Ein Beitrag von Jordan Mutombo
Erster Tag in Südafrika: Erste Eindrücke und spannende Gespräche
Durch mein einjähriges Studium an der Europäischen Akademie der Arbeit hatte ich die besondere Ehre, im Rahmen einer Studienreise erstmals den afrikanischen Kontinent zu besuchen. Gemeinsam mit meinem Jahrgang reisten wir am 28. April vom Frankfurter Flughafen nach Johannesburg in Südafrika.
Nach einem rund elfstündigen Flug landeten wir am O. R. Tambo International Airport. Schon beim Anflug wurde deutlich, wie groß Johannesburg ist. Nach der Einreise fuhren wir zu unserem Hotel, dem Southern Sun im Stadtteil Rosebank. Viel Zeit zum Ausruhen blieb allerdings nicht. Nach einem kurzen Frühstück begann bereits unser erstes Programm. Während der gesamten Reise wurden wir von unserem Fahrer Abraham begleitet, der uns sicher zu allen Terminen brachte. Unterstützt wurden wir außerdem von Chris, einem deutschen Auswanderer, der seit vielen Jahren in Südafrika lebt und als Dolmetscher für unsere Gruppe tätig war.
Unser erster Programmpunkt führte uns zur Friedrich Ebert Stiftung in Johannesburg. Dort wurden wir herzlich mit Kaffee und Keksen empfangen. In einem ausführlichen Gespräch erhielten wir einen Einblick in die politische und gesellschaftliche Entwicklung Südafrikas. Besonders beeindruckt hat mich, dass das Land zwar seit dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 demokratisch regiert wird, viele soziale und wirtschaftliche Probleme jedoch bis heute fortbestehen. Die Einkommens und Vermögensunterschiede gehören weiterhin zu den größten weltweit. Gleichzeitig erfuhren wir mehr über die Arbeit der Friedrich Ebert Stiftung, die sich in über 100 Ländern für Demokratie, politische Bildung und soziale Gerechtigkeit einsetzt. In Subsahara Afrika unterhält sie 19 Büros und arbeitet eng mit Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. Interessant fand ich außerdem, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Südafrika mit rund 29 Prozent deutlich höher ist als in Deutschland.
Nach diesem ersten Austausch besuchten wir die National Union of Metalworkers of South Africa (NUMSA), eine der größten Industriegewerkschaften des Landes. Dort erhielten wir einen spannenden Einblick in die Arbeit der Gewerkschaft und ihre politische Rolle in Südafrika. NUMSA gehört dem Gewerkschaftsdachverband SAFTU an, der im Vergleich zum größeren Dachverband COSATU politisch weiter links steht. Besonders spannend war für mich der Austausch über die aktuellen Herausforderungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Südafrika. Dabei ging es unter anderem um Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit und die Zukunft der Industrie.
Ich nutzte die Gelegenheit, mich mit einem Gewerkschaftsvertreter über die Idee einer panafrikanischen Gewerkschaftszusammenarbeit auszutauschen. Mich interessierte, wie Gewerkschaften über Ländergrenzen hinweg stärker zusammenarbeiten können, um die Rechte von Beschäftigten auf dem gesamten afrikanischen Kontinent wirksamer zu vertreten. Das Gespräch hat mir gezeigt, dass viele Herausforderungen, vor denen Gewerkschaften stehen, nicht nur einzelne Länder betreffen, sondern häufig den gesamten Kontinent.
Zum Abschluss unseres Besuchs wurden wir zu einem gemeinsamen Mittagessen eingeladen. Dabei konnten wir die Gespräche in lockerer Atmosphäre fortsetzen und weitere Fragen stellen. Nach diesem ersten Tag wurde mir bereits deutlich, wie vielfältig und spannend unsere Studienreise werden würde. Besonders beeindruckt hat mich die Offenheit, mit der wir überall empfangen wurden, sowie die Möglichkeit, direkt mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Gewerkschaften ins Gespräch zu kommen. Diese persönlichen Begegnungen machten den ersten Tag zu einem gelungenen Auftakt unserer Reise nach Südafrika.
Zweiter Tag in Südafrika: Politik, Wirtschaft und Bildung
Nach einem ereignisreichen ersten Tag begann unser zweiter Tag mit einem Besuch der Auslandshandelskammer (AHK) in Johannesburg. Dort wurden wir von der stellvertretenden Geschäftsführerin Alexa Gerrard empfangen. Die AHK vertritt die Interessen von mehr als 500 deutschen Unternehmen im südlichen Afrika und fördert die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Südafrika. In einer ausführlichen Präsentation erhielten wir spannende Einblicke in die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sowie die Herausforderungen, mit denen Unternehmen derzeit konfrontiert sind.
Besonders beeindruckt hat mich die hohe Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Als wesentliche Ursachen wurden Defizite im Bildungssystem sowie das Fehlen einer dualen Berufsausbildung genannt. Die AHK engagiert sich deshalb mit eigenen Ausbildungsprogrammen, die sich am deutschen Modell orientieren und jungen Menschen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen sollen. Darüber hinaus sprachen wir über die Energieversorgung des Landes. Die jahrelangen Stromausfälle hatten die Wirtschaft stark belastet, mittlerweile setzt Südafrika jedoch verstärkt auf den Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere der Solarenergie. Auch die wirtschaftlichen Beziehungen zu China waren Thema. Dabei wurde deutlich, dass der Export von Rohstoffen zwar kurzfristig Einnahmen bringt, langfristig jedoch eine stärkere industrielle Wertschöpfung im eigenen Land notwendig ist. Zum Abschluss bedankten wir uns mit einem kleinen kulinarischen Geschenk aus Frankfurt für die interessanten Einblicke und den offenen Austausch.
Im Anschluss fuhren wir nach Pretoria, der Verwaltungshauptstadt Südafrikas. Dort besuchten wir zunächst die Union Buildings, den Amtssitz des südafrikanischen Präsidenten. Schon beim Betreten der weitläufigen Gartenanlagen wurde deutlich, welche politische Bedeutung dieser Ort für das Land besitzt. Besonders beeindruckt hat mich die große Nelson Mandela Statue vor dem Gebäude. Genau an diesem Ort hielt Mandela nach dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 seine erste Rede als demokratisch gewählter Präsident Südafrikas. Für mich war dies einer der symbolträchtigsten Orte der gesamten Reise, da er wie kaum ein anderer für Freiheit, Demokratie und Versöhnung steht. Von den Union Buildings aus hat man außerdem einen beeindruckenden Blick über Pretoria.
Nach dem Besuch der Union Buildings wurden wir in der Deutschen Botschaft in Pretoria empfangen. Dort erhielten wir einen Einblick in die Arbeit des Referats Arbeit und Soziales. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Situation auf dem südafrikanischen Arbeitsmarkt, die hohe Jugendarbeitslosigkeit sowie die Bedeutung der beruflichen Bildung. Außerdem erfuhren wir, wie Deutschland gemeinsam mit südafrikanischen Partnern Projekte unterstützt, die Beschäftigung fördern und soziale Ungleichheiten abbauen sollen. Besonders interessant fand ich den Austausch über das deutsche duale Ausbildungssystem, das in Südafrika als Vorbild für verschiedene Ausbildungsprogramme dient und an die örtlichen Gegebenheiten angepasst wird. Der Besuch machte deutlich, wie eng internationale Zusammenarbeit und soziale Entwicklung miteinander verbunden sind.
Den Abschluss des Tages bildete unser Besuch bei der South African Democratic Teachers’ Union (SADTU), der größten Lehrergewerkschaft des Landes. Dort diskutierten wir mit Vertreterinnen und Vertretern der Gewerkschaft über die Herausforderungen des südafrikanischen Bildungssystems. Ein zentrales Thema war die weiterhin bestehende Ungleichheit im Bildungsbereich, die ihren Ursprung noch immer in der Zeit der Apartheid hat.
Im Rahmen der Diskussion nutzte ich die Gelegenheit, selbst eine Frage zu stellen. Mich interessierte, wie das südafrikanische Bildungssystem weiter dekolonialisiert werden könne. Dabei ging es darum, wie Lehrpläne und Unterrichtsinhalte stärker die Geschichte, Kulturen und Sprachen der afrikanischen Bevölkerung widerspiegeln können, ohne dabei die Qualität der Bildung zu beeinträchtigen. Die Antwort machte deutlich, dass dieser Prozess bereits begonnen hat, gleichzeitig aber noch viele Herausforderungen bestehen. Für mich war dieser Austausch besonders spannend, da Bildung eine entscheidende Rolle für Chancengleichheit und gesellschaftliche Entwicklung spielt.
Nach einem langen, aber äußerst lehrreichen Tag kehrten wir mit vielen neuen Eindrücken nach Johannesburg zurück. Während der erste Tag vor allem von Gewerkschaften geprägt war, standen am zweiten Tag Politik, Wirtschaft und Bildung im Mittelpunkt. Gerade die Vielfalt der Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern aus unterschiedlichen Bereichen machte unsere Studienreise zu einer besonderen Erfahrung.
Dritter Tag in Südafrika: Wissenschaftliche Perspektiven und Einblicke in die Industrie
Der dritte Tag unserer Studienreise begann an der Global Labour University der University of the Witwatersrand (Wits University) in Johannesburg. Dort wurden wir von Professor Warren McGregor sowie Vertreterinnen und Vertretern der beiden südafrikanischen Gewerkschaftsdachverbände SAFTU und COSATU empfangen. Im Mittelpunkt des Austauschs standen die südafrikanischen Arbeitsbeziehungen sowie die Rolle der Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft.
Besonders interessant war die Diskussion über die Unterschiede zwischen den beiden Gewerkschaftsdachverbänden. Professor McGregor erklärte, dass die Gewerkschaften des Dachverbands COSATU traditionell eng mit der Regierungspartei African National Congress (ANC) zusammenarbeiten und deshalb häufig als regierungsnah wahrgenommen werden. SAFTU hingegen vertrete eine deutlich kritischere Haltung gegenüber der Regierung und verstehe sich als unabhängige Stimme der Beschäftigten. Der Austausch machte deutlich, wie unterschiedlich Gewerkschaften ihre politische Rolle auslegen und welche Auswirkungen dies auf ihre Arbeit hat.
Während der Fragerunde nutzte ich die Gelegenheit, Professor McGregor nach der Wirksamkeit der Affirmative Action in Südafrika zu fragen. Mich interessierte, ob die Maßnahmen tatsächlich zu mehr Chancengleichheit für die historisch benachteiligte schwarze Bevölkerung geführt haben. Er erklärte, dass die gesetzlichen Regelungen zwar Fortschritte ermöglicht hätten, viele Unternehmen und andere Stakeholder jedoch nach Schlupflöchern suchten, um die Vorgaben zu umgehen. Dadurch würden die Ziele der Affirmative Action teilweise abgeschwächt und bestehende Ungleichheiten blieben in vielen Bereichen weiterhin bestehen. Dieser Austausch verdeutlichte, wie komplex der gesellschaftliche Wandel in Südafrika auch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch immer ist.
Im Anschluss besuchten wir das Unternehmen Chemetall, eine Tochtergesellschaft der BASF-Gruppe, in Boksburg East. Nach einer Begrüßung wurden wir in kleinere Gruppen eingeteilt und erhielten Einblicke in verschiedene Unternehmensbereiche wie Marketing, Personalwesen, Forschung und Entwicklung sowie die Produktion. Besonders beeindruckend war die Besichtigung der Produktionsanlagen und Labore, in denen wir die hohen Sicherheits- und Qualitätsstandards des Unternehmens kennenlernen konnten. Zudem erfuhren wir, wie chemische Produkte entwickelt, geprüft und für Kunden weltweit hergestellt werden.
Zum Abschluss des Besuchs kamen wir mit dem Geschäftsführer ins Gespräch. Dabei diskutierten wir über Arbeitssicherheit, Fachkräftegewinnung, wirtschaftliche Herausforderungen und die Auswirkungen internationaler Entwicklungen auf ein global agierendes Industrieunternehmen. Der Besuch bei Chemetall bildete einen spannenden Kontrast zum Vormittag: Während wir an der Universität die wissenschaftlichen und politischen Perspektiven auf Arbeitsbeziehungen kennengelernt hatten, erhielten wir am Nachmittag einen praxisnahen Einblick in den Alltag eines international tätigen Unternehmens. Gerade diese Verbindung aus Theorie und Praxis machte den dritten Tag unserer Studienreise besonders lehrreich.
Weiter geht es in Teil 2
Fotos: Jordan Mutombo
Hier finden Sie beide Teile:
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