Buchbesprechung zu: „Im Schatten der Drohnen“

Ein Buch von Alex­an­der Gertz, erschie­nen im Ver­lag Kie­pen­heu­er & Witsch

Von Klaus Ulin­ski

Es gibt Bücher, die man zur Sei­te legt, weil sie ihren Gegen­stand nur strei­fen, und Bücher, die einen noch Tage spä­ter beglei­ten. Das Buch von Alex­an­der Gertz gehört zur zwei­ten Sor­te. Der Unter­ti­tel „Als deut­scher Sani­tä­ter an der ukrai­ni­schen Front“ benennt die Per­spek­ti­ve: Ein Autor mit deut­schen Wur­zeln, einer ukrai­ni­schen Mut­ter und einem rus­si­schen Vater schil­dert aus dem Inne­ren einer ukrai­ni­schen Bri­ga­de, wie der Krieg im Don­bass heu­te aus­sieht.

Das Buch und sei­ne Anga­ben

Das Buch erschien am 1. Okto­ber 2026 im Ver­lag Kie­pen­heu­er & Witsch in Köln. Die E‑Book-Aus­ga­be, die die­ser Bespre­chung zugrun­de liegt, trägt die ISBN 978–3‑462–32180‑7 und umfasst 237 Sei­ten. Der Hin­weis im E‑Book ver­weist für die Sei­ten­zah­len auf die gedruck­te Aus­ga­be mit der ISBN 978–3‑462–05538‑2. Der Text glie­dert sich in fünf Tei­le mit den Schau­plät­zen Awdi­jiw­ka, Sumy, Scht­scher­by­niw­ka, Torezk und Kost­jan­ty­niw­ka, dazu neun kur­ze Refle­xi­ons­ka­pi­tel („Inter­mez­zi“), ein Nach­wort, the­ma­ti­sche Betrach­tun­gen und ein Glos­sar.

Alex­an­der Gertz wur­de 1995 gebo­ren. Er stu­dier­te Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen und arbei­te­te unter ande­rem für die UNESCO in Paris und am Wood­row Wil­son Cen­ter in Washing­ton. Ab 2022 leis­te­te er huma­ni­tä­re Hil­fe in der Ost­ukrai­ne, 2023 trat er als Sani­tä­ter in die ukrai­ni­schen Streit­kräf­te ein. Nach Ver­lags­an­ga­ben hat er dort über 3000 Sol­da­ten in tak­ti­scher Medi­zin aus­ge­bil­det. Das Buch ist sein ers­tes ver­öf­fent­lich­tes Werk. Der Erzäh­ler trägt das Ruf­zei­chen „Hus­ky“ und ist mit dem Autor iden­tisch.

Der Autor im Gespräch

Am 6. Okto­ber 2026 war Gertz Gast der Gesprächs­rei­he „Der Trump Effekt“ des ZDF-Aus­lands­jour­nals (Fol­ge 76, „Mit­ten im Ukrai­ne-Krieg“). Die Mode­ra­to­ren Kat­rin Eigen­dorf, Elmar The­ve­ßen und Ulf Röl­ler befrag­ten ihn wäh­rend eines Hei­mat­ur­laubs. Das Gespräch ist hörens­wert, weil Gertz dort erklärt, wie der Text ent­stand: an der Front, teils in Kel­lern, zwi­schen Ein­sät­zen und unter Beschuss. Bewusst habe er auf Adjek­ti­ve ver­zich­tet, damit der Leser selbst urteilt. Als Vor­bild nennt er Erich Maria Remar­ques „Im Wes­ten nichts Neu­es“. Zudem schil­dert er, war­um er in die Armee ging: Nach zwei Jah­ren huma­ni­tä­rer Hil­fe war er finan­zi­ell und psy­chisch am Limit, und die Armee bot die Mög­lich­keit, Men­schen zu ret­ten und zugleich ein, wenn auch nied­ri­ges, Ein­kom­men zu erzie­len. Im Früh­jahr 2025 gab er die Arbeit als Sani­tä­ter an der Front auf, weil Droh­nen dort kaum noch Ope­ra­tio­nen zulie­ßen.

Ein­druck und Ein­ord­nung

Das Buch über­zeugt zunächst durch sei­ne Unmit­tel­bar­keit. Gertz schreibt in kur­zen Abschnit­ten, ohne den Leser durch Pathos oder Wer­tun­gen zu len­ken, und genau dadurch wirkt die Schil­de­rung so ein­dring­lich. Der Ver­zicht auf Adjek­ti­ve, den er im Gespräch betont, ist im Text spür­bar: Die Ber­gung eines Ver­wun­de­ten, des­sen Puls kaum noch zu mes­sen ist, oder der Geruch nach Blut und Schweiß beim Zurück­fah­ren aus der Stel­lung kommt ohne über­flüs­si­ge Beschrei­bung aus. Gera­de die­se Nüch­tern­heit ver­leiht den Pas­sa­gen Gewicht, in denen der Erzäh­ler sei­ne eige­ne Erschöp­fung und sei­ne Schuld­ge­füh­le beschreibt.

Zwei­tens ver­mit­telt das Buch Ein­bli­cke, die in der Bericht­erstat­tung sel­ten vor­kom­men. Die Fahr­ten mit dem Schüt­zen­pan­zer M113 und dem Klein­bus „Buchan­ka“, die Tria­ge in engen Räu­men oder die Impro­vi­sa­ti­on mit Kle­be­band und Maga­zi­nen zei­gen, wie begrenzt die medi­zi­ni­schen Mit­tel an der Front sind. Der Droh­nen­krieg erscheint nicht als abs­trak­te Bedro­hung, son­dern als stän­di­ges Sum­men, das Sol­da­ten para­no­id macht und sie auch fern der Front nicht los­lässt.

Drit­tens ist das Buch ein Doku­ment einer inne­ren Welt, die an ihre Gren­zen gerät. Der Autor spricht offen über sei­ne Bor­der­line-Dia­gno­se, sei­ne Depres­sio­nen und sei­ne frü­he­re Sui­zi­da­li­tät. Die Schil­de­rung eines Kame­ra­den, der sich im Schup­pen das Leben nimmt, oder die Zeit eines Ver­wun­de­ten im Beton­rohr macht die Lek­tü­re schwer, aber unver­zicht­bar. Beson­ders stark sind die Kapi­tel über die Kame­rad­schaft, etwa die Sze­ne, in der ein Sol­dat sei­ne Waf­fe abgibt, weil er sich selbst nicht mehr traut.

Eini­ge Aspek­te des Buches ver­die­nen eine dif­fe­ren­zier­te Lek­tü­re. Die Refle­xi­ons­ka­pi­tel grei­fen Moti­ve mehr­fach auf, und ein­zel­ne Schluss­fol­ge­run­gen, etwa die Betrach­tung über Gott, ent­ste­hen aus einer kon­kre­ten Begeg­nung und sind ent­spre­chend per­sön­lich gefärbt. Die Gegen­sei­te erscheint im Text über­wie­gend als Droh­ne, Sil­hou­et­te oder anony­me Gefahr; nur weni­ge Epi­so­den zei­gen rus­si­sche Sol­da­ten als Men­schen.

Mei­ne per­sön­lich Mei­nung

„Im Schat­ten der Droh­nen“ ist kein Lehr­buch des Krie­ges und kein Hel­den­epos. Es ist der Bericht eines Men­schen, der nicht weg­se­hen konn­te und dabei an sich selbst gelit­ten hat. Die sprach­li­che Klar­heit, die Ehr­lich­keit gegen­über eige­nen Schwä­chen und die Nähe zu den Men­schen, die der Autor geret­tet und ver­lo­ren hat, machen die Lek­tü­re loh­nend. Gewalt, Tod, Sui­zi­da­li­tät und sexua­li­sier­te Gewalt, die in einem Kapi­tel ange­spro­chen wird, sind prä­sent. Wer danach die Gesprächs­rei­he des ZDF-Aus­lands­jour­nals hört, erhält die Stim­me des Autors, die das Buch ergänzt.


Quel­len

Alex­an­der Gertz: Im Schat­ten der Droh­nen. Als deut­scher Sani­tä­ter an der ukrai­ni­schen Front.
Kie­pen­heu­er & Witsch, Köln 2026, ISBN 978–3‑462–32180‑7

Gespräch: „Der Trump Effekt“, Fol­ge 76 „Mit­ten im Ukrai­ne-Krieg“, ZDF-Aus­lands­jour­nal – der Pod­cast, ver­öf­fent­licht am 6. Okto­ber 2026, online unter https://www.youtube.com/watch?v=wI0ccWrKMfI.

Foto: Pri­vat Klaus Ulin­ski, Buch­um­schlag

Bewer­te die­sen Post!
[Gesamt: 7 Durch­schnitt: 5]