wind­rä­dern und kei­nen Wind­rä­dern, son­dern die zwi­schen Zuschau­en und Mit­ge­stal­ten.

Die Öko­no­min Maja Göbel hat in ihrem Vor­trag 2025 beim Beet­ho­ven­fest in Bonn dar­an erin­nert, dass jeder gro­ße Epo­chen­über­gang an eine neue Kraft­quel­le gebun­den war – an Feu­er, an Koh­le, an Öl – und dass die Erneu­er­ba­ren nicht nur eine Fra­ge des Kli­mas sind, son­dern auch eine der Unab­hän­gig­keit von jenen, die auf den fos­si­len Roh­stof­fen sit­zen. Man sol­le sich, so Göpel, nicht ein­re­den las­sen, die Sache sei ohne­hin ent­schie­den; dass eine Ent­wick­lung ins Sto­cken gerät, heißt nicht, dass ihr Ziel ver­kehrt wäre.

Der Unter­schied ist grö­ßer, als er klingt. Eine Gemein­de, die nur Flä­chen bereit­stellt und die Pla­nung ande­ren über­lässt, erhält wenig; die Gewin­ne flie­ßen an aus­wär­ti­ge Eigen­tü­mer. Eine Gemein­de, die früh eige­ne Leit­li­ni­en setzt, ihre eige­nen Grund­stü­cke ein­bringt, mit den Betrei­bern über eine Betei­li­gung ver­han­delt und die Bür­ger­schaft ins Boot holt, behält einen erheb­li­chen Teil. Eine im Auf­trag des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums erstell­te Unter­su­chung des Ber­lin-Insti­tuts für Bevöl­ke­rung und Ent­wick­lung hat 2025 durch­ge­rech­net, wie viel Wert­schöp­fung der Aus­bau der Erneu­er­ba­ren in den Regio­nen aus­löst und über wel­che Kanä­le das Geld vor Ort bleibt:  die antei­li­ge Gewer­be­steu­er, die seit eini­gen Jah­ren weit über­wie­gend der Stand­ort­ge­mein­de zusteht; Pach­ten für Wege, Kabel­tras­sen und Abstands­flä­chen, die pro Anla­ge in die Zehn­tau­sen­de gehen und sich, weil pri­vat­recht­lich ver­ein­bart, nicht auf den kom­mu­na­len Finanz­aus­gleich anrech­nen las­sen; die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne frei­wil­li­ge Abga­be der Betrei­ber an die Kom­mu­nen im Umkreis von zwei­ein­halb Kilo­me­tern; schließ­lich die direk­te Betei­li­gung über Stadt­wer­ke oder eine kom­mu­na­le Gesell­schaft, bei der die Erträ­ge selbst vor Ort blei­ben.

Als eines von fünf Fall­bei­spie­len führt die Unter­su­chung Lich­ten­au in West­fa­len an, eine Klein­stadt im Kreis Pader­born mit rund elf­tau­send Ein­woh­nern auf 192 Qua­drat­ki­lo­me­tern und fünf­zehn Orts­tei­len. Dort ste­hen inzwi­schen etwa 160 Wind­rä­der; ihre Betrei­ber tru­gen zuletzt rund die Hälf­te des gesam­ten Gewer­be­steu­er­auf­kom­mens der Stadt. Hin­zu kom­men etwa drei­hun­dert­tau­send Euro Wege- und Kabel­pacht im Jahr, ein Bür­ger­wind­park, an dem sich mehr als drei­hun­dert Men­schen aus dem Ort betei­ligt haben, sechs Wind­rä­der im Eigen­tum der Stadt­wer­ke, ein durch die­se Erträ­ge gesenk­ter Was­ser­preis und eine Bür­ger­stif­tung, die aus den Ein­nah­men eine Ret­tungs­wa­che errich­tet hat. Nichts davon ist ein Natur­ge­setz; alles davon ist das Ergeb­nis von Ent­schei­dun­gen, die man früh und nicht spät getrof­fen hat.

Man kann nicht alles mit­ein­an­der ver­glei­chen, und man soll­te es nicht. Lich­ten­au liegt windhöf­fi­ger, hat mehr Flä­che und eine ande­re Aus­gangs­la­ge; die dor­ti­gen Zah­len las­sen sich nicht auf Wer­mels­kir­chen über­tra­gen. Aber dar­um geht es auch nicht. Es geht um den Ansatz, über­haupt nach Alter­na­ti­ven zu suchen. Ob Wind, ob Son­ne, ob Biogas‑, und die­sen Ansatz muss eine Stadt in unse­rer Lage gene­rell prü­fen, ehr­lich und ergeb­nis­of­fen, statt in von vorn­her­ein am Land­schafts­bild schei­tern zu las­sen. Die Fra­ge ist nicht, ob Wer­mels­kir­chen Lich­ten­au wird; die Fra­ge ist, ob es sich die Prü­fung über­haupt gestat­tet.

Nun, der Anblick eines Wind­rads wiegt für vie­le schwe­rer als eine Zei­le im Haus­halts­plan, und das ist zu respek­tie­ren. Aber viel­leicht lässt sich bei­des zusam­men den­ken. Ein Wind­park, des­sen Erträ­ge ein Schul­dach mit­fi­nan­zie­ren, an dem sich Wer­mels­kir­che­ner betei­li­gen kön­nen und des­sen Stand­or­te die Stadt selbst mit­be­stimmt hat, ist etwas ande­res als einer, der einer fer­nen Gesell­schaft gehört und über den hier nur gestrit­ten wur­de.

Der Wind weht über die­se Stadt, ob wir ihn nut­zen oder nicht. Die ein­zi­ge offe­ne Fra­ge ist, ob er künf­tig auch etwas in der Stadt­kas­se bewegt.


Quel­len: Vor­trag von Maja Göpel, Bonn, 2025 — Six­tus, Fre­de­rick u. a.: „Stär­kung der regio­na­len Wert­schöp­fung durch Erneu­er­ba­re Ener­gien”, Ber­lin-Insti­tut für Bevöl­ke­rung und Ent­wick­lung, Insti­tut für öko­lo­gi­sche Wirt­schafts­for­schung und IW Con­sult im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft und Kli­ma­schutz, 2025; die Anga­ben zu Lich­ten­au stam­men aus des­sen Fall­stu­di­en (Stand 2023 bis 2027).

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

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Ein Kommentar zu „Übergänge — Folge 9“

  1. Avatar von Kai Schneider
    Kai Schneider

    Da muss ich direkt an die Gesprä­che an den Info­stän­den von SPD und CDU im letz­ten Jahr im Vor­feld der Kom­mu­nal­wahl zurückdenken.Ich hat­te damals an einem der Stän­de das The­ma Bür­ger­wind­park zur Spra­che gebracht und ange­regt ob das nicht auch für Wer­mels­kir­chen ein intres­san­ter Ansatz wäre.
    Die Reak­ti­on des Wahl­kämp­fers war damals aber echt ernüch­ternd: Er sag­te, das sich so was für Wer­mels­kir­chen abso­lut nicht loh­nen wird,und über­haupt wür­den die Leu­te hier vor Ort kom­plett Sturm lau­fen gegen Wind­rä­der.
    Scha­de eigentlich,wenn man genau­er dar­über nach­denkt. Schließ­lich hät­te ein Wer­mels­kir­che­ner Bür­ger­wind­park gera­de für die Men­schen hier vor Ort einen ech­ten Vor­teil. Und wenn man sieht, das der Strom­preis immer wei­ter steigt wür­de das doch den einen oder ande­ren Wer­mels­kir­che­ner über­zeu­gen können.Aber wie bei so vie­len sachen hier dre­hen wir uns immer im Kreis:aus dem Wort­bild „Sturm­lau­fen“ der Bür­ger gegen Wind­kraft kann man lei­der kei­ne Ener­gie erzeu­gen. Im Gegen­teil: da bleibt am Ende meis­tens nur hei­ße Luft und Still­stand.

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