Ein Beitrag von Jordan Mutombo
Vierter Tag in Südafrika: Der Tag der Arbeit – Ein unvergesslicher Moment
Der vierte Tag unserer Studienreise fiel auf den 1. Mai, den internationalen Tag der Arbeit. Gemeinsam nahmen wir an der Maikundgebung des Gewerkschaftsdachverbands SAFTU an der City Hall in Johannesburg teil. Für mich war dieser Tag einer der emotionalsten und eindrucksvollsten der gesamten Reise.
Bereits beim Betreten des Veranstaltungsgeländes war die besondere Atmosphäre spürbar. Hunderte Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus verschiedenen Branchen hatten sich versammelt, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen, soziale Gerechtigkeit und die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einzutreten. Fahnen, Gesänge und Sprechchöre prägten das Bild und machten deutlich, welchen hohen Stellenwert der Tag der Arbeit in Südafrika besitzt.
Für mich wurde dieser Tag jedoch noch außergewöhnlicher: Ich wurde von den Veranstaltern als Gewerkschafter aus Deutschland angekündigt und eingeladen, selbst eine Rede vor den anwesenden Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern zu halten. Bevor ich mit meiner Ansprache begann, rief ich laut „Amandla!“ – worauf die Menschenmenge geschlossen mit „Awethu!“ antwortete. Dieser historische Ruf aus der Zeit des Kampfes gegen die Apartheid bedeutet übersetzt „Die Macht dem Volke“ und sorgte für einen ganz besonderen Gänsehautmoment.
In meiner Rede betonte ich, dass der 1. Mai weit mehr sei als ein Tag für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Er sei auch ein Tag für all jene Familien, die täglich Opfer bringen, damit ihre Angehörigen ein gutes Leben führen können. Beschäftigte kämpften nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder, ihre Familien und die Gemeinschaften, in denen sie leben. Gute Arbeit bedeute deshalb immer auch soziale Sicherheit und Zukunftsperspektiven für die Menschen, die hinter jeder Arbeitnehmerin und jedem Arbeitnehmer stehen.
Besonders bewegend war für mich, diese Rede auf dem afrikanischen Kontinent halten zu dürfen. Aufgrund meines afrikanischen Migrationshintergrundes hatte dieser Moment für mich eine ganz persönliche Bedeutung. Vor Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern aus Südafrika sprechen zu dürfen, erfüllte mich mit großem Stolz und Dankbarkeit. Es war ein Augenblick, den ich sicherlich nie vergessen werde und der mir noch einmal gezeigt hat, dass Solidarität und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit Menschen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg verbinden.
Die anschließenden Redebeiträge der südafrikanischen Gewerkschaftsvertreter beschäftigten sich unter anderem mit der hohen Arbeitslosigkeit, der sozialen Ungleichheit sowie der Forderung nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Für mich war dieser Tag weit mehr als nur der Besuch einer Maikundgebung – er war ein eindrucksvolles Erlebnis gelebter internationaler Solidarität und einer der Höhepunkte unserer gesamten Studienreise.
Fünfter Tag in Südafrika: Arbeitsrecht und die bewegende Geschichte der Apartheid
Am fünften Tag unserer Studienreise besuchten wir zunächst die University of Johannesburg. Dort nahmen wir an einer Vorlesung zum südafrikanischen Arbeitsrecht teil und erhielten einen Einblick in die rechtlichen Grundlagen des Arbeitsmarktes. Dabei wurden unter anderem die Rolle der Gewerkschaften, Tarifverhandlungen sowie der gesetzliche Schutz von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern behandelt. Besonders interessant war es, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem südafrikanischen und dem deutschen Arbeitsrecht kennenzulernen.
Im Anschluss stand der Besuch des Apartheid Museums in Johannesburg auf dem Programm. Bereits beim Betreten des Museums wurde deutlich, dass dieser Ort weit mehr als eine gewöhnliche Ausstellung ist. Anhand zahlreicher Originaldokumente, Fotografien, Filmaufnahmen und persönlicher Schicksale wurde die Geschichte der Apartheid eindrucksvoll aufgearbeitet. Besonders bewegend war zu sehen, wie das Leben der Menschen über Jahrzehnte hinweg allein aufgrund ihrer Hautfarbe gesetzlich geregelt und eingeschränkt wurde.
Neben dem langen Kampf von Nelson Mandela gegen das Apartheidregime wurde auch die bedeutende Rolle seiner damaligen Ehefrau Winnie Madikizela-Mandela hervorgehoben. Trotz jahrelanger Überwachung, Repressionen und persönlicher Rückschläge setzte sie sich unermüdlich für den Widerstand gegen die Apartheid ein und wurde für viele Menschen zu einem Symbol des Freiheitskampfes. Gleichzeitig zeigte das Museum auch die kontroversen Seiten ihres politischen Wirkens und machte deutlich, dass Geschichte häufig vielschichtiger ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Beeindruckend war außerdem die Darstellung des langen Weges Südafrikas von einem System der Rassentrennung hin zu einer demokratischen Gesellschaft. Die Ausstellung machte deutlich, wie tief die Apartheid das Land geprägt hat und warum viele ihrer sozialen und wirtschaftlichen Folgen bis heute spürbar sind.
Für mich war der Museumsbesuch einer der emotionalsten Momente der gesamten Studienreise. Viele Themen, die wir in den Tagen zuvor mit Gewerkschaften, Wissenschaftlern und politischen Institutionen diskutiert hatten – etwa soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit oder Affirmative Action – ließen sich hier historisch einordnen. Das Museum machte eindrucksvoll deutlich, dass die Herausforderungen Südafrikas nur vor dem Hintergrund seiner Geschichte verstanden werden können.
Der Besuch regte mich dazu an, über die Bedeutung von Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenrechten nachzudenken. Er war nicht nur ein Ort des Erinnerns, sondern auch des Lernens und der Reflexion und bildete einen würdigen Abschluss eines weiteren ereignisreichen Tages unserer Studienreise.
Sechster Tag in Südafrika: Begegnungen in Soweto und ein besonderer Abschied
Am letzten Tag unserer Studienreise führte uns unser Weg nach Soweto, einen der bekanntesten Townships Südafrikas. Der Tag begann mit dem Besuch der Regina Mundi Kirche, die während der Apartheid zu einem wichtigen Symbol des Widerstands wurde. Da politische Versammlungen damals häufig verboten waren, bot die Kirche vielen Menschen einen geschützten Ort, um sich auszutauschen und gegen das Apartheidregime zu organisieren. Bis heute erinnern Einschusslöcher an den Wänden sowie zahlreiche Gedenktafeln an diese bewegte Zeit.
Während des Gottesdienstes wurden wir als Gäste aus Deutschland herzlich von der Gemeinde begrüßt. Besonders berührt hat mich die offene und herzliche Atmosphäre. Zu den südafrikanischen Gospelliedern tanzte ich gemeinsam mit den Gemeindemitgliedern. Obwohl wir uns sprachlich nicht immer verständigen konnten, waren die Freude, der Glaube und der Zusammenhalt der Menschen deutlich spürbar. Dieser Besuch war für mich einer der emotionalsten Momente der gesamten Studienreise.
Anschließend erkundeten wir Soweto auf eine ganz besondere Weise. Gemeinsam mit meiner Kommilitonin Martina, unserem Dolmetscher Chris und unserem südafrikanischen Tuk-Tuk-Fahrer Lungile fuhren wir mit einem Tuk Tuk durch die Straßen des Townships. Die Fahrt war stellenweise ziemlich holprig und wackelig, sorgte aber gleichzeitig für viele lustige Momente und ermöglichte uns einen authentischen Einblick in das Leben vor Ort.
Soweto wird außerhalb Südafrikas häufig mit Kriminalität und Armut in Verbindung gebracht und genießt deshalb vielerorts einen eher schlechten Ruf. Umso gespannter war ich darauf, mir selbst ein Bild von diesem geschichtsträchtigen Stadtteil zu machen. Schon nach kurzer Zeit stellte ich jedoch fest, dass die Menschen, denen wir begegneten, uns mit großer Offenheit und Herzlichkeit empfingen.
Viele Bewohnerinnen und Bewohner winkten uns freundlich zu, während zahlreiche Kinder lachend auf uns zuliefen und beim Vorbeifahren mit mir abklatschten. Einige riefen dabei „Mahlangu, shoot me!“, was sinngemäß bedeutet: „Heller Mann, mach ein Foto von mir!“ Ich musste darüber schmunzeln, weil ich – ähnlich wie in Deutschland – auch hier als jemand wahrgenommen wurde, der anders aussieht. Obwohl ich afrikanische Wurzeln habe, wurde ich aufgrund meines äußeren Erscheinungsbildes sofort als Besucher erkannt.
Während der Tour wurden jedoch auch die schwierigen Lebensbedingungen vieler Menschen sichtbar. Aus Respekt vor ihrer Situation entschied ich mich bewusst dagegen, Fotos von ihrer prekären Lebenslage zu machen. Mir war es wichtiger, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und ihre Gastfreundschaft wertzuschätzen, anstatt ihre Armut mit der Kamera festzuhalten. Diese Begegnungen haben mich tief beeindruckt und mir gezeigt, dass ein Ort nicht allein nach seinem Ruf beurteilt werden sollte.
Ein weiterer Höhepunkt war unser Besuch der Vilakazi Street, der weltweit einzigen Straße, in der mit Nelson Mandela und Desmond Tutu zwei Friedensnobelpreisträger gelebt haben. Dort besichtigten wir unter anderem das ehemalige Wohnhaus Nelson Mandelas und erfuhren mehr über die Geschichte des Freiheitskampfes gegen die Apartheid. Dieser Ort machte noch einmal eindrucksvoll deutlich, welche zentrale Rolle Soweto im Kampf für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte gespielt hat.
Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Tage traten wir schließlich die Fahrt zum O. R. Tambo International Airport an. Während des Rückflugs nach Deutschland ließ ich die Studienreise noch einmal Revue passieren. Die Gespräche mit Gewerkschaften, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Unternehmen sowie den Menschen vor Ort haben meinen Blick auf Südafrika nachhaltig geprägt. Besonders in Erinnerung bleiben werden mir die Diskussionen über Arbeits- und Sozialpolitik, meine Rede am Tag der Arbeit vor den Mitgliedern der SAFTU, aber vor allem die außergewöhnliche Gastfreundschaft, die wir überall erleben durften.
Die Studienreise war für mich weit mehr als eine akademische Exkursion. Sie hat mir gezeigt, wie eng Geschichte, Politik, Arbeitswelt und gesellschaftlicher Zusammenhalt miteinander verbunden sind. Vor allem aber hat sie mir verdeutlicht, wie wichtig internationale Solidarität und der Austausch zwischen Gewerkschaften über Ländergrenzen hinweg sind. Ich kehre mit vielen neuen Erkenntnissen, wertvollen Begegnungen und unvergesslichen Erinnerungen nach Deutschland zurück – und mit dem Wunsch, eines Tages nach Südafrika zurückzukehren.
Fotos: Jordan Mutombo
Hier finden Sie beide Teile:
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Studienreise nach Südafrika – Teil 1
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