Ein Klavier, ein Klavier

Durch das Buch „Ein Tag im Herbst“, dass ich gera­de in Lese­ar­beit habe, ist mir fol­gen­de Geschich­te wie­der ein­ge­fal­len.

1977 – die Hoch-Zeit der RAF. Ter­ror­an­schlä­ge, Mor­de und Ent­füh­run­gen präg­ten die Zeit und brach­ten den Staat und ihre Ent­schei­dungs­trä­ger an ihre Gren­zen. Bis heu­te in Erin­ne­rung die Ent­füh­rung der Luft­han­sa-Maschi­ne „Lands­hut“ und der ers­te und damals auch erfolg­rei­che Ein­satz der Son­der­trup­pe GSG 9. Par­al­lel dazu fand die Ent­füh­rung und spä­ter auch die Ermor­dung des dama­li­gen Arbeit­ge­ber­prä­si­den­ten Hans Mar­tin Schley­er statt.

Das Land stand Kopf. Über­all Kon­trol­len und Fahn­dun­gen. Und genau zu die­ser Zeit mach­te ich mit ein paar Freun­den Musik. Wir tra­fen uns in einem Pro­be­raum in Wup­per­tal. Und wie das so ist kann es bei einem sol­chen Tref­fen auch mal spät wer­den. Es macht Spaß und man ver­gisst Zeit und Stun­de.

Es muss so 1.00 oder 1.30 Uhr gewe­sen sein als ich in Len­nep, an der gro­ßen Kreu­zung Treck­na­se, in eine Ter­ro­ris­ten-Fahn­dungs-Kon­trol­le geriet.

Und das war nicht eine nor­ma­le Ver­kehrs­kon­trol­le son­dern das Auf­ge­bot war groß, alle ange­spannt und ver­un­si­chert und alle mit den Maschi­nen­pis­to­len im Anschlag.

Und ich war genau der rich­ti­ge Kon­troll­kan­di­dat zur dama­li­gen Zeit: Ein jun­ger Mann mit schul­ter­lan­gen Haa­ren und einem aus­län­di­schen Auto. Das Para­de­bei­spiel für eine Kon­trol­le.

Ich fuhr damals einen Aus­tin 1100, ein klei­nes Auto, etwas grö­ßer als der Ori­gi­nal-Mini aber immer noch klein. Auf dem Bei­fah­rer­sitz ein Ver­stär­ker und auf der Rück­bank die pas­sen­de Laut­spre­cher­box.

Aus­stei­gen. Kör­per­li­che Kon­trol­le nach Waf­fen. Vor­la­ge von Aus­weis, Füh­rer­schein und Kfz-Papie­ren. Und dann die ent­schei­den­de Fra­ge: „Was haben Sie im Kof­fer­raum?“

Habe Sie das schon mal erlebt? Jemand stellt ein Fra­ge, Sie beant­wor­ten die Fra­ge ehr­lich und rich­tig und genau in die­sem Augen­blick wis­sen Sie dass Ihre Ant­wort ganz falsch war.

Auf die Fra­ge nach dem Inhalt des Kof­fer­raums ant­wor­te­te ich wahr­heits­ge­mäß: „Ein Kla­vier.“

Da wur­de die Situa­ti­on etwas unan­ge­nehm und die Stim­mung leicht ange­spannt. Die Beam­ten fühl­ten sich ver­al­bert, ver­arscht oder nicht ernst genom­men. „Auf­ma­chen! Ganz lang­sam!“, kam der Befehl von den Maschi­nen­pis­to­len-Trä­gern.

Mit spit­zen Fin­gern öff­ne­te ich die klei­ne Kof­fer­raum­klap­pe. Mit ganz spit­zen Fin­gern leg­te ich die Schutz­de­cke offen und ganz vor­sich­tig und ganz lang­sam öff­ne­te ich den Deckel des Instru­ments. Die schwarz/weißen Tas­ten kamen zum Vor­schein.

Fra­ge rich­tig beant­wor­tet und in die­ser Situa­ti­on völ­lig dane­ben. Es han­del­te sich um ein E‑Piano, kei­ne Orgel, kein Spi­nett und Key­boards gab es noch nicht.

Damit ent­spann­te sich die Sache und alle waren froh dass es nur ein Kla­vier war. Die Situa­ti­on ist mir bis heu­te haf­ten geblie­ben und wie schnell konn­te so eine Kon­trol­le schief lau­fen. Ein unvor­sich­ti­ge Bewe­gung, den Fin­ger falsch am Abzug – es kann ganz schnell gehen.

Info zum Buch:
„Ein Tag im Herbst“ von Anne Ame­ri-Sie­mens
1.Auflage März 2017, Rowohlt Ver­lag, Ber­lin.
ISBN 978 3 87134 834 1

Foto: Wal­ter Schu­bert

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Kommentare

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5 Kommentare zu „Ein Klavier, ein Klavier“

  1. Avatar von Stefan Schäfer
    Stefan Schäfer

    Sehr geehr­ter Herr Karl–Reiner Engels,

    Wenn eine “dif­fe­ren­zier­te Sicht­wei­se” zu einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis führt:
    Gelingt Ihnen das auch beim NSU-Kom­plex ?

    Mit freund­li­chen Grü­ßen
    Ste­fan M. Schä­fer

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    1. Avatar von Karl-Reiner Engels
      Karl-Reiner Engels

      Ich will es ver­su­chen und kom­me sofort zum wesent­li­chen. „So was hätt’ ein­mal fast die Welt regiert! / Die Völ­ker wur­den sei­ner Herr, jedoch. / Dass kei­ner uns zu früh da tri­um­phiert – / Der Schoß ist frucht­bar noch, aus dem das kroch.“ (Bert­hold Brecht) und „Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht ver­las­sen“ (Esther Beja­ra­no). Zum nähe­ren Ver­ständ­nis ist es da sinn­voll die The­se des “tie­fen Staa­tes” (Deep Sta­te) ein­zu­füh­ren. Der zu ver­ste­hen ist und sich wider­spie­gelt in der Debat­te um den “Deep Sta­te” und in des­sen Kon­text sich die Fra­ge stellt, inwie­weit Tei­le des Staa­tes blind sind auf dem rech­ten Auge oder ob nicht sogar Struk­tu­ren exis­tie­ren, die sich der demo­kra­ti­schen Kon­trol­le ent­zie­hen. Wer Inter­es­se hat, sich näher mit der Her­aus­bil­dung der Stra­te­gie des akti­ven Ter­rors faschis­ti­scher Grup­pie­run­gen zu befas­sen, sei ver­wie­sen auf das Buch von Rein­hard Opitz, Faschis­mus und Neo­fa­schis­mus, Her­aus­bil­dung der gegen­wär­ti­gen Kon­stel­la­ti­on und der “Neu­en Rech­ten” im Neo­fa­schis­mus der Bun­des­re­pu­blik, S. 227 ff. . Beim lesen des Kom­men­tars von Frau Mar­ga Hin­ter­hol­zer hät­ten sie aber auch selbst dar­auf kom­men kön­nen, denn dort ist alles sehr kom­pri­miert bereits gesagt: ” .…..so etwas hat­ten sie noch nie zuvor gesehen.…da war näm­lich noch ein Haken­kreuz­stem­pel drauf. .… ”

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  2. Avatar von Stefan M. Schäfer
    Stefan M. Schäfer

    An die obli­ga­to­ri­sche Maschi­nen­pis­to­le vor der Nase kann sich wohl jeder erin­nern, der die­se Zeit des links­extre­men Ter­rors mit­er­le­ben muss­te. Prin­zi­pi­ell ist es ein Armuts­zeug­nis für einen Rechts­staat, die­ser Ter­ro­ris­ten teils 56 Jah­re nach Grün­dung die­ser roten Bedro­hung hab­haft zu wer­den und sie den Gerich­ten zuzu­füh­ren. Mit freund­li­chen Grü­ßen Ste­fan Schä­fer

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    1. Avatar von Marga Hinterholzer
      Marga Hinterholzer

      Ich kann mich dar­an noch sehr gut erinnern.….….Mein Schwie­ger­va­ter und ich fuh­ren nach Wer­mels­kir­chen ein­kau­fen. Im Eif­gen auf ein­mal Poli­zei­kon­trol­le mit Maschi­nen­ge­wehr. Da wur­de mir etwas mul­mig,
      Dann
      habe ich nur gesagt dass mei­ne Tasche im Fuß­raum stand und ich mich dafür bücken muss­te, das ist denn noch gut gegan­gen. Mein Schwie­ger­va­ter muss­te sei­nen Füh­rer­schein zei­gen. Damit ging der Poli­zist zu sei­nem Kollegen.…..so etwas hat­ten sie noch nie zuvor gesehen.…da war näm­lich noch ein Haken­kreuz­stem­pel drauf. Der Poli­zist hat mei­nen Schwie­ger­va­ter dann nahe gelegt sich einen neu­en Füh­rer­schein zuzu­le­gen, der hat nur jaja gesagt und ist bis zu sei­nem Lebens­en­de mit die­sem Füh­rer­schein wei­ter­ge­fah­ren 😉

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    2. Avatar von Karl-Reiner Engels
      Karl-Reiner Engels

      Ich hof­fe, dass das Buch von Frau Anne Ame­ri-Sie­mens, wel­ches für 5,00 € über die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung zu erwer­ben ist, eine dif­fe­ren­zier­te­re Betrach­tung der dama­li­gen Ereig­nis­se bie­tet, als es ihr Kom­men­tar. Der Begleit­text zum Buch lässt dies erwar­ten. Ihre War­nung vor der „roten Bedro­hung“ reiht sich jedoch unter­schwel­lig in die von Prä­si­dent Trump initi­ier­te Kam­pa­gne gegen den Kom­mu­nis­mus und die Anti­fa ein. Die Reak­ti­on des Staa­tes auf die Rote Armee Frak­ti­on (RAF) unter­schei­det sich qua­li­ta­tiv deut­lich von sei­ner Reak­ti­on auf die rechts­extre­men Anschlä­ge von Mün­chen, die ter­ro­ris­ti­sche Mord­se­rie des Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds (NSU) und den rechts­extre­mis­ti­schen Anschlag auf den Kas­se­ler Regie­rungs­prä­si­den­ten Wal­ter Lüb­cke, um nur drei Bei­spie­le zu nen­nen. Der Anschlag in Mün­chen ereig­ne­te sich am 26. Sep­tem­ber 1980. Erst im Jahr 2020, nach jah­re­lan­gen Ermitt­lun­gen, bestä­tig­te die Bun­des­an­walt­schaft offi­zi­ell den rechts­extre­men Hin­ter­grund. Die Rol­le des Ver­fas­sungs­schut­zes und die Ziel­rich­tung der Ermitt­lun­gen bei den Anschlä­gen des NSU ver­deut­li­chen eben­falls eine Geschich­te staat­li­chen Ver­sa­gens, und es gab kei­ne bun­des­wei­ten poli­zei­li­chen Kon­trol­len mit mit einer MP im Anschlag.

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