Der Remscheider General-Anzeiger hat am 27. August 2026 vier Fraktionsvorsitzende des Wermelskirchener Stadtrats zu Wort kommen lassen: Marco Frommenkord für die FDP, Oliver Platt für das Bürgerforum, Jochen Bilstein für die SPD, Michael Schneider für die CDU. Vier Stimmen, ein knappes Jahr nach der Wahl, ein Rückblick auf die ersten zehn Monate. Liest man die vier Gespräche nacheinander, entsteht ein bemerkenswert einheitliches Bild: Man arbeite konstruktiv zusammen, man sei zufrieden mit dem Erreichten, Rhombus und das Krankenhaus seien große, aber richtige Entscheidungen gewesen, und für die kommende Zeit stünden Schule, Wohnraum und weitere Projekte an. Zuversicht, wohin man hört.
Legt man daneben, was das Forum Wermelskirchen in seiner Analyse des Haushaltsentwurfs 2026/2027 herausgearbeitet hat, wird aus der Zuversicht rasch eine Frage: Wovon eigentlich?
Wer Herrn Frommenkord hört, der vernimmt, die FDP werde beim Rhombus-Areal „ein zuverlässiger kritischer Arbeitspartner“ bleiben, obgleich man die Investition in finanziell schwierigen Zeiten stets kritisch gesehen habe. Wer sich aber den Haushaltsentwurf ansieht, findet für Rhombus allein an Verpflichtungsermächtigungen rund 49,7 Millionen Euro, dazu Hallenbad und Haus der Vereine, dazu ein im Entwurf selbst eingepreisten Sicherheitsaufschlag von 20 Prozent und jährliche Baukostensteigerungen von zehn Prozent. Was „kritisch“ an dieser Stelle konkret bedeuten soll, bleibt im Interview offen; Genannt wird es nicht.
Wer Herrn Platt hört, der vernimmt, mit dem Rhombus-Gelände habe man „etwas Großes auf den Weg gebracht“, finanziert über Fremdkapital und Fördermittel, und das sei „absolut richtig“. Wer aber im Haushaltsentwurf liest, dass der Kreditbestand des Kernhaushalts bis 2030 auf rund 543 Millionen Euro steigen und die Zinslast allein bis dahin auf 12,6 Millionen Euro jährlich anwachsen soll, der wird sich fragen, worin genau das Glück liegt, von dem Platt spricht, wenn dasselbe Fremdkapital an anderer Stelle des Entwurfs als tragender Grund für schmelzendes Eigenkapital und wachsendes Defizit benannt wird.
Wer Herren Bilstein hört, der vernimmt immerhin einen anderen timbrierten Ton: Die Krankenhausfinanzierung sei ein „großes Risiko, aber wichtig“. Das ist redlicher als mancher Nachbarsatz. Nur schweigt auch er dazu, dass eben diese Krankenhausfinanzierung, bis zu drei Millionen Euro jährlich über drei Jahre, im vorliegenden Entwurf nach Lesart des Forums offenbar noch gar nicht vollständig eingearbeitet ist – eine Lücke, die sich nicht durch Zuversicht schließen lässt, sondern durch weitere Kredite, weitere Einnahmen oder weitere Kürzungen
Wer Herrn Schneider hört, der vernimmt das ehrlichste Wort der ganzen Reihe: Er wisse nicht, ob man um eine Erhöhung der Grundsteuer B herumkomme. Der Entwurf selbst hat diese Frage längst beantwortet; der Hebesatz steigt auf 920 Prozentpunkte, beschlossen, nicht mehr offen. Und derselbe Schneider nennt das Rhombus-Gelände in einem Atemzug „Visitenkarte” und „Prestigeobjekt” – ausgerechnet jenes Wort, vor dem die Haushaltsanalyse ausdrücklich warnt, wenn sie fordert, Priorisierung müsse Pflicht und Sicherheit vor Prestige stellen. Zwischen dem Anspruch der eigenen Fraktion und der Sprache ihres Vorsitzenden klafft hier eine Lücke, die größer ist als ein Prozentpunkt Grundsteuer.
Was in allen vier Gesprächen fehlt, ist bezeichnender als das, was in ihnen steht. Keiner der vier spricht das noch ausstehende Haushaltssicherungskonzept an. Keiner erwähnt, dass Zuschüsse an Vereine, Kultur und ehrenamtliche Strukturen unter Druck geraten könnten, obwohl gerade diese Strukturen es sind, in denen Kommunalpolitik ihre Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern behauptet. Keiner stellt sich der Frage, ob ein Investitionsprogramm von 426,5 Millionen Euro bei einem Eigenkapital, dass binnen weniger Jahre von 98 auf 7,7 Millionen Euro schrumpfen soll, überhaupt noch in der Reihenfolge steht, die der eigene Bürgermeister mit seinem Ruf nach Prioritäten gemeint haben dürfte.
Das ist die eigentliche Pointe dieser Interviewreihe: Vier Fraktionsvorsitzende, vier unterschiedliche parteipolitische Herkünfte, und doch derselbe Ton der Zuversicht über einem Zahlenwerk, dass diese Zuversicht an keiner einzigen Stelle stützt. Zuversicht ist keine Haushaltsposition. Sie ersetzt weder das fehlende Sicherungskonzept noch die fehlende Krankenhausfinanzierung im Entwurf, noch die Antwort auf die Frage, was geschieht, wenn Rhombus teurer wird als geplant – und teurer wird es, das legt der Entwurf selbst mit seinen Sicherheitsaufschlägen nahe. Wer über Prioritäten spricht, muss sie benennen. Das haben in dieser Interview-Reihe alle vier versäumt.
Hinweis: Dieser Beitrag bezieht sich auf die Interview-Reihe des RGA vom 27. August 2026 mit Marco Frommenkord (FDP), Oliver Platt (Bürgerforum), Jochen Bilstein (SPD) und Michael Schneider (CDU), sowie auf die Haushaltsentwurf-Analyse des Forums Wermelskirchen vom 17. Juli 2026
Beitragsbild: Klaus Ulinski privat


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