„Opa?“
„Ja, mein Schatz?“
Je*** (*), meine Enkeltochter, kam vorhin aus der „Kinderstadt“ zu uns, jenem zweiwöchigen Ferienprojekt der Stadt Wermelskirchen für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, und blieb bei uns über Nacht. Noch ganz erfüllt von all dem, was sie dort erlebt hatte, erzählte sie mit leuchtenden Augen von Spielen, Werkstätten und kleinen Abenteuern — und auch davon, dass die Kinder eine Demo gemacht und dem Bürgermeister ihre Sorgen über das Klima und den Zustand der Erde mitgeteilt hatten.
Jetzt liegen wir eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa und lauschen den Kindernachrichten „logo!“. Je*** ist meine geliebte Enkelin, ein aufgewecktes Mädchen von zehn Jahren, das beginnt, die Welt um sich herum zu befragen.
In den Kindernachrichten wird von den schrecklichen Bränden in Frankreich berichtet. Das trifft Je*** besonders, denn ihr Vater ist Franzose — wie auch ihr anderer Opa. Und sie sagen in den Nachrichten, dass die von Menschen verursachte Klimaerwärmung wahrscheinlich die Feuerkatastrophen begünstigt.
„Opa? Wenn die Menschen doch so schlau sind und alles oder fast alles wissen, warum machen sie nicht endlich, dass das Klima besser wird und die Meere sauberer werden und die Bäume im Wald geschützt werden?“
Ich sehe sie an, und mir wird schwer ums Herz.
„Ich weiß es nicht, mein Kind“, sage ich. „Ich wünschte, ich hätte eine Antwort. Aber… ich habe nur Ratlosigkeit…“
(… und die traurige Ahnung, dass Wissen allein nicht genügt.)
Je*** schaut mich an, stiller als eben noch. Und ich merke, dass wir beide ein wenig traurig werden. So gehen wir in den weiteren Abend hinein — mit offenen Fragen, die nicht verschwinden, nur weil es dunkel wird.
Am nächsten Morgen räume ich meinen Bücherschrank auf. Da fällt mir ein altes Buch aus meiner Studentenzeit in die Hände:
„Die Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer
Ah, ja! Es ist, als risse mich dieses Buch sofort zurück in jene Jahre, in denen auch ich — nicht anders als meine Enkeltochter gestern Abend — mit tausend Fragen durchs Leben ging. Damals stieß ich in diesem Buch auf einen Satz, der mich elektrisierte, der mich bis heute nicht loslässt und mich immer wieder in seinen Bann zieht:
„Die vollends aufgeklärte Welt erstrahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“
Und plötzlich lebt in der kindlichen Frage meiner Enkelin etwas fort, fast unverändert im Wortlaut, doch von einer anderen, unbestechlichen Einfachheit getragen:
„Wenn die Menschen doch so schlau sind und alles oder fast alles wissen, warum machen sie nicht endlich, dass es besser wird?“
Ich halte das Buch in der Hand und denke: Vielleicht liegt gerade darin die bitterste Wahrheit — dass Wissen die Welt nicht schon rettet, dass Erkenntnis nicht von selbst in Verantwortung übergeht. Und dass manchmal ein Kind die Frage ausspricht, die wir Erwachsenen, über all unserem Wissen, verloren haben.
(*) Der Name wird aus Datenschutzgründen nur verkürzt wiedergegeben
Bild: Privat Klaus Ulinski


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